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Sascha Mattke 1

Hochfrequenzhandel begünstigt heftige Kursausschläge

Hochfrequenzhandel begünstigt heftige Kursausschläge

Spezialisierte Börsenfirmen versuchen mit schnellen Computern, von kurzfristigen Kursschwankungen zu profitieren. Tatsächlich hat das Vorteile für den Markt, doch die negativen Aspekte könnten laut einer Bundesbank-Studie überwiegen.

Schon seit dem Ende Juni gefassten Beschluss der Bevölkerung, aus der Europäischen Union auszuscheiden, verzeichnete das britische Pfund stetige Verluste. Am 7. Oktober aber erlitt die Währung überraschend einen akuten Schwächeanfall: Innerhalb von zwei Minuten verlor sie im frühen asiatischen Handel gut sechs Prozent ihres Wertes. "Ich bin seit 1978 in diesem Geschäft und habe jede Pfund-Krise mitgemacht, aber so etwas habe ich noch nie gesehen", zitierte die Financial Times einen Händler.

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Nach der anfänglichen Aufregung machte das Pfund den größten Teil seiner Verluste wieder wett, und auch ein Schuldiger wurde in den Tagen darauf bald gefunden: Handelsfirmen, die mit hochgerüsteten Computern und Algorithmen an den weltweiten Börsen mitmischen und auf diese Weise versuchen, mit einer Vielzahl von schnellen Geschäften insgesamt hohe Gewinne zu machen.

Üblicherweise rechtfertigen diese sogenannten Hochfrequenzhändler ihr Treiben damit, dass es die Märkte liquider mache und deshalb deren Funktionsfähigkeit für alle Beteiligten verbessere. Auch wissenschaftliche Studien darüber kommen überwiegend zu einer positiven Bewertung. Doch computergetriebene "Flash Crahes" wie zuletzt beim Pfund hat es auch bei Aktien und Anleihen bereits gegeben. Und laut einer jetzt veröffentlichten aufwendigen Analyse der Deutschen Bundesbank ziehen sich die schnellen Händler ausgerechnet dann zurück, wenn sie am dringendsten gebraucht würden.

"Marktverwerfungen bis hin zu Flash Events können begünstigt werden", heißt es deshalb in der Bundesbank-Studie, für die Millionen Einzeldaten der europäischen Terminbörse Eurex mit eigens geschriebener Software untersucht wurden. Gegenstand der Analyse waren nicht Devisen, sondern Terminkontrakte auf den Dax und deutsche Staatsanleihen (Dax- und Bund-Futures), die zu den liquidesten Märkten der Welt zählen.

Wie die Bundesbanker auf dieser Grundlage bestätigen, sorgt das in den vergangenen Jahren verstärkte Auftreten der Hochfrequenz-Firmen tatsächlich dafür, dass "fast permanent wichtige Liquidität" bereitstehe – längerfristig orientierte Anleger haben also bessere Chancen, zeitnah einen geeigneten Handelspartner zu finden. Auch zu einer effizienteren Preisfindung tragen die Turbo-Trader demnach bei: Wenn neue Informationen an die Öffentlichkeit kommen, dauert es weniger lange, bis sich die Börsenkurse darauf eingestellt und ein neues Gleichgewicht gefunden haben.

Beides gilt laut der Studie jedoch nur "in normalen Zeiten". Sobald es an der Börse wilder wird, ob durch vorher angekündigte Veröffentlichungen wie neue Arbeitsmarktdaten oder durch überraschende Entwicklungen, verringern manche ("passiven") Hochfrequenzhändler ihr Engagement signifikant, während andere (die "aktiven") auf jeden Kurshüpfer aufspringen und ihn dadurch noch verstärken. Dies gelte sowohl für die Dax- als auch für die Bund-Futures.

Zusammengenommen entstehe dadurch "ein erhöhtes Risiko von Episoden kurzfristig übermäßiger Volatilität". Die Kurse schwanken also, ganz anders als von den schnellen Händlern gern behauptet, in schwierigen Zeiten stärker, als es ohne sie der Fall wäre.

Gelegentliche heftige Kursausschläge sind zwar unschön für Anleger, die davon auf dem falschen Fuß erwischt wurden, doch sie müssen die ebenfalls nicht zu leugnenden Vorteile, die der Hochfrequenzhandel bringt, nicht überwiegen. Allerdings könnte man durchaus die Frage stellen, ob man in der seit der Finanzkrise 2008 ohnehin angespannten Welt der Banken und Börsen zusätzliche Risiken für ein mögliches Chaos an den Finanzmärkten nicht möglichst vermeiden sollte.

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Die Bundesbank will sich in dieser Frage nicht festlegen und erklärt, dass zunächst weitere Studien mit feinkörnigen Marktdaten erforderlich seien. Allerdings verweist sie auf zwei weitere negative Entwicklungen, die durch das Verhalten der Hochfrequenzhändler provoziert würden: Zum einen erzwinge es ein teures technologisches Wettrüsten mit zweifelhaftem Nutzen für die Volksirtschaft insgesamt. Und zweitens könne es langsamere Marktteilnehmer "dauerhaft entmutigen", sich am Handel zu beteiligen, was dann wieder auf Kosten der Liquidität gehen würde.

(Sascha Mattke)

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