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Wolfgang Stieler 3

Crash mit Ansage

Bildung in Corona-Zeiten? Ein einziges, flächendeckendes Politikversagen!

Es ist schon eine ganze Weile her, genauer gesagt im Januar 2004, da hatten wir einen großen, roten Knopf auf dem Cover. So ein Buzzer, wie er auch in Quizsendungen verwendet wird. „Neustart!“, lautete die zugehörige Titelzeile. „Wie Deutschland wieder nach vorne kommt“. In der zugehörigen Titelgeschichte schrieb sich der damalige Chefredakteur Thomas Vasek den Frust von der Seele über ein Land, das zwar über hervorragende Techniker und Ingenieure verfügt, aber technisch und wirtschaftlich aber immer weiter zurückfällt. Ein Land, das endlich wieder lernen müsse, „die Zukunft zu lieben“.

Nur kurz zur Erinnerung: 2004 lag das Platzen der Dotcom Blase zwar bereits hinter uns, aber die Finanzkrise war noch lange nicht absehbar. Staatliche Förderung und Regulierung galten als zu träge und verkrustet, Disruption war das neue Zauberwort und „Gründerpersönlichkeiten“ waren die Helden der Stunde. Aber die lebten überwiegend in den USA. Deutschland hingegen wurde von vielen nachgesagt, ein Land der Nörgler zu sein, der Besitzstandwahrer und Technikfeinde. Ich habe diese Einschätzung schon damals für Unfug gehalten.

Aber den Frust, den der Kollege Vasek damals gespürt hat, den kann ich nachvollziehen. Denn angesichts steigender Infektionszahlen fällt den deutschen Kultusministern nichts anderes ein, als von regelmäßigem Lüften zu schwadronieren und die Monstranz des Präsenzunterrichtes vor sich her zu tragen - bis zum nächsten Lockdown. Und dann ist wieder Heulen und Zähneklappern und alle klagen unisono darüber, dass Online-Unterricht die soziale Spaltung vertiefen und die Zukunftschancen der ohnehin schon benachteiligten weiter verringern würde - als ob es nicht seit Jahren Alternativen zu genau dieser Katastrophe gäbe.

Als ob diese Katastrophe nicht mit Ansage geschehen würde. Als ob nach den Schulschließungen im Frühjahr mit ihrer katastrophalen Bilanz - das selbe gilt natürlich auch analog für Universitäten - nicht klar gewesen ist, dass in Deutschland mit Hochdruck an der Digitalisierung der Bildung gearbeitet werden muss. Online-Unterricht 2020 war über weite Strecken so, als ob in den Köpfen der Zuständigen das Internet grade mal erfunden worden ist, PCs Spielzeuge für Nerds sind, und Internetanschlüsse nur in Rechenzentren existieren. Das soll eine führende Industrienation im 21. Jahrhundert sein? Mal ganz im Ernst, das ist lächerlich!

Warum ist das so? Der Ex-Kollege Christian Stöcker, mittlerweile Dozent für „Digitale Kommunikation“ an der HAW Hamburg, argumentiert in seinem neuen Buch "Das Experiment sind Wir", das die deutschen Bildungseliten skandalöserweise immer noch damit kokettieren würden, von den Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts nicht den blassesten Schimmer zu haben. Dementsprechend sehe ihre Politik auch aus.

Ich fürchte, da hat er völlig recht. Aber das ist noch nicht mal das schlimmste. Für mich ist das, was in Sachen Bildungspolitik in diesem Jahr gelaufen ist, ein gigantisches Politikversagen. Ein himmelschreiender Skandal, der eigentlich dazu führen müsste, dass sämtliche Wissenschafts-, und Kultusminister in diesem Land wegen erwiesener Unfähigkeit zurück treten müssten. Das wirklich bittere ist aber, dass dieser Skandal in der Öffentlichkeit offenbar niemanden wirklich interessiert. Bin ich sauer? Ja, das bin ich. Und zu was? Zu Recht!

(Wolfgang Stieler)

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