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Martin Kölling 1

Post aus Japan: Bargeldlos zahlen, nur wie?

Kreditkarte von Mastercard

Bild: dpa, Oliver Berg/Archiv

Nippons Regierung fördert das Geldausgeben ohne Scheine mit Rabatten auf die Mehrwertsteuer. Aber die Vielfalt der elektronischen Zahlungsmethoden lässt den Kunden oft wieder zu Cash greifen.

Japan versucht kreativ, eine Mehrwertsteuererhöhung in einen Marketinggag für bargeldloses Zahlen umzumünzen. So wurde ab Oktober der Steuersatz von acht auf zehn Prozent angehoben. Ausgenommen sind nur einige lebenswichtige Waren des täglichen Bedarfs wie Take-out-Kaffee, die weiterhin nur acht Prozent Mehrwertsteuer kosten.

Doch gleichzeitig gibt es für ein paar Übergangsmonate in vielen Geschäften Steuernachlässe zwischen zwei und fünf Prozentpunkten für Kunden, die mit Kreditkarte oder elektronischem Geld bezahlen. Je kleiner der Laden, desto größer der Rabatt, das ist die Regel.

Weg vom Bargeld, bitte!

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Das Ziel der Kampagne ist nicht nur, den volkswirtschaftlich dämpfenden Einfluss einer Mehrwertsteuer zu minimieren. Die Regierung verfolgt damit ein höheres strategisches Ziel: Sie will die Japaner dazu bringen, ihre Liebe zum Bargeld aufzugeben. Denn es stört das amtliche Selbstbild von Japan als Hightechland, dass immer noch 80 Prozent der Geschäfte durch Bares erfolgen – während Schweden bis 2023 bargeldlos werden möchte. Selbst in China ist Zahlen mit elektronischem Geld bereits weiter verbreitet als in Japan.

Nun will die Regierung also mit einem finanziellen Anreiz schaffen, was mit Appellen bisher nicht gelungen ist. Doch schon ein Selbsttest zeigt, dass es nicht immer einfach ist, den vermeintlichen Mehrwertsteuersatz, pardon verminderten Mehrwertsteuersatz, auch zu heben. Und ein Grund ist paradoxerweise die Vielzahl der elektronischen Bargeldsysteme, die in Japan in Umlauf sind.

An einigen Kassen habe ich mehr als ein Dutzend akzeptierte bargeldlose Methoden gezählt: neue Zahlungsdienste wie Apple Pay gibt es gleich mehrere. Dazu addieren sich Geldkarten der Einzelhandelsketten, die nur in derem Verbund akzeptiert werden, und die diverser lokaler Bahngesellschaften, die immerhin meistenteils kompatibel sind. Hin und wieder wird sogar Bitcoin angenommen.

Suica und Pasmo gehen, Apple nicht

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Doch als ich nun im Bagelshop im Tokioter U-Bahnhof Omotesando mit meiner Apple Watch über die installierte QuickPay-App zahlen wollte, entschuldigte sich die Verkäuferin. Hier konnte ich nur mit elektronischen Geldkarten Suica und Pasmo der japanischen Bahngesellschaften zahlen – oder eben bar. Der Shop war wohl zu geizig, sich Lesegeräte für mehr Systeme zuzulegen.

Nun besitze ich diese Karten. Doch ich nutze sie aus steuerlichen Gründen nur zum Fahrkartenkauf, um meine dienstlichen Reisen auch ohne Einzelausweis steuerlich einfacher absetzen zu können. Und so entging mir im Bagelladen der Steuerbonus.

Beim Supermarkt ein paar Stationen weiter scheiterte ich dann zu meiner Überraschung schon wieder. Ich konnte zwar zusätzlich zu den Bahn-Geldkarten mit den handybasierten Zahlungssystemen PayPay oder Line Pay zahlen. An der Kasse wies bereits ein großer Zettel auf diese bedauerlich eingeschränkten Zahlungsmethoden hin. Aber ich dachte: nach meinem Dienst QuickPay fragen, kostet ja nichts – außer etwas Zeit. Nur half es auch nichts: Die Kassiererin suchte auf dem Bildschirm der Computerkasse nach einer passenden Taste, um mich dann letztlich doch um Bargeld zu bitten. Nun hätte ich dort natürlich meine Kreditkarte zücken können. Aber das wollte ich schon aus Prinzip nicht mehr und gab daher nach – und meine hart verdienten handfesten Yen aus.

Kleine Läden sollen mitziehen

Aber die Supermärkte sind nicht die eigentliche Zielgruppe der Kampagne. Vielmehr will die Regierung Tante-Emma-Läden, Restaurants und Kleinunternehmen dazu bringen, sich Kreditkarten- und/oder andere Lesegeräte anzuschaffen. Denn bisher gibt es noch immer viele Geschäfte, die einen Nur-Bares-ist-Wahres-Ansatz verfolgen.

Der Grund dafür mag manchmal Gewinnmaximierung, also Spareifer, sein. Aber Finanzexperten versicherten mir, dass es sich vielfach nur um schlichte Steueroptimierung handeln würde. Immerhin lassen sich Zahlungen mit Bargeld leichter unterschlagen als elektronische Zahlungen, die digitale Spuren hinterlassen.

Bei mir verändert die Kampagne mein Zahlungsverhalten nur graduell. Auf der einen Seiten werde ich so oft es nur geht die Steuerrabatte einstreichen. Auf der anderen Seite werde ich dem Rat von Katastrophenschützern folgen und wie bisher schon reichlich Bargeld als Notgroschen mit mir herumschleppen, am Besten in kleinen Scheinen. Denn eines ist sicher: Wer sich in Japan allein auf elektronisches Geld oder Kreditkarten verlässt, ist nach Erdbeben verlassen.

Nicht nur würde ein Megabeben in Tokio wahrscheinlich Stromausfälle verursachen und damit elektronische Zahlungssysteme stilllegen. Und selbst an Strom führenden Orten dürften den Bankautomaten schnell die Geldscheine ausgehen.

Bargeld dürfte in der Zeit allerdings weiterhin akzeptiert werden – auch wenn schnell das Wechselgeld knapp werden könnte.

Fazit des Selbsttests

Eines hat mich aber hoffen lassen, dass wenigstens Zahlungen über das Handy schneller wieder möglich werden als ich bisher befürchtet habe. Als vorigen Monat nach einem Taifun große Teile von Tokios Nachbarpräfektur Chiba über mehr als eine Woche keinen Strom hatten, richteten die Behörden extra Ladestationen für Handys ein. Aber ich fahre lieber zweigleisig und lehne für mich schwedische Verhältnisse ab.

(Martin Kölling)

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