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Zensur ist Big Business

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Zwischen 50.000 und 75.000 Zensoren arbeiten in der chinesischen Internetwirtschaft, schätzen Harvard-Forscher.

Ein Harvard-Professor hat in China ein soziales Netzwerk gegründet, um die Internetzensur aus nächster Nähe studieren zu können. Entdeckt hat er einen hoch kompetitiven Markt für Zensurwerkzeuge.

Neun Jahre ist es her, dass Mark Zuckerberg sein Studium an der Harvard University abbrach, um Facebook aufzubauen. In diesen Tagen startet nun ein neues soziales Netzwerk vom Harvard-Campus aus – doch sein Gründer, der Politologie-Professor Gary King, will nicht in Zuckerbergs Fußstapfen treten und Kohle machen. Das auf Chinesisch angelegte Netzwerk soll ihm als Forschungsinstrument für die chinesische Internet-Zensur dienen. Unter welcher URL das Netz zu erreichen ist, verrät King deshalb nicht – auch um Menschen zu schützen, die an dem Projekt beteiligt sind.

Kings Social-Media-Labor unterscheidet sich deutlich von bisherigen Untersuchungen. Die verfolgten bestehende soziale Netzwerke und notierten, welche Statusmeldungen die Zensoren entfernt hatten. Dazu kamen einige seltene Interviews mit Leuten, die aktiv an der Zensur beteiligt und bereit waren, Auskunft zu geben.

King hingegen, dessen Netzwerk von einem großen chinesischen Provider betrieben wird, kann nun die Zensur aus nächster Nähe verfolgen. Besonders kurios: Der Kundendienst des Providers berät ihn auch dabei, die Zensurwerkzeuge richtig einzusetzen. „Wir müssen ihn nur anrufen“, sagt King, „Er wird dafür bezahlt, uns zu helfen.“

Mit seinem eigenen Dienst und Untersuchungen etablierter Netzwerke hat King aufgedeckt, dass die chinesische Zensur viel stärker auf automatischen Filtern aufbaut als zuvor angenommen. Mitteilungen von Nutzern werden blockiert, bevor überhaupt die Augen von Verantwortlichen einen Blick darauf werfen können. Besonders pikant: In China ist ein pulsierender, äußerst kapitalistischer Markt für Zensurwerkzeuge entstanden.

Die Software etwa, die die Harvard-Forscher um King einkauften, entpuppte sich als ein erstaunlich komplexes Programm. Und der Hersteller unterstützte die Forscher nach Kräften, um die Software optimal zum Laufen zu bringen. „Die Optionen waren wirklich erstaunlich“, sagt King.

So ist es nicht nur möglich, Nachrichten anhand bestimmter Schlagwörter für eine redaktionelle Sichtung zurückzuhalten. Sie können auch je nach Länge, nach dem Erscheinungsort im Netzwerk oder nach ihrer Bedeutung in einer Diskussion unterschiedlich behandelt werden. Ausgewählte Nutzer können über ihre IP-Adresse stärker zensiert werden als andere, aber auch in Abhängigkeit davon, wann sie das letzte Mal etwas veröffentlicht haben oder wie hoch ihr Ansehen in der Community ist.

Dazu bot der Hersteller verschiedene Plug-ins für die Zensur-Software an, die das Filtern noch verfeinern. Die Gespräche mit dem Kundendienst gaben auch einen Hinweis darauf, wie viele Zensoren das Reich der Mitte eigentlich beschäftigt. Die Firma empfahl King, zwei bis drei Zensoren pro 50.000 Nutzern einzuplanen. Rechnet man dies auf alle in China betriebenen sozialen Netzwerke hoch, ergibt sich eine Zahl von 50.000 bis 75.000 Zensoren in der Internetwirtschaft.

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In einem parallelen Experiment heuerte Kings Gruppe einige Dutzend Leute an, die 1200 Nachrichten in 100 verschiedenen Netzwerken veröffentlichen sollten. Die Forscher wollten so herausfinden, was zensiert wird. Ergebnis: 60 Prozent der Nachrichten wurden von den Zensurwerkzeugen durchgelassen. Von den Zurückgehaltenen erschienen manche mit ein bis zwei Tagen Verspätung, andere nie. Anhand identischer Nachrichten in verschiedenen Netzwerken konnten die Harvard-Wissenschaftler auch beobachten, welche unterschiedlichen Zensurwerkzeuge eingesetzt werden.

China habe einen hoch kompetitiven Markt für Zensur geschaffen, lautet Kings Erkenntnis. Welche Werkzeuge die Betreiber einsetzten, bleibe ihnen im Wesentlichen selbst überlassen. Sie müssten nur sicher stellen, dass bestimmte Äußerungen zuverlässig unterbunden werden. Je besser die Betreiber das schaffen, desto besser für ihre Profite, weil sie keine zusätzlichen Auflagen bekommen.

Jason Ng von der University of Toronto, der die Zensur in China erforscht, hält Kings Arbeit für einen Meilenstein. „Die Behörden scheinen eingesehen zu haben, dass die Regierung nicht der am besten geeignete Zensor ist“, sagt der Politikwissenschaftler. „Wenn Privatfirmen diese Aufgaben übernehmen, ist das nicht nur gut für Innovationen, sondern auch für den Einsatz von Ressourcen.“

Dennoch hänge über dem Zensurmarkt beständig das Damoklesschwert staatlicher Sanktionen, sagt Ng. Nach dem Skandal um den Politiker Bo Xilai im letzten Jahr wurden zwei Twitter-artige Dienste, Tencent und Sina Weibo, von den Behörden für drei Tage eingestellt. Einige kleinere Dienste schlossen ganz. „In einem Bericht der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua hieß es, die Firmen hätten ihren Job nicht richtig erledigt“, erzählt Ng.

Zwar habe Kings Arbeit bestätigt, dass die Internetzensur in China nicht einheitlich vonstatten geht, aber sie sei doch gezielter, als man bisher angenommen habe, sagt Ng. Dabei sei etwa herausgekommen, dass die Zensoren nicht so sehr Kritik an der Regierung unterbinden, sondern viel mehr hinter Äußerungen her sind, in denen es um kollektive Aktionen geht.

Das decke sich mit der Einschätzung politischer Beobachter, dass es der Regierung in Peking durchaus gelegen komme, wenn die Menschen ihrem Ärger Luft machen können. „Wenn die Leute über korrupte Beamte schreiben, kann die Regierung diese Information nutzen“, sagt Ng.

Dass die Forschungsergebnisse von King China zu einem Kurswechsel bewegen, hält der Politikwissenschaftler für unwahrscheinlich. Sie könnten aber dazu beitragen, dass die Kontrollen über Online-Äußerungen gelockert werden. „Sie werden sich auf die Überlegungen der Mächtigen auswirken, wie sie das Allgemeinwohl und die frei Meinungsäußerung ausbalancieren“, erwartet Ng.

(Tom Simonite)

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