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Simone Hörrlein 1

Amsilk: Am seidenen Faden

Amsilk: Am seidenen Faden

Die Fäden von Spinnennetzen sind reißfester als Stahl, elastischer als Gummi, sauerstoffdurchlässig und wasserabweisend. Nun hat es ein deutsches Unternehmen geschafft, daraus eine Textilfaser herzustellen.

Zum vierten Mal kürt Technology Review die 50 innovativsten Unternehmen des Jahres. Das entscheidende Kriterium für die Auswahl: bahnbrechende Ideen und wegweisende Fortschritte. Hier schreiben wir, warum es diese Firma unter die Top-50 geschafft hat.

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Die gesamte Liste mit den "50 innovativsten Unternehmen":

Willkommen in der größten Spinndrüse der Welt. Die Gegend wirkt fast ländlich, wären da nicht die vielen Hightech-Gebäude, die das beschauliche Martinsried am Stadtrand von München zu einem Biotech-Standort machen. Hier sitzt Amsilk, und 2013 gelang es dem Unternehmen erstmals, den seidenen Faden der Spinne künstlich herzustellen. Genveränderte Kolibakterien produzieren dabei ein weißes Pulver. Aus diesem entsteht dann in einem Flüssigspinnverfahren die Faser. Mehr Details will Geschäftsführer Jens Klein nicht verraten, denn die seien Betriebsgeheimnis.

Auch Thomas Scheibel, der die Grundlagen für das Verfahren legte und Amsilk mitbegründete, lässt sich nicht viel mehr entlocken. "Biopolymere ordnen sich unter spezifischen Bedingungen spontan zur richtigen Struktur", und diese Bedingungen habe man entschlüsselt, sagt der heutige Inhaber des Lehrstuhls für Biomaterialien an der Universität Bayreuth.

Seitdem schaffen Maschinen, was vorher nur Spinnen möglich war: Ein Material zu produzieren, das reißfester ist als Stahl, elastischer als Gummi, vollständig kompostierbar, antiallergen, feuchtigkeitsregulierend, sauerstoffdurchlässig und gleichzeitig wasserabweisend sowie resistent gegen extreme Temperaturen.

TR 9/2017

Der Text stammt aus der September-Ausgabe von Technology Review (im heise shop erhältlich). Weitere Artikel des Hefts:

Herkömmliche, von Seidenraupen produzierte Seide saugt sich dagegen mit Wasser voll und ist empfindlich gegenüber Sonnenlicht. Außerdem muss für die künstliche Seide kein Lebewesen sterben, während für ein einziges Kleid aus natürlicher Seide 50000 Raupen lebendig gekocht werden.

Ein Team um Andreas und Thomas Strüngmann, Gründer des Pharmaunternehmens Hexal, investierte einen zweistelligen Millionenbetrag. Mit dem Geld gelang Amsilk die industrielle Produktion. Damit war das Unternehmen im Geschäft.

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Erster Markt war die Kosmetikindustrie. "Produkte mit unserer Seide sind besonders in Korea und Thailand gefragt", erzählt Klein. Einige hat er auf dem Tisch vor sich aufgebaut: Darunter eine Multilifting-Creme aus Korea und eine Feuchtigkeitscreme, "die wird gleich um die Ecke hier, in Grünwald, produziert".

Auch der Nagellack mit Seide dürfte seine Anhänger finden, denn er verströmt weder einen penetranten Geruch, noch soll er unschöne Verfärbungen auf den Nägeln hinterlassen, weil er sauerstoffdurchlässig ist. Die zugrunde liegenden Amsilk-Produkte Silkbeads und Silkgel würden mittlerweile so stark nachgefragt, dass die Produktion an einen Lohnhersteller ausgelagert wurde, der beides im Tonnenmaßstab produziert. "Seit seiner Gründung hat das Unternehmen beeindruckend viele Meilensteine erreicht", kommentiert Matthias Kromayer, General Partner bei den MIG Fonds und Teil des Investorenteams.

Und doch wäre es eine Verschwendung der Seideneigenschaften, würde sich Amsilk nur auf diesen Markt konzentrieren. Das Unternehmen hat daher seit Kurzem ein echtes Garn unter dem Namen Biosteel auf den Markt gebracht. "Die Pilotanlage dafür steht ein paar Ortschaften weiter", sagt Klein. In Martinsried gebe es schlicht zu wenig Platz. Die Gruschwitz Textilwerke AG verarbeitet die Spinnenfaser zum Hochleistungsgarn. Insbesondere im Outdoor- und Sportbereich versprechen sich die Entwickler einiges, denn das Seidengewebe hat Goretex-ähnliche Eigenschaften: Es gibt Feuchtigkeit nach außen ab, lässt aber kein Nässe nach innen durch.

Sportartikelhersteller Adidas hat bereits den Prototyp eines Laufschuhs geschaffen, dessen Obermaterial zu 100 Prozent aus der Spinnenseidenfaser besteht. 2016 wurde er in New York vorgestellt. Einen Termin für eine großflächige Vermarktung des Schuhs gibt es zwar noch nicht, doch Klein ist überzeugt, dass der Schuh kommen wird. Als Teil von Verbundmaterialien dürfte die Faser zudem für die Automobil- und Luftfahrtindustrie interessant sein, glaubt Klein.

Auch die Medizin hat Verwendung für Seide. So sollen mit ihr beschichtete Brustimplantate aus Silikon besser verträglich werden. Im Labor hat man unter anderem gesehen, dass sich auf beschichteten Implantaten sehr viel weniger Bakterien ansammeln. Die Spinnenseide übersteht dabei den harten Sterilisationsprozess. "Mit ihr beschichtete Implantate werden 48 Stunden lang bei 121 Grad Celsius sterilisiert, dennoch bleibt ihre Proteinstruktur voll funktionstüchtig", erklärt Klein. Tierversuche haben zudem gezeigt, dass Spinnenseide antiallergisch wirkt. Sie könnte sogar Kapselfibrosen verhindern.

Diese oft schmerzhaften Gewebekapseln bildet der Körper als Reaktion auf klassische Brustimplantate. Auch hier haben Tierversuche gezeigt, dass Spinnenseide solche Abwehrreaktionen des Körpers verringern kann. "Eine entsprechende multinationale Studie startet demnächst", sagt Klein.

(Simone Hörrlein)

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