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John Pavlus

Blick hinter Googles Gläser

Der Neurobiologe Mark Changizi glaubt, dass die Datenbrille, die der Suchriese plant, durchaus umsetzbar ist.

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"Project Glass", Googles jüngste Science-Fiction-Vision aus dem hauseigenen "X"-Labor, sorgte kurz nach Veröffentlichung eines Konzeptvideos im Internet für reichlich Wirbel. In der Demonstration wird die Funktionsweise einer Augmented-Reality-Brille gezeigt, die dem Nutzer ständig aktuelle Informationen in sein Gesichtsfeld einblendet – vom Online-Wegweiser über die Terminerinnerung bis hin zum Videochat. Die Reaktionen im Netz reichten von Begeisterung bis Skepsis.

Die Frage dabei ist allerdings, ob sich die filmische Demonstration auch in die Praxis umsetzen lässt. Der durchsichtige Mini-Bildschirm, der laut Projektbeschreibung vor dem rechten Auge angebracht sein soll, müssten schließlich scharf genug darstellen, damit dem Nutzer nicht schlecht wird und er die Informationen, die die Google-Technik ihm durchgeben soll, auch lesen kann. Und wohin würde man beispielsweise konkret schauen, um das kleine Chat-Fenster zu betrachten, das Googles Demovideo zeigt?

Mark Changizi, Neurobiologe und Autor des Buches "The Vision Revolution", der den menschlichen Sehapparat erforscht, hat "Project Glass" für Technology Review analysiert. Sein Ergebnis: Ganz so problemlos, wie Google es darstellt, dürfte die Technik in der Praxis nicht sein. "Die Grafik wird nicht einfach so aussehen, als schwebe sie vor einem, nur weil sie vor einem Auge angezeigt wird", sagt er. Stattdessen werde es eher wirken, wie wenn man durch die eigene Nase "hindurchschaut", die scheinbar transparent im peripheren Gesichtsfeld verbleibt. "Grundsätzlich ist das Gehirn aber daran gewöhnt, mit unterschiedlichen Bildern umzugehen, die von den beiden Augen kommen. Es dürfte also nicht stören."

Das Problem sei aber die Präsentation von Text. "Um solche Details zu entziffern, muss man sie vor dem Bereich des schärfsten Sehens, der Sehgrube, haben." Das bedeutet auch, dass die knackigen scharfen Botschaften, die im Video ständig aufpoppen, keinesfalls so leicht darzustellen sind.

"Natürlicher wäre es, dies in Bereichen des Sehfeldes zu platzieren, wo man bereits Teile des Gesichtes wahrnimmt – allerdings nur, wenn es sich nicht um Text handelt", sagt Changizi. Dies könnte die linke oder rechte Peripherie sein, wo das "Geisterbild" der Nase sitzt oder an der oberen oder unteren Kante des Sehfeldes, wo man seine Wangen wahrnimmt, wenn man lächelt – oder die Brauen, wenn man diese nach unten zieht. "Dort könnte man geometrische Muster unterbringen, die man gut wahrnimmt, ohne dass man direkt auf diese schauen müsste." Dies würde dann dazu führen, dass sich die digitalen Überlagerungen stärker nach dem eigenen Körper anfühlten. "Das Bild wird dann nicht einfach der realen Welt übergestülpt, was den Nutzer stören oder desorientieren könnte", sagt Changizi. Stattdessen könne man im peripheren Sehfeld digitale Informationen quasi unterbewusst unterbringen. "Das ist dann ganz anders, als wenn man auf einen Smartphone-Filmschirm starrt."

Ein Google-Mitarbeiter bestätigte gegenüber Technology Review, dass das Team derzeit an unterschiedlichen Experimenten arbeite, wie man die Darstellung optimieren könnte. "Dabei geht es auch um Tests in freier Natur." Was dabei bisher herauskam, wollte er allerdings nicht verraten. Das Konzeptvideo scheint jedoch vor allem dafür gedacht, die Grundidee zu kommunizieren – und keine biologisch 1:1 umsetzbare Idee.

Experte Changizi betont, dass Google jedoch genau diese physiologischen und phänomenologischen Probleme lösen muss, soll aus "Project Glass" jemals ein Produkt werden. Pessimistisch ist er allerdings nicht: "Derzeit laufen wir alle mit kleinen 4-Zoll-Bildschirmen in ihren Händen herum und stoßen ständig miteinander zusammen. Egal, was Google konkret umsetzt – eine Verbesserung gegenüber der Gegenwart ist es mit ziemlicher Sicherheit." (John Pavlus) / (bsc)

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