Suche
preisvergleich_weiss

Recherche in 2.543.976 Produkten

Gregor Honsel 8

Die Phantom-Pedelecs der EU

In einer EU-Verordnung ist eine Klasse von Pedelecs definiert, die es gar nicht gibt und die niemand braucht – und von der niemand erklären kann, wozu sie gut sein soll.

Für eine Geschichte über E-Scooter im aktuellen Heft wollte ich die Zulassungskategorien für motorisierte Zweiräder in einer Tabelle zusammenfassen. Keine große Sache, dachte ich mir. Doch mit was für einem Verhau an Verordnungen ich es dann zu tun bekam, überraschte mich dann doch. Zum Beispiel die ominöse Kategorie L1-eA: Die EU-Verordnung 168/2013 definiert sie als „Fahrrad mit Antriebssystem“, dessen „Hauptzweck die Unterstützung der Pedalfunktion ist“. Klingt nach einem normalen Pedelec. Aber dann geht es weiter mit einer „maximale Nenndauerleistung oder Nutzleistung ≤ 1 000 W“. Also doch kein Pedelec, denn die dürfen nur 250 Watt leisten. S-Pedelecs bis 45 km/h können ebenfalls nicht gemeint sein, denn die Kategorie L1-eA gilt nur bis 25 km/h.

Mir persönlich fällt auf Anhieb kein einziges Produkt ein, das in diese Klasse passt. Eine Spur scheint ein KBA-Paper zu geben. Dort steht im Kommentar zur „Unterklasse A“: „Wird auch [sic!] Leichtmofa bezeichnet.“ Was ist dies nun wieder? Laut Wikipedia eine Sonderklasse, deren einziger Vertreter in Deutschland die „Saxonette“ war, eine Art Fahrrad mit 30-Kubik-Zweitakter an der Hinterachse, Ende der Achtziger unter der Marke Hercules auf dem Markt gekommen und heute praktisch völlig von der Bildfläche verschwunden.

Laut einer Mail des KBAs gibt es die Kategorie „Leichtmofa“ seit der EU-Verordnung 168/2013 nicht mehr. Sollte L1-eA also der Versuch eines EU-Bürokraten oder -Lobbyisten gewesen sein, dieses obskure Gefährt vor der Illegalität zu retten? Dann ist das jedenfalls ziemlich in die Hose gegangen: Der Motor der Saxonette unterstützt nicht die Tretkraft, sondern treibt die Hinterachse direkt an. Das widerspricht der Definition der Klasse L1-eA.

Aber vielleicht sind L1-eA-Pedelecs ja anderswo in Europa verbreitet, schließlich handelt es sich um eine EU-Verordnung. Ich frage den idw-Expertenmakler, meine Twitter-Follower, den Zweirad-Industrie-Verband, das KBA, das Bundesverkehrsministerium – keine Antwort. Bosch, Marktführer bei Pedelec-Antrieben, schreibt mir immerhin: „Uns ist ebenfalls nicht klar, was L1e-A für eine Kategorie sein soll.“

Halten wir also fest: Die EU definiert eine Marktkategorie, die auf kein existierendes Produkt passt, mit der nicht einmal Brancheninsider etwas anfangen können, und von der offenbar niemand erklären kann, wozu sie gut sein soll.

Möglicherweise wollte die EU ja lediglich vorauseilend neue Möglichkeiten schaffen, die der Markt dann schon nutzen werde. Aber es gibt gute Gründe dafür, dass bis heute offenbar niemand ein L1-eA-Pedelec im Angebot hat: Die Klasse ist schlicht sinnlos. Es mag ja ein ganz cooles Gefühl sein, 1000 statt 250 Watt unterm Hintern zu haben. Aber dafür unterliegt man plötzlich allen anderen Auflagen für Kleinkrafträder – Helm, Versicherung, Führerschein, Radwegeverbot, etc. – und wird trotzdem bei 25 km/h abgeregelt. Dann kann man auch gleich zu richtigen S-Pedelecs (L1-eB) greifen: Die dürfen bis 45 km/h unterstützen, und das mit 4000 Watt.

Diese Phantom-Kategorie mag man als Kuriosität abtun, etwa wie ein Verließ einer alten Burg, das irgendjemand aus Versehen zugemauert hat. Doch wenn ich mir vorstelle, wie viele Entwürfe, Gremien, Abstimmungen und Diskussionen so eine Verordnung überstehen muss, und dass dermaßen grober Unfug trotzdem nicht herausgefiltert wird, bekomme ich ernste Zweifel an der Gesetzgebungskompetenz.

(Gregor Honsel)

8 Kommentare