Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.508.171 Produkten

Stefan Krempl 31

Zunehmende Mobilfunküberwachung in den USA in der Kritik

Bürgerrechtler der American Civil Liberties Union (ACLU) haben im vergangenen Jahr von über 200 US-Polizeibehörden Informationen zum Beschatten von Handy-Nutzern auf Basis des "Freedom of Information Act" abgefragt. Die Resultate in Form von über 5500 Aktenseiten hat die "New York Times" jetzt veröffentlicht.

Demnach gehört auch in den Vereinigten Staaten die Überwachung des Mobilfunks mittlerweile zu den Routinemaßnahmen der Strafverfolger. Zunehmend setzen die Ermittler dabei auch auf Funkzellenabfragen, mit denen sich quasi eine Anwesenheitsliste aller Handy-Nutzer erstellen lässt, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in Reichweite eines Sendemasts befunden haben.

Fast alle der über die gesamte USA verteilten Polizeistationen, die auf die Ersuchen reagierten, setzen nach Angaben der ACLU in der ein oder anderen Form auf die Verfolgung Verdächtiger anhand der Spuren ihrer Mobiltelefone. Rechnungen von Telekommunikationsfirmen etwa zeigten, dass allein die Fahnder in der Stadt Raleigh in North Carolina Verbindungsdaten von Hunderten Handys pro Jahr auswerteten. Bei vielen Strafverfolgungseinrichtungen existierten spezielle Handreichungen, welche Informationen Provider wie lange aufbewahrten und wie man diese am besten abfragen könne. Weiter werde teils erklärt, wie man den Passwortschutz von Smartphones aushebeln und deren Inhalte "klonen" könne.

Einzelne Polizeibehörden haben sich den Papieren zufolge eigene IMSI-Catcher zur Ortung Verdächtiger und zur weiteren Überwachung ihres Mobilfunkverkehrs zugelegt oder geliehen. Die Gemeinde Gilbert in Arizona etwa hat für derlei Gerätschaften 244.000 US-Dollar ausgegeben. Rasterfahndungen in Handy-Daten per Funkzellenabfrage sind zumindest für die Städte Cary, Randolph, Raleigh sowie den Landkreis Guilford in North Carolina und für Kommunen in Nevada belegt. Auch die Preise, die Telcos dafür veranschlagen, sind dokumentiert. So berechnet T-Mobile für eine Funkzellenabfrage 150 US-Dollar pro Stunde, Verizon Wireless bittet die Behörden für gleiche Dienstleistungen mit 30 bis 60 US-Dollar alle 15 Minuten zur Kasse.

Sorgen, dass Provider Verbindungs- und Standortdaten bald wieder löschen, müssen sich US-Ermittler nicht machen. Der Anbieter Sprint hält die begehrten Informationen nach Angaben des US-Justizministeriums zwischen 18 und 24 Monate vor, AT&T "seit 2008".

US-Bürgerrechtsorganisationen wie die ACLU oder die Electronic Frontier Foundation (EFF) stört an den Aktenfunden vor allem, dass die meisten Strafverfolger sich die Mobilfunküberwachung nicht von einem Richter absegnen lassen. In der Ortschaft Ogden in Utah etwa überlässt es der Sheriff den Netzbetreibern, ob sie eine gerichtliche Anweisung sehen wollen oder nicht.

Ein Übungsmanual aus Nevada weist darauf hin, dass es nur in Notfällen erlaubt sei, ohne Richterprüfung Ortungsanfragen zu stellen. Es sei wiederholt zu Missbräuchen der Befugnisse gekommen, was das Misstrauen von Mobilfunkanbietern geweckt habe. Anwälten zufolge sind die Gesetze und die Rechtsprechung in dieser Hinsicht nach wie vor unklar, auch wenn der Supreme Court Anfang des Jahres betont habe, dass ein GPS-Sender in der Regel nicht ohne Richtergenehmigung angebracht werden dürfe.

Die ACLU und die EFF sehen den Gesetzgeber in Zugzwang. Sie machen sich für die Verabschiedung eines Geolocation Privacy and Surveillance Act stark, der derzeit im US-Kongress beraten wird und eine gerichtliche Anordnung für die Nutzung von Handy-Daten vorsieht. Ferner drängen die Vereinigungen auf eine Reform des Electronic Communications Privacy Act (ECPA), da dieser derzeit auch zum Ausspähen von E-Mail-Konten missbraucht werde.

Hierzulande hat die linke Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak derweil Klage beim Amtsgericht Dresden wegen der Verwendung ihrer Verbindungsdaten nach einer Funkzellenabfrage im Rahmen der Protestaktionen gegen einen Neonazi-Umzug in der sächsischen Hauptstadt im Februar 2011 erhoben.

