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Wolfgang Stieler

Sie sind da draußen

Die EU will sichere Verschlüsselung durch verpflichtende Hintertüren abschaffen. Dafür kann es nur eine Erklärung geben.

Ich gebe zu: Ich habe mich geirrt. Jahrelang habe ich mich über Verschwörungstheoretiker lustig gemacht, gegen Oskurantismus gewettert, Fakten verteidigt und die Prinzipien der Aufklärung und des rationalen Denkens hochgehalten. Alles vergeblich, denn es kann nur eine Erklärung geben: Sie sind da draußen, um uns zu kriegen - sie sind überall, skrupellos und menschlicher Logik nicht zugänglich. Kurz: Irgendjemand muss unsere Innen- und Sicherheitspolitiker durch reptiloide Aliens ausgetauscht haben. Die Invasion hat längst begonnen!!!

Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten haben sich darauf verständigt, sichere Verschlüsselung EU-weit zu verbieten. Das geht aus dem geheimen Entwurf einer geplanten Deklaration des EU-Ministerrats hervor, die der Österreichische Rundfunk (ORF) veröffentlicht hat, berichteten die Kollegen von heise online.

„Na und?“, werden Sie sagen. „Das ist doch eine ganz normale Reaktion nach den jüngsten Terroranschlägen. Irgendwie muss man doch endlich für mehr Sicherheit sorgen“. Ja, wenn es denn so wäre.Ist es aber nicht, und das ist längst bekannt.

Der Kampf gegen sichere Verschlüsselung läuft, so lange es das Internet gibt. In den USA gab es bereits Anfang der 1990er Jahre erste Bestrebungen, den Regierungsbehörden zwingend den Zugriff auf die Kommunikation von Netznutzern zu verschaffen. Die NSA wollte zudem die Hersteller von Telefonanlagen zwingen, ihren mit einer staatlichen Hintertür versehenen Clipper-Chip zu verbauen. Es kam zu Protesten von Bürgerrechtlern, Netzaktivisten und Wissenschaftlern. Die Auseinandersetzung, in deren Zusammenhang auch die ersten Verschlüsselungsprogramme für Enduser entwickelt wurden, ging unter dem Namen Crypto Wars in die Geschichte ein.

Fun Fact: In Europa ist diese Auseinandersetzung erst Ende der 90er angekommen, weil Verschlüsselungssoftware als „militärisches Geheimnis“ galt und folglich nicht exportiert werden durfte - bis Aktivisten den Quellcode ausdruckten, und in Buchform nach Europa schickten, um die US-Ausfuhrbeschränkungen zu umgehen (Damals habe ich meinen ersten Artikel über das Verschlüsselungsprogramm PGP geschrieben. Und prompt stand auch hier der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann auf der Matte und hat zum ersten mal ein Verbot solcher Verschlüsselung gefordert. Später ging den verantwortlichen Politikern auf, dass es eigentlich viel eleganter wäre, Verschlüsselung nicht per se zu verbieten, sondern dafür zu sorgen, dass man sie selbst im Zweifelsfall aushebeln kann, weil das die Betroffenen in einer scheinbaren Sicherheit wiegt.

Die Argumente gegen die absichtliche Schwächung von Verschlüsselungssoftware und staatliche Hintertüren sind seither immer wieder vorgebracht worden: Staatliche Hintertüren laden zu Missbrauch ein, untergraben das Vertrauen der User in die digitale Infrastruktur, sind ein hervorragendes Ziel für Cyberkriminelle und schaden der europäischen IT-Wirtschaft immens. Zudem laufen sie wahrscheinlich ins Leere, weil die Zielpersonen versuchen werden, sich mit Hilfe illegaler Mittel zusätzlich abzusichern.

Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass wir mittlerweile nicht mehr über das Verschlüsseln von ein paar privaten Emails sprechen. Kryptopgraphie ist quasi zum Rückgrat der gesamten Digitalwirtschaft geworden. Wer diese Struktur schwächt, beschwört ein völliges Chaos herauf, denn niemand kann mehr sicher sein, dass der neue Patch für das Betriebssystem auch wirklich vom Hersteller kommt.

Dass all diese Argumente völlig ins Leere laufen, dass die zuständigen Politiker sehenden Auges gegen die sonst so heiligen Interessen der heimischen Wirtschaft verstoßen, lässt eigentlich nur noch einen Schluss zu: Es hat begonnen. Die EU-Innenminister sind von Reptiloiden übernommen worden, die die Weltherrschaft anstreben. Ich gebe zu: Ich habe mich immer geirrt. Wo ist mein Aluhut? Beam me up Scotty, there is no intelligent life down here.

(Wolfgang Stieler)

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