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Essay: Den menschlichen Faktor ausschalten

Essay: Den menschlichen Faktor ausschalten

Bild: "David Byrne" / xflickrx / cc-by-sa-2.0

Wir sind besessen – und umzingelt – von Apps und Geräten, die still und leise unsere Interaktion mit anderen Menschen reduzieren.

Der Musiker David Byrne ist Gründer der "Talking Heads", Multiinstrumentalist und Oscar- und Grammy-Gewinner. Er hat sich in seiner Arbeit stets mit moderner Technik auseinandergesetzt.

Ich habe die Theorie, dass Software-Entwicklung und technische Innovation seit etwa einem Jahrzehnt einer unausgesprochenen, übergreifenden Agenda folgen: eine Welt mit weniger menschlicher Interaktion. Diese Tendenz scheint mir – wie es so schön heißt – nicht als Bug, sondern als angebliches Feature daherzukommen.

Man könnte beispielsweise glauben, Amazons Mission sei es, Bücher besser verfügbar zu machen. Und so war es anfangs auch gedacht, welch eine brillante Idee. Doch vielleicht geht es gleichzeitig auch darum, menschlichen Kontakt zu eliminieren. Dies ist vielleicht nicht das primäre, bewusst angestrebte Ziel. Aber überraschend oft kommt genau das dabei heraus.

Die täglich auf uns niederprasselnden Tech-Nachrichten über Algorithmen, künstliche Intelligenz, Roboter und selbstfahrende Autos passen alle in das Muster. Ich bestreite nicht, dass diese Entwicklungen effizient und bequem sind. Ich frage mich nur, ob uns noch bewusst ist, dass es sich dabei nur um einen Weg von vielen handelt. Wir haben uns (möglicherweise unbewusst) für ihn entschieden. Wir könnten aber auch andere Wege einschlagen.

Ich selbst wuchs zwar glücklich auf, fand aber viele Formen sozialen Kontakts unangenehm. Ich bin generell glücklich damit, allein in einem Restaurant zu sitzen und zu lesen. Ich würde das nicht ständig machen wollen, habe aber kein Problem damit. Und doch bin ich mir der Blicke bewusst, die sagen: "Der arme Mann, er hat keine Freunde." Also glaube ich durchaus verstehen zu können, woher dieser unausgesprochene Drang kommen mag, menschliche Kommunikation zu reduzieren.

Aus der Sicht eines Ingenieurs erscheint menschliche Interaktion häufig kompliziert, ineffizient, laut und langsam. Einen Ablauf "reibungslos" zu gestalten bedeutet zwangsläufig auch, den menschlichen Faktor teilweise auszuschalten. Das muss nicht per se schlecht sein. Doch wenn man so viel Macht hat wie der Technologiesektor über den Teil der Menschheit, der sich damit nicht anfreunden kann, dann droht ein seltsames Ungleichgewicht. Die Welt der Technik ist überwiegend männlich geprägt. Testosteron kombiniert mit dem Streben nach Effizienz – eine solche Zukunft kann man sich leicht ausmalen.

Hier ein paar Beispiele:

Online-Bestellungen und Lieferung frei Haus: Amazon, FreshDirect und andere eliminieren nicht nur die Interaktion im Geschäft und in der Kassenschlange; sie schaffen jeden menschlichen Kontakt ab, ausgenommen die (oft bezahlten) Online-Empfehlungen anderer Verbraucher.

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Digitale Musik: Bei Downloads und Streaming gibt es keinen physischen Laden, somit muss man sich auch nicht mit hochnäsigen, besserwisserischen Verkäufern herumschlagen. Einige Dienste bieten algorithmische Empfehlungen, man muss über die Musik also nicht einmal mehr mit Freunden diskutieren. Fällt damit die Funktion der Musik als eine Art sozialer Leim und Schmierstoff weg?

Taxi- und Mitfahr-Apps: Es findet nur minimale Interaktion statt. Man muss dem Fahrer weder das Ziel noch die bevorzugte Route mitteilen – oder überhaupt mit ihm interagieren, wenn man nicht will.

Fahrerlose Autos: Sie zielen vor allem darauf ab, Taxi-, Lkw- und Lieferfahrer überflüssig zu machen. Maschinen fahren theoretisch zwar sicherer als Menschen. Zu den Nachteilen gehört aber massiver Arbeitsplatzverlust. Was ich hier erkenne, ist das konsequente Muster, Menschen zu verdrängen.

Automatisierte Kassen: Der Drogeriemarkt in meiner Nachbarschaft hat seine Mitarbeiter ausgebildet, uns Kunden bei der Benutzung automatischer Kassen zu helfen, die sie später ersetzen werden. Amazon hat Läden – sogar Lebensmittelgeschäfte! – mit automatisiertem Einkaufen getestet. Sensoren erfassen, was man in den Einkaufswagen legt. Dann spaziert man einfach aus dem Laden, während die Beträge vom Amazon-Konto abgezogen werden – ohne jeden menschlichen Kontakt.

Künstliche Intelligenz: KI übertrifft Menschen bei vielen Entscheidungen. Zum Beispiel findet sie die schnellste Route unter Berücksichtigung von Verkehrslage und Distanz, während wir Menschen gern bei der gewohnten Strecke bleiben. Oder sie entdeckt Melanome besser als viele Ärzte. Andere Computerprogramme werden künftig juristische Routinearbeit erledigen. Auch Prüfungen von Kreditanträgen führen inzwischen Maschinen durch.