Bei derartigen Maßnahmen rückten zahlreiche unverdächtige Menschen in den Fokus polizeilicher Ermittlungen, weil sie "zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren", rügte die Parlamentarierin. Die Fahnder bedienten sich dieses Instruments leichtfertig, was auch das Beispiel der Berliner Autobrände zeige. Inzwischen ist bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Dresden im Juli 2011 selbst nach einer Farbbeutelattacke auf das Glücksgas-Stadion eine Funkzellenabfrage durchgeführt hat. Dabei sollen Verkehrsdaten "im niedrigen vierstelligen Bereich" erhoben worden sein. (keh)

31 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Facebook und Instagram: Keine Nutzerdaten für Überwachungs-Tools

    "gefällt mir nicht" - Illustration

    Dienstleister, die soziale Netze und deren Nutzer in Echtzeit zu überwachen, erfreuen sich nicht nur bei Strafverfolgungsbehörden einer gewissen Beliebtheit. Facebook untersagt Entwicklern nun explizit, Nutzerdaten für solche Werkzeuge zu verwenden.

  2. US-Experte im NSA-Ausschuss: Techies haben bei Netzsicherheit lange versagt

    NSA

    Der eigentlich von Edward Snowden aufgedeckte Skandal war laut dem US-Bürgerrechtler Chris Soghoian nicht das Treiben der NSA, sondern die jahrelang sehr schlecht abgesicherte elektronische Kommunikation.

  3. Facebook und Twitter wehren sich gegen Nutzermonitoring für US-Strafverfolger

    Facebook

    Geofeedia überwachte dank eines Entwicklerzugangs die Datenströme auf Facebook, Instagram, Twitter und anderen Diensten, um seinen Kunden geobasierte Nutzerinformationen zu geben. Weil das Strafverfolger nutzten, haben die Dienste nun den Stecker gezogen.

  4. Was war. Was wird. Des Sommers Rätsel erster Teil

    Sommer, Sonneqnblume, Biene

    Es ist Sommer. Und eigentlich heiß genug, dass man nicht völlig sinnlos Feuer anzünden muss. Aber was solls, manchen ist nichts zu peinlich. Da kann man sich auch mal dem Sommerrätsel widmen, meint Hal Faber.

  1. US-Geheimdienste machen Terror gegen Verschlüsselung

    "Die Pariser Anschläge hätten verhindert werden können". NSA, CIA und FBI drängen in einer groß angelegten Kommunikationskampagne auf Zugänge zu verschlüsselten Mobilgeräten

  2. "Datenschutz" für Europäer: US-Repräsentantenhaus winkt Farce durch

    Datenschutz für Europäer: US-Unterhaus winkt Farce durch

    Das US-amerikanische Repräsentantenhaus hat einen Gesetzestext gebilligt, der manchen Ausländern das Recht geben soll, US-Behörden wegen Datenschutzverletzung zu verklagen – wenn die US-Behörden das wollen.

  3. Gene-Roddenberry-Nachlass gerettet

    Über 200 5 ¼"-Disketten für das Betriebssystem CP/M konnten ausgelesen werden

  1. iOS 11 steht zum Download bereit: iPhone und iPad werden produktiver

    iOS 11 iPad

    Ein Datei-Manager und grundlegenden Neuerungen vereinfachen die Arbeit mit iPhone und iPad. ARKit öffnet die Tore für eine Flut an Augmented-Reality-Apps. Alte iPhones und Apps müssen draußen bleiben.

  2. Notfall-Robotik: Bodenroboter bewähren sich an den Ventilen

    ERL Emergency: Bodenroboter bewähren sich an den Ventilen

    Während des Roboterwettbewerbs ERL Emergency konnten die ersten Roboter Aufgaben absolvieren. Bodenroboter manövrierten in Gebäuden und schlossen Ventile. Die Unterwasserroboter konnten weniger glänzen.

  3. Studie: Deutschland verfehlt EU-Ziel für erneuerbare Energien

    Studie: Deutschland verfehlt EU-Ziel für erneuerbare Energien

    Ökostrom stärker fördern, den Ausbau deckeln oder alles dem Markt überlassen? Darüber streiten Experten und Parteien. Der Bundesverband Erneuerbare Energien warnt: So, wie es jetzt läuft, schafft Deutschland die EU-Vorgaben nicht.

  4. Magnetfeld-Ladestation Pi: Smartphones und Tablets kontaktlos laden

    Drahtlos-Ladestation Pi: Smartphones und Tablets kontaktlos laden

    Ein US-Startup hat ein Aufladesystem für Mobilgeräte vorgestellt, das ohne Kabel oder Auflagefläche auskommt. Die Geräte müssen sich lediglich in der Nähe der Ladestation befinden.

Anzeige