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Peter Glaser

Kybernetik und Kürbisfratzen

Man darf die Menschen nicht mit ihren Engsten alleinlassen (Coronakoller): Wie aus Furcht eine fröhliche Feier wurde.

Computer können immer schneller immer mehr, aber eines können sie nicht: sich gruseln. Halloween steht vor der Tür, lockdownverhindert nur metaphorisch, aber wir wollen trotzdem einen Blick auf die Sache werfen. Rechner kennen keine Angst. Diese Furchtlosigkeit, genauer gesagt: diese Schreckenstaubheit überträgt sich auf seine Nutzer. Das war bereits bei der Entstehung dieser Maschine im militärischen und geheimdienstlichen Umfeld ihr Hauptprodukt. Erst danach kommen die Geschwindigkeit, mit der sich Geheimcodes wie Nüsse knacken lassen und das durch die magischen Beschwörungsformeln, die nun Software heißen, beliebig verwandelbare, erste universelle Werkzeug der Menschheitsgeschichte; mit der einzigen Einschränkung, dass Maurer mit jedem Werkzeug eine Bierflasche öffnen konnten – bis der Computer kam.

Darin gleichen sich das Fest der beleuchteten Kürbisfratzen und die Elektronengehirne, wie man früher sagte, um die mächtige Rechenmaschine wissen zu lassen: Ich bin so wie du. Wir können uns zusammentun. Auch Halloween entfernt das reales Grauen, die Angst vor Tod und Verwesung, und transformiert es in ein Karnevalsvergnügen für die ganze Familie. Die Maschine, die wir Kultur nennen, ist in vielem (noch) um Klassen leistungsfähiger als jeder Rechner, so auch in der Angstabwehr (Wobei eine Versöhnung von kulturgestützter Furchtlosigkeit mit dem Affenzahn, den die algorithmenbetankte Apparatur zulegt, durchaus denkbar ist, wie eine Berliner Redensart belegt: "Angst hat er keene, aber rennen kann er."). Jede Beschreibung, jede Transformation in Symbole nimmt dem Schrecken etwas, das sie nicht mehr zurückgibt.

Angst ist die Schneekönigin der Gefühle. Wenn die Wände seiner Gefängniszelle plötzlich auf Zorro, den Held der Entrechteten, zurücken und ihn zu zerquetschen drohen, erkennen wir den Mechanismus der Angst und wissen, dass ihm notfalls der Kameramann helfen kann. In den meisten westlichen Sprachen entstammen die Begriffe, mit denen Angst bezeichnet wird, alle einer Gruppe lateinischer Wörter, die "eng" oder "eingeengt" bedeuten (Das Wort "Angstschweiß" ist im übrigen das Wort mit den meisten direkt aufeinanderfolgenden Konsonanten im Deutschen).

Herausfordernd an der Angst ist ihre Eminenz. Das Unerklärliche, Gefährliche, Grauenhafte. Was die alten, analogen Medien bereits ganz gut geschafft haben, nämlich Strohballen an den Rand der Strecke zu schleppen, über die die Angst rast, wird wohl der Computer, der gar nichts anderes kann als Dinge zu bezeichnen, dereinst perfektionieren. Glücksempfinden läßt sich auf angenehme Weise stören, indem wir es zugleich denken ("Ich bin glücklich") und damit auf eine zur sprachlichen Betrachtung nötige Distanz bringen. Von der Angst im Augenblick der Angst abzurücken ist wesentlich schwieriger. Angst macht radikal gegenwärtig. Präsent. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts bedauerte ein englischer Schriftsteller den "unglückseligen Reichtum der Sprache an deutlichen und angemessenen Begriffen zur Bezeichnung äußerster Ratlosigkeit". Wenig später ergänzte der Philosoph Martin Heidegger: "Die Angst verschlägt uns das Wort".

Dichter ringen mit dem Schrecken des Verstummens: "Doch nur vor einem ist mir bang, die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang". Während sein "Faust" sich selbst und allen Mut machte, war Autor Goethe von Höhenangst befallen. Er kurierte sie angeblich, indem er so lange auf eine Turmspitze kletterte, bis die Angst verflogen war; Konfrontationstherapie, würde man das heute nennen, wobei die Trainings-Höhen inzwischen inzwischen in die Virtuelle Realität abgewandert sind.

Als Miguel de Cervantes Don Quichotte sich daranmacht, eine Armee gegen die andere zu unterstützen, gibt sein Knappe Sancho Pansa zu bedenken, dass es sich dabei um zwei Schafherden handelt. "Die Furcht macht's bei dir", schimpft der Ritter von der traurigen Gestalt, "dass du weder recht siehst noch hörst". Tatsächlich entsteht Angst aus Unzulänglichkeiten der Wahrnehmung und urzeitlichen Hinterlassenschaften wie dem Reflex, in visuellen, akustischen oder sensorischen Gestaltlosigkeiten etwas Bekanntes wahrnehmen zu wollen. Ein populäres Beispiel dafür ist die Pareidolie, also das Phänomen, auf Satellitenfotos der Marslandschaft vermeintlich Gesichter oder in vorbeiziehenden Wolken Louis Armstrong zu erkennen.

Die alten Griechen sahen in der Angst eine Macht, die stärker ist als der Mensch, die man sich aber gewogen stimmen und deren schreckenerregende Wirkung man auf die Feinde übertragen konnte; Rechner zur Waffenlenkung sind die modernen Nachfolger dieser Idee. Wenn Indiana Jones Angst davor hat, die Nazis könnten die alttestamentarische Bundeslade ausgraben und damit unbesiegbar werden, hat das Tradition. Der griechische Gott Pan gab seinen Namen für das, was heute Panik heißt. Aber auch die Angst evolviert. Im Mittelalter stand der tapfere Ritter im Kontrast zu einer Masse, die als feige galt. Angst war das jämmerliche Los der Bauern, bis sie während der französischen Revolution in harten Kämpfen das Recht auf Mut errangen.

Heute fürchtet niemand sich mehr davor, beim Segeln über den Rand der Welt zu fallen. Dafür kennen wir andere Ängste – vor dem Jahr-2000-Problem, dem Corona-Virus, dem Karriereende. Eine neue, fundamentale Angst besteht aus den aufsummierten Ängsten, die aus unserem eigenen Tun und Handeln – und Nichthandeln – hervorgehen. Mit dem digitalen Wandel und der damit einhergehenden Fülle an Simulationsmöglichkeiten stellt sich immer öfter die Frage: tue ich tatsächlich etwas oder tue ich nur so, als ob ich etwas täte. Veränderung ist eine klassische Quelle der Angst. Sie ist ein Überlebensreflex. Ohne Angst aber wären wir etwas, das wahrscheinlich den monströsen Parodien auf Lebendigkeit nahekäme, die unter Künstliche Intelligenz firmieren.

(Peter Glaser)

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