Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.682.435 Produkten

Axel Kannenberg 103

Werbedisplays mit Gesichtserkennung: Digitalcourage will gegen Deutsche Post und Real klagen

Werbedisplays mit Gesichtserkennung: Digitalcourage will gegen Deutsche Post und Real klagen

Bild: Echion

Sowohl bei Real als auch der Deutschen Post werden Kamerasysteme getestet, die Geschlecht und Alter von Kunden vor Werbedisplays erfassen. Netzaktivisten wollen jetzt dagegen klagen.

Aktivisten des Vereins Digitalcourage wollen die Deutsche Post und die Supermarktkette Real verklagen, weil diese in ihren Filialen Gesichtserkennungstechnik für Werbezwecke testen lassen. Spezielle Kamerasysteme an Werbedisplays erfassen von davorstehenden Kunden Geschlecht und Alter, damit auf dem Bildschirm aufs Publikum angepasste Werbung gezeigt werden kann. Digitalcourage sieht darin einen groben Übergriff auf die Privatsphäre und einen Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz.

Anzeige

Bei Real wird die Technik in derzeit 40 Filialen getestet, wobei die Displays von der Firma Echion betrieben werden. Bei der Post wiederum testet man in 100 Partner-Filialen an den Standorten Köln, Hamburg, München und Berlin. In Realläden wird zwar durch ein Schild auf Videoüberwachung hingewiesen – dass es aber um Werbepersonalisierung geht, findet keine Erwähnung. Auch die Deutsche Post sah keine Erfordernis, "Kunden in der Testphase gesondert darüber zu informieren.“

Bei Digitalcourage findet man das mehr als unzureichend, da "Kundinnen nicht vor der Tragweite der Beobachtung gewarnt sind". Der Süddeutschen Zeitung erklärten die Aktivisten, dass sie einen Verstoß gegen Paragraph 6b in Bundesdatenschutzgesetz sehen. Die Videoüberwachung werde zweckentfremdet und diene nicht mehr dem eigentlichen Ziel der Diebstahlsprävention. "Die Kennzeichnung ist auf keinen Fall ausreichend", sagte Padeluun, ein Mitgründer des Vereins, der Zeitung "Die Leute, die das mitbekommen haben, fühlen sich verarscht."

Die Technik dahinter nennt sich Adpack und stammt von dem Berliner Unternehmen Indoor Advertising. Sowohl die Post als auch Real sehen sie als unbedenklich an – es würden nämlich nur Anzahl der Betrachter, Geschlecht, Alter und Blickkontakte in die Werbeoptimierung einfließen. Die Bilder aus den Kameras würden lediglich in einem Mini-Rechner mit Android vor Ort analysiert und dann sofort verworfen – ein Prozess von rund 150 Millisekunden.

Die errechneten Metadaten würden dann verschlüsselt an Server übertragen, die die Werbeausspielung steuern. Die Daten würden nicht an Dritte weitergegeben. Auch gebe es laut Adpack keine Möglichkeit, Bilddaten aus den Rechnern zu extrahieren oder eindeutige Signaturen zu errechnen, um Gesichter wiederzuerkennen.

So werde weder das Recht am eigenen Bild angetastet noch entstünden personenbezogene Daten im Sinne des Bundesdatenschutzgesetzes, argumentieren die Unternehmen unisono. Zur drohenden Klage erklärte ein Sprecher von Real, dass bislang noch keine Klageschrift eingegangen sei, weshalb man keine Stellung dazu nehmen könne. Die Post erklärte: "Die Technik wurde auf datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit geprüft und ist mit dem ePrivacy-Siegel zertifiziert worden. Insofern entspricht der Test datenschutzrechtlich allen gesetzlichen Vorgaben.“

