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Wolfgang Stieler

Der Futurist: Erste Hilfe

Der Futurist: Erste Hilfe

Bild: Mario Wagner

Was wäre, wenn wir nie mehr krank würden?

Zwischenbericht der Kommission zur Prüfung eines Notfall-Gesundheitswesens auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten von Europa.

Warnhinweis: Eine Veröffentlichung der hier dargelegten Fakten kann zu hohen Folgekosten führen. Die Fraktionsführer der Parteien haften für ihre Ausschussmitglieder.

Problem: Gentechnische Verbesserungen haben in Europa zu einem völligen Verschwinden von Erb-, Infektions- und Zivilisationskrankheiten geführt. Medizinische Versorgung wurde damit überflüssig. In jüngster Vergangenheit hat sich jedoch eine klandestine Subkultur herausgebildet, die Krankheit als Mittel der Selbsterfahrung propagiert. Der Ausschuss muss entscheiden, ob dies eine temporäre Reinstallation des Gesundheitswesens rechtfertigt.

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Hintergrund: Anfang des 21. Jahrhunderts wurde erstmals der gezielte Einsatz des Gene Editing in menschlichen Embryonen praktiziert, um ein superaktives menschliches Immunsystem zu erzeugen.

Die EU hat daraufhin 2035 ihr Gesundheitssystem komplett abgewickelt. Die Kosten-entlastung hat zu einem dauerhaften Wirtschaftsaufschwung von zehn Prozent geführt. Die Ethik-Kommission der UN hat aber zur Auflage gemacht, das Enhancement mit "lebensstil- abhängigen Abschaltvorrichtungen" zu kombinieren. Mangelnde Bewegung, der Konsum von Alkohol und Nikotin in unzulässigen Mengen und eine falsche Ernährung schalten es ab.

Kaiho-Bewegung: Die Kaiho-Bewegung spricht in Untergrund-Foren und verschwiegenen Gruppen gezielt Jugendliche an und propagiert Krankheit als ultimative Selbsterfahrung. Wegen der nicht mehr vorhandenen medizinischen Infrastruktur ist es dabei bereits zu ersten Todesfällen gekommen. Experten vermuten den Ursprung der Bewegung bei einem radikalen buddhistischen Mönchsorden in Japan. Die Tendai-Mönche am Berg Hiei im Nordosten von Kyoto pflegten das so genannte Kaihōgyō-Ritual.

TR 10/2017

Dieser Artikel stammt aus der Oktober-Ausgabe von Technology Review. Das Heft war ab dem 14. September 2017 im Handel und ist im heise shop erhältlich.

Sie laufen tausend Nächte lang jede Nacht siebenmal um den Berg – das sind etwa 40 Kilometer pro Tag – und verbringen dann neun Tage ohne Schlaf, Essen und Wasser. Die Praxis soll den Übenden dem Tod so nahe wie möglich bringen, um "den Wert des Lebens zu erkennen". Im Westen haben sich dazu eher Alkohol und Zigaretten durchgesetzt.

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Kosten: Auf der Basis der Zahl der Raucher im frühen 21. Jahrhundert gehen wir von 30 Prozent der Bevölkerung aus, die sich selbst schädigen. Daher würden wir für Deutschland etwa 10000 Mediziner benötigen, wenn die Bewegung sich weiter ausbreitet.

Ein kleiner Teil davon kann möglicherweise aus dem Ruhestand aktiviert werden. Der größte Teil verdingt sich in illegalen Kliniken in Afrika und Mittelamerika, für Menschen, die unbedingt krank werden wollen. Er ist daher langfristig gebunden. Nachwuchskräfte auszubilden benötigt zwölf Semester und kostete pro Mediziner 180.000 bis 200.000 Euro.

Beschlussvorlage: Wirtschaftlich ist eine Neuauflage der medizinischen Versorgung nicht zu stemmen. Es kann zudem nicht ernsthaft ausgeschlossen werden, dass die Kaiho-Bewegung eine Erfindung aus Kreisen der früheren Pharmaindustrie ist.

Die maßgeblichen Aktionäre der großen Pharmakonzerne haben ihr Kapital nach der Abwicklung des Gesundheitssektors unter anderem in Medien investiert (siehe Anhang 1). Der EU-Wohlfahrtsausschuss empfiehlt daher, keine weiteren Maßnahmen einzuleiten. Es wird angenommen, dass die Bewegung ausstirbt.

(Wolfgang Stieler)

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