Roboter-Belegschaft: Fabriken haben zunehmend weniger menschliche Arbeiter. So gibt es keine persönlichen Eigenheiten zu bewältigen, keinen Streit um Überstunden und keinen Krankenstand. Der Einsatz von Robotern erspart Arbeitgebern die Sorge um Arbeitsunfälle, Versicherungen und Sozialabgaben. Persönliche Assistenten: Dank verbesserter Spracherkennung kann man zunehmend mit Maschinen wie Google Home oder Amazon Echo sprechen – statt mit einer Person.

Big Data: Die Verarbeitung massiver Datenmengen identifiziert verborgene Muster in unserem Verhalten. Weil Daten objektiv scheinen, neigen wir dazu, ihnen zu vertrauen. Der nächste Schritt könnte sein, ihnen mehr zu trauen als uns selbst, unseren menschlichen Kollegen, unseren Freunden. Videospiele und virtuelle Realität: Ja, einige Onlinespiele sind interaktiv. Aber die meisten werden in einem Raum von einer Person gespielt. Die Interaktion ist virtuell.

Massen-Onlinekurse (MOOCs): Online-Lernen ohne direkte Lehrer-Interaktion. "Soziale" Medien: Facebook und andere Netzwerke vermitteln zwar erfolgreich den Eindruck, Verbindungen zu schaffen. Doch in Wahrheit bieten sie nur die Simulation echten Kontakts.

Reduzierte Interaktionen haben einige Folgeeffekte – manche gut, andere weniger. Für uns als Gesellschaft würden sie zu weniger Toleranz und Verständnis sowie zu mehr Neid und Gegensätzlichkeit führen. Wie sich zuletzt gezeigt hat, vergrößern soziale Netzwerke sogar Differenzen, indem sie uns erlauben, in kognitiven Filterblasen zu leben. So verringert sich in Wahrheit das Spektrum unserer Kontakte – es beschränkt sich auf die Mitglieder unserer eigenen Gruppe.

Soziale Netzwerke sind auch eine Quelle von Unglück. Anfang dieses Jahres zeigte eine Studie der Sozialwissenschaftler Holly Shakya und Nicholas Christakis, dass Menschen sich umso schlechter fühlen, je mehr sie Facebook nutzen. Somit behaupten diese Technologien, uns einander näher zu bringen, obwohl sie uns tatsächlich auseinandertreiben.

Ich bestreite nicht, dass viele dieser Tools bequem, clever und effizient sind. Viele von ihnen benutze ich selbst. Aber in gewissem Sinne stehen sie im Widerspruch zu dem, was uns Menschen ausmacht. Wir haben uns als soziale Kreaturen entwickelt. Unsere Kooperationsfähigkeit ist ein großer Faktor unseres Erfolgs. Werkzeuge können sie zwar erweitern, aber nicht ersetzen.

TR 10/2017

Dieser Artikel stammt aus der Oktober-Ausgabe von Technology Review. Das Heft war ab dem 14. September 2017 im Handel und ist im heise shop erhältlich.

Werden menschliche Kontakte ungewohnt, verändertsich dadurch, wer und was wir sind. Oft suggeriert unser rationales Denken, Interaktionen ließen sich auf logische Entscheidungen reduzieren. Dabei sind uns viele Feinheiten dieser Interaktionen gar nicht bewusst. Wie die Verhaltensökonomie uns lehrt, handeln wir nicht rational, selbst wenn wir dies glauben. Und durch Interaktionen passen wir unser Bild von dem an, was um uns herum passiert und passieren wird.

Menschen sind launisch, unberechenbar, emotional, irrational und voreingenommen. Das wirkt oft kontraproduktiv. Ich glaube aber, dass sich viele dieser irrationalen Tendenzen am Ende trotzdem zu unserem Vorteil auswirken könnten. Emotionale Reaktionen haben sich über Jahrtausende entwickelt – basierend auf der Wahrscheinlichkeit, wie man am besten mit einer Situation umgeht.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio schrieb über einen Patienten namens Elliot, der durch eine Schädigung seines Frontallappens emotional eingeschränkt war. In jeder anderen Hinsicht intelligent und gesund, befand er sich gefühlsmäßig auf einer Ebene mit Mr. Spock. Elliot brütete endlos über Details und konnte keine Entscheidungen treffen. Damasio schloss daraus, dass uns gerade die Emotionen ermöglichen, uns zu entscheiden.

Solange Menschen zu einem gewissen Grad unvorhersehbar sind (zumindest bis ein Algorithmus diese Illusion vollständig beseitigt), profitieren wir von Überraschungen, glücklichen Zufällen und unerwarteten Verbindungen. Zusammenarbeit vervielfacht diese Chancen.

Außerdem machen unsere vielfältigen Missgeschicke und unser mitunter schräges Verhalten Spaß. Ich frage mich, was uns bleibt, wenn das wegfällt. Entfernt man den menschlichen Faktor aus der Gleichung, sind wir als Menschen und als Gesellschaft unvollständig. "Uns" gibt es nicht als isolierte Individuen. Wir sind Beziehungen. So wachsen und gedeihen wir.

(David Byrne)

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