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Alexander Sturm, dpa 342

Zur Apotheke ins Internet? Der umstrittene Versand von Medikamenten

Medikamente, Medizin, Pillen, Gesundheit

Ausländische Versandhändler versuchen, den deutschen Arzneimittelmarkt mit Rabatten im Netz aufzurollen. Die Apothekerlobby warnt vor einem Apothekensterben.

Ein Mittel gegen Grippe, eine Salbe gegen Zerrungen, vom Arzt verordnete Schilddrüsentabletten: Wer Medikamente braucht, muss nicht unbedingt zur nächsten Apotheke. Sie lassen sich längst auch im Internet bestellen. Und das oft günstiger. Versandhändler wie DocMorris oder Europa Apotheek drängen mit teils üppigen Rabatten für Medikamente auf den deutschen Markt. Der ist bisher fest in der Hand der traditionellen Apotheken, wie Zahlen des Branchenverbands ABDA zeigen. Im gut 34 Milliarden Euro schweren Markt für verschreibungspflichtige Arzneien wurde 2016 nur rund ein Prozent des Umsatzes per Versand erzielt. Bei rezeptfreien Mitteln waren es gut 13 Prozent. Auch wenn Versandapotheken steigende Umsätze verbuchen, sind sie bisher Winzlinge.

Urteil des Europäischen Gerichtshofs

Doch die Herausforderer erwarten, dass der besonders umkämpfte Versandmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente mittelfristig kräftig wächst. Verbraucher müssen dabei das Rezept an die Versandapotheke schicken. DocMorris wirbt mit portofreiem Einsenden, Mindestbonus von je 2,50 Euro und kostenlosem Arzneiversand. Die Apotheker, die sich von diesem Mittwoch an beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf treffen, sind alarmiert. Grund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von Oktober 2016: Demnach müssen sich ausländische Versandhändler bei rezeptpflichtigen Medikamenten nicht mehr an die Preisbindung hierzulande halten. Die Online-Apotheken dürfen also nicht nur bei Nasensprays Rabatte gewähren, sondern beispielsweise auch bei starken Schmerztabletten.

Die Apothekerlobby warnt nun vor einem Apothekensterben. Mit 19.880 sei deren Zahl auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 1988 gefallen, so die ABDA. Noch sei die flächendeckende Versorgung gewährleistet. "Doch ein Preiswettbewerb mit ausländischen Versandhändlern bei rezeptpflichtigen Medikamenten wird den Abwärtstrend beschleunigen."

"Kein Grund zur Panik"

Doch wollen die Deutschen überhaupt Medikamente im Netz kaufen? Die meisten Bundesbürger bleiben offenbar ihrer Apotheke treu. Laut einer Forsa-Umfrage hat erst jeder vierte Deutsche schon Medikamente online gekauft, bei rezeptpflichtigen Arzneien sind es nur drei Prozent.

Viele scheuten das Einschicken der Rezepte, sagt Johann Stiessberger, Pharma-Experte bei der Beratungsgesellschaft BCG. Und selbst bei Erkältungsmitteln gingen die Deutschen lieber zur Apotheke. "Wer krank ist, möchte meist schnell ein Medikament haben." Auch achteten Verbraucher dann nicht so sehr auf Rabatte. Was vor allem im Netz gekauft werde, seien Nahrungsergänzungsmittel. Allein wegen Versandhändlern würden Apotheken samt ihrer Beratung nicht verschwinden, sagt der Berater. "Es besteht kein Grund zur Panik."

Die Apotheken aber fordern ein generelles Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneien – ebenso wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Bei verordneten Medikamenten dürfe es nicht ums Schnäppchen jagen gehen, sagte er jüngst den "Westfälischen Nachrichten". "Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Beratung." Da die SPD ein Verbot bisher verhinderte, will die Union das Projekt nach der Bundestagswahl angehen. Die CSU wirbt online schon offensiv um Apotheker, Spendenaufruf inklusive.

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