Doch abgesehen von der rechtlichen Seiten sehen die Aktivisten auch noch wirtschaftliche Nachteile für die Unternehmen, die ihre Kunden derartig tracken: "Wenn Führungspersonen im Einzelhandel jedoch entscheiden, das Tracking ins analoge Leben zu holen, machen sie sich ein Alleinstellungsmerkmal kaputt. Für Konsumentinnen mit Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre ist es durchaus attraktiv, beim Kauf mit Bargeld an der Supermarktkasse eben nicht beobachtet und durchleuchtet zu werden.“ Eine Online-Petition hat inzwischen auch die Geschäftsführung von Real zum Stopp der Tests aufgefordert. (axk)

103 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Werbedisplay mit Gesichts-Scan: Bayerns Datenschützer sehen kein Problem

    Werbebildschirm mit Gesichtserkennung: Datenschützer sehen kein Problem

    In Real-Märkten werden derzeit Kamera-Systeme getestet, die von Kunden vor Werbedisplays Geschlecht und Alter erfassen. Die bayrische Datenschutzbehörde hält das für unbedenklich.

  2. Werbedisplays mit Gesichtsscan: Real beendet Tests in Supermärkten

    Werbedisplays mit Gesichtsscan: Real beendet Tests in Supermärkten

    Einzelhandelskette Real rudert zurück: Die Displays, die Gesichter von Kunden zur Werbeoptimierung scannen, sollen nicht weiter in den eigenen Märkten getestet werden. Der Kundennutzen der Technik sei nicht nachvollziehbar.

  3. Medikamenten-Empfehlung per Gesichtserkennung

    Medikamenten-Empfehlung per Gesichtserkennung

    In zwei österreichischen Apotheken testet der Pharma-Konzern Bayer Austria eine Gesichtserkennung: Kunden können sich scannen lassen und bekommen dann passend zu Alter und Geschlecht Arzneien empfohlen.

  4. Für gezielte Werbung: Deutsche Post testet Displays mit Gesichtserkennung

    Für gezielte Werbung: Deutsche Post testet Displays mit Gesichtserkennung

    Die Deutsche Post testet in Partnershops, die nebenbei einen Postschalter betreiben, Infodisplays mit Gesichtserkennung. Damit soll Kunden vor dem Display personalisierte Werbung ausgespielt werden.

  1. Real und Deutsche Post wegen Kameraanalyse von Kunden angezeigt

    Gesichterauswertung soll auch auf Kategorien wie Kleidung und vermutete Gefühlslage ausgedehnt werden

  2. Bayer beendet Gesichtsscans in österreichischen Apotheken

    Das Erkennungssystem empfahl Kunden anhand des geschätzten Geschlechts und Alters Medikamente des Pharmakonzerns

  3. Wie erstelle ich eine HTML-Datei?

    Du fragst dich, was HTML ist und wie man eine HTML-Datei erstellt? Dann lies dir unseren Artikel dazu durch.

  1. Friedensstiftung: G20-Vertrag soll staatliche Hacker einschränken

    Riesiger Runder Tisch um den Männer in dunklen Abzügen sitzen

    Die G20-Staaten sollen sich dazu verpflichten, das globale Finanzsystem nicht zu manipulieren. Das schlägt die Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden vor. Beim Geld gäbe es schließlich die größten Gemeinsamkeiten.

  2. "Wenn die Linie fehlt ..."

    Impressionen von der diesjährigen Rosa-Luxemburg Konferenz in Berlin

  3. BMW: SCR-Kat kommt auch in 1er, 3er und X1

    BMW 2er Coupé

    Rund ein Jahr vor dem Prioduktionsende der aktuellen 1er- und 3er-Reihe rüstet BMW alle Diesel mit einem SCR-Kat nach. Das ist lobenswert, doch beim Thema Partikelfilter ist die Marke ebenso zögerlich wie viele andere Hersteller

  4. Vorstellung: Mercedes G-Klasse

    Mercedes G-Klasse

    Erstmals seit knapp 40 Jahren stellt Mercedes eine von Grund auf neu konzipierte G-Klasse vor. Die Optik lässt einen glauben, es hätte sich kaum etwas verändert. Schon im Jahre 2014 kündigten wir die Wende der G-Klasse an. Kam es so, wie wir damals glaubten?

Anzeige