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Martin Kölling

Post aus Japan: Physiognomie des Verbrechens

Post aus Japan: Physiognomie des Verbrechens

Gesichtserkennungsprogramme gehen auf Diebesfang: Mit solcher Technik versuchen Unternehmen aus Nippon neue Kunden zu gewinnen.

Japan ist ein Land der Koexistenz der Widersprüche – auch beim Thema Überwachungsstaat. Die Bürger geben der Regierung gegenüber so wenig wie möglich Daten preis. Und der Staat hält sich bei der Sammlung bisher zurück. Selbst die Einführung eines Ausweises mit einmaliger Identitätsnummer wird mit engelhafter Geduld ausgeführt und nicht mit drakonischem Zwang.

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Viele Menschen nutzen sie einfach noch immer nicht. Zudem sehe ich verglichen mit Großbritannien, aber auch mit anderen Ländern kaum Überwachungskameras. Doch trotz der öffentlichen Zurückhaltung sind ausgerechnet Japans Firmen in der angewandten Gesichtserkennung der globalen Spitzengruppe dabei.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Das jüngste Beispiel lieferte die kleine, 2006 gegründete Sicherheitsfirma "3rd-eyes" mit einem System, das zur Identifikation von Ladendieben dienen soll. Bis 2019 will das Unternehmen dieses System 100 Läden andrehen, vor allem Buchhandlungen, deren ohnehin geringen Gewinnspannen auch in Japan durch Diebstahl zusätzlich geschmälert werden.

Das System zeichnet die Gesichter der Kunden auf und pickt sich entweder verdächtige Personen heraus oder reagiert auf eingegebene bekannte Täter oder Verdächtige. Wittert es Diebstahl, alarmiert das System entweder Mitarbeiter per Email oder verändert unauffällig die Hintergrundmusik, damit das Personal dem Kunden genauer auf die Finger gucken kann. Ein Nebeneffekt ist Marketing durch Datenanalyse. Der Anbieter wirbt damit, dass das System auch Kunden nach Geschlecht zählen und dann die Besucherströme auswerten kann.

Der Anbieter Tapirs wiederum bietet seit 2014 eine Gesichtskontrolle beim Eintritt in Konzerte oder Sportveranstaltungen an. Beispiele kleiner Firmen wie diese sind nur die Spitze dessen, was eine Reihe mittel- bis richtig große japanische Konzerne bereits global in großem Maßstab anbieten.

Der Elektronikhersteller Omron ist schon lange dabei, ebenso Hitachi und Fujitsu. Der Gesichtsleser vom Technikkonzern NEC hat in den vergangenen Jahren immer wieder globale Vergleichstests gewonnen und tut weltweit in vielen Grenzkontrollen Dienst. Es kann Personen auch auf Grundlage von 30 Jahre alten Fotos identifizieren.

Seit recht kurzem hat auch der Rivale Panasonic seine Expertise in der Bildverarbeitung für Digitalkameras für die Entwicklung eines konkurrierenden Angebots entwickelt, das im bekannten Test des US National Institute of Standards and Technology NECs Programm teilweise übertroffen hat.

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Und die Technik bleibt nicht in den Laboren. Panasonic kombiniert die Gesichtserkennung mit Wärmebildern, um neben Sicherheit auch die Analyse der Kundenströme zu verbessern. Der Drang in die Praxis ist kein Wunder, schließlich ist Panasonic ein großer Hersteller von Sicherheitskameras. So hat die italienische Stadt Bari 200 "vandalensichere" und zoombare, hochauflösende 4K-Überwachungskameras von Panasonic installiert. Nicht einmal das Tragen von Sonnenbrillen oder Mundschutz hilft mehr. Die Systeme durchschauen auch diese Verkleidungen – auch dank Technik aus Japan.

(Martin Kölling)

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