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Ben Schwan

KI soll Suizidrisiken aufspüren

KI soll Suizidrisiken aufspüren

Bild: "Message from AI" / Michael Cordedda / cc-by-2.0

Die kanadische Regierung plant, in sozialen Netzen nach Anzeichen für Selbsttötungsabsichten der Nutzer Ausschau zu halten – mit Algorithmen.

Der Einsatz von Social Media ist mittlerweile für die meisten Menschen in den westlichen Ländern Alltag geworden – kaum jemand mehr, der nicht regelmäßig postet, "shared" oder "liked", ob auf Facebook, Twitter, Snapchat oder anderswo. Und mit der Dauerbenutzung sozialer Medien ergeben sich aus den dabei geschaffenen Nutzerdaten zahlreiche Möglichkeiten für soziologische sowie gar psychiatrisch-prophylaktische Untersuchungen.

Davon ist zumindest die kanadische Regierung überzeugt. Sie plant ab diesem Monat ein Pilotprojekt. Dabei soll laut Vorvertrag eine auf maschinelles Lernen und Anwendungen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz spezialisierte Firma aus Ottawa helfen, die unter anderem in der Marktforschung tätig ist.

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Advanced Symbolics hat laut eigenen Aussagen aus im Internet gewonnenen Daten bereits solche Großereignisse wie die Wahl von Donald J. Trump zum US-Präsidenten und den – vielfach falsch prognostizierten – Ausgang des Brexit-Referendums korrekt vorhergesagt.

Nun könnte das Unternehmen aus Social-Media-Daten herausfinden, in welchen Landesteilen Kanadas das Risiko von Selbsttötungen am höchsten ist – wenn alles so klappt, wie die Firma verspricht. Drei Monate lang sollen 160.000 repräsentativ ausgewählte Accounts auf sogenanntes "Suizid-verwandtes Verhalten" abgeklopft werden. Dabei kommen nur öffentliche Postings in Betracht.

Was das konkret heißt, soll allerdings nicht Advanced Symbolics, sondern die Gesundheitsbehörde Public Health Agency of Canada (PHAC) definieren, die auch der Auftraggeber ist. (Ob der Vertrag bereits steht, wollte Advanced Symbolics gegenüber Technology Review nicht bestätigen – die PHAC reagierte auf Anfragen zunächst nicht.) Grundsätzliches Ziel des Projektes ist, Muster künftig frühzeitig zu erkennen, Ressourcen besser zu verteilen und einen "Classifier" zu finden, mit dem sich verlässliche Vorhersagen erstellen lassen.

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Advanced Symbolics betont, dass schon die Nutzung der Social-Media-Accounts ein wesentlich breiteres Sampling erlaube. Üblicherweise würden bei Umfragen per Telefon in Kanada vielleicht 1500 Menschen befragt. Wie konkret die Untersuchung aussehen wird – aktuell spricht das Unternehmen nur davon, "Marktforschung" unter besagten 160.000 Personen betreiben zu wollen –, ist noch unklar.

Datenschutzbedenken treten PHAC und Advanced Symbolics entgegen, indem sie betonen, dass die Regierung nicht vorhat, einzelne Nutzer zu kontaktieren. Stattdessen gehe es darum, Muster zu erkennen und Gemeinschaften und Regionen mit erhöhtem Selbsttötungsrisiko zu erfassen.

An dem Projekt gibt es nicht nur wegen der damit in Verbindung stehenden datenschutzrechtlichen Bedenken Kritik. Schon die grundsätzliche Fragestellung, die von Advanced Symbolics beantwortet werden soll, gilt einigen Beobachtern als "schief". So schreibt der Journalist Inori Roy in einem Kommentar für die kanadische Zeitung "Toronto Star", dass die Regierung in Ottawa doch längst wisse, wo das höchste Suizidrisiko im Lande liege – in den Regionen, in denen die indigenen Völker Kanadas, die sogenannten First Nations, hauptsächlich leben.

"Das Projekt könnte eine innovative Lösung sein, gäbe es nicht dieses eine Problem." Die Regierung sei zudem immer wieder daran gescheitert, Suizidrisiken in den First Nations einzudämmen. Es fehle an Geldern und Ressourcen für Verhütungsmaßnahmen. Unter jungen Mitglieder der First Nations im Alter von bis zu 44 Jahren sei die Selbsttötung der aktuell größte Todesauslöser, das Risiko, eine Selbsttötung zu begehen, je nach Landesregion sechs bis sechsundzwanzig Mal höher als bei Menschen anderer Herkunft.

(Ben Schwan)

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