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Sascha Mattke 5

Will jemand teilen?

Will jemand teilen?

Bild: James086 / GFDL

Die meisten privaten Autos stehen die meiste Zeit über ungenutzt herum – und könnten somit anderen Menschen überlassen werden. Doch in seiner reinen Form scheint dieses Modell des P2P-Carsharing zu stagnieren.

Die Idee klingt überzeugend: „Wusstest du, dass in Europa 250 Millionen Autos im Durchschnitt 23 Stunden am Tag ungenutzt herumstehen? Was für eine Verschwendung. Wenn wir unsere Autos öfter miteinander teilen, brauchen wir insgesamt weniger Fahrzeuge“, heißt es auf der Homepage von SnappCar, einem Vermittler für den Verleih von Autos von Privatleuten an Privatleute, auch bezeichnet als privates oder „peer-to-peer“-Carsharing.

Wenn nur das Wörtchen „wenn“ nicht wäre: Wie es aussieht, will der Markt für P2P-Carsharing in Deutschland nicht in Gang kommen. Mit Autonetzer ist einer der Pioniere schon 2015 durch eine Übernahme vom Markt verschwunden, ebenso wie in diesem September das Studenten-Startup Tamyca. Selbst Croove, erst Ende 2016 gestartet vom Autokonzern Daimler, soll Anfang nächsten Jahres in der US-Platform Turo aufgehen. Weitere Anbieter fanden nicht einmal einen Käufer, sondern gaben still und leise einfach auf.

Damit sind derzeit nur noch drei überregionale Plattformen für privates Carsharing in Deutschland aktiv, hinzu kommt neben lokalen Initiativen das Start-up Getaway, das – wie viele vor ihm – ehrgeizige Pläne hat, bislang aber nur in Berlin und Magdeburg vertreten ist. Drivy aus Frankreich hat nach der Übernahme von Autonetzer nach eigenen Angaben deutschlandweit gut 6000 Autos im Angebot und 200.000 Nutzer. Snappcar dürfte auf eine ähnliche Größenordnung kommen, reagierte aber ebenso wie Croove nicht auf eine Anfrage zu aktuellen Zahlen.

„Das ist ganz klar noch eine Nische“, sagt Gerd Scholl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das sich im Projekt PeerSharing unter anderem mit geteilten Autos beschäftigt hat. Wie eine Umfrage seines Instituts aus diesem Sommer zeigt, sind bislang nur 2 Prozent der Deutschen als Mieter oder Vermieter im privaten Carsharing aktiv geworden. Vorstellen könnten sich das immerhin 10 Prozent, doch ob dieses Potenzial ausgeschöpft wird, bezeichnet Scholl „fraglich“.

Umso erstaunlicher klingt das, als laut derselben Umfrage 60 Prozent privates Carsharing sinnvoll und nachhaltig finden. Zudem ist es keineswegs so, dass die Deutschen grundsätzlich nur mit dem eigenen Auto fahren würden. Klassische Vermieter wie Sixt oder Europcar sind seit jeher gut im Geschäft, und daneben hat sich ein neues Modell entwickelt, das zwar ebenfalls das Teilen im Namen trägt, aber trotzdem eher Züge normaler Autovermietung trägt: kommerzielles Carsharing über Plattformen, die eigene Autos kaufen und betreiben, sie aber mit weniger Formalitäten und auch für kurze Zeiträume verleihen.

Wie ähnlich sich normale Vermieter und die kommerziellen Sharing-Plattformen sind, zeigt schon der deutsche Marktführer Car2Go – seine europäische Dachgesellschaft gehört zu 75 Prozent Daimler, den Rest hält mit Europcar einer der größten klassischen Autovermieter (der im Übrigen auch an SnappCar beteiligt ist). Und beim kommerziellen Sharing geht es mit schnellen Schritten voran: Für 2016 meldete der Bundesverband dieser Anbieter eine Zunahme der Nutzerzahl um 36 Prozent auf rund 1,7 Millionen. Neuere Daten für die ganze Branche soll es erst im Februar geben, doch allein Car2Go nannte im Sommer die Zahl von 700.000 deutschen Kunden.

Was also können die kommerziellen Auto-Teiler besser als die privaten? IÖW-Experte nennt eine Reihe von Faktoren, die Anbieter wie Car2Go für Kunden attraktiv machen: Man muss sich dort nur einmal anmelden, und wer ein verfügbares Auto in seiner Nähe sieht, kann es dann einfach über eine App reservieren, öffnen und losfahren; wieder abgestellt wird es auf einem beliebigen öffentlichen Parkplatz oder bei Anbietern mit festen Stationen an einer davon. Zudem sind alle Autos mit einem Mindeststandard ausgestattet sowie relativ neu und gepflegt.

Bei den privaten Teilern dagegen muss man sich erst einmal beim Eigentümer erkundigen, ob das ausgesuchte Auto zum gewünschten Zeitpunkt wirklich zu haben ist. „Bei drei und mehr Anfragen hast du gute Chancen, mindestens eine Zusage zu erhalten“, schreibt Drivy selbst auf seiner Website – was im Umkehrschluss heißen dürfte, dass eine einzelne Anfrage selten ausreicht. Außerdem schwanken Alter, Ausstattung und Zustand der Fahrzeuge, und sie stehen nicht unbedingt an günstig gelegenen Orten, sondern irgendwo beim Vermieter zuhause.

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„Insgesamt ist die Transaktion nach wie vor relativ umständlich“, fasst Scholl die Situation beim P2P-Sharing zusammen. So gesehen ist es kein Wunder, dass sich die Privat-Plattformen den kommerziellen annähern: Drivy-Anbieter können ihr Auto inzwischen mit einem Zusatzgerät ausstatten lassen, das ebenfalls das Öffnen per Smartphone ermöglicht, so dass zumindest das persönliche Treffen zur Schlüssel-Übergabe wegfallen kann. Die im Sommer 2016 neu gestartete P2P-Plattform Getaway verlangt das sogar von jedem, der sein Fahrzeug dort vermieten möchte. Manchen Privatleuten dürfte die fremde Zusatztechnik im eigenen Auto allerdings Bauchschmerzen bereiten.

Selbst der P2P-Aspekt geht dem ehemals rein privaten Auto-Teilen zunehmend verloren: Bei Drivy wie bei Snappcar können mittlerweile auch kommerzielle Anbieter ihre Autos einstellen. „Drivy ist inzwischen keine reine P2P-Plattform mehr, sondern (…) Europas größter Markplatz für Autovermietungen“, bestätigt PR-Manager Mats Joosten.

(Sascha Mattke)

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