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Hal Faber 35

Was war. Was wird. Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof.

Bäume

Bäume, noch nicht grün, aber auch nicht mehr theoriegrau.

Bild: heise online / Jürgen Kuri

Es ist so eine Sache mit Theorien. Ach, "grau, teurer Freund ...", und so weiter und so fort. Hal Faber, auch schon mal von des Gedankens Blässe angekränkelt, wundert sich, weiß aber auch, wie sehr man an der Realität verzweifeln kann.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

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Was war.

Was war. Was wird. Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof.

*** Die Finissage des Kommunismus geht weiter. Auf der anderen Seite des Großen Teiches ist die bolivarische Revolution am Ende. Auf der anderen Seite von Deutschland regieren CDU und SPD weiter. Nichts war's mit r2g im Saarland, so groß wie 359.913 Fußballfelder. Zwar hat die Linke ein vergleichsweise gutes Ergebnis geholt, während die Grünen patzten und die Piraten untergingen, aber was ist das für eine Linke? Die Lafontaines als Kommunisten, das glaubt höchstens Gerhard "Nordstream" Schröder und der Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein. Pixel platzen nicht vor Scham? Da wäre ich mir nicht so sicher. Tja, was sind die echten Linken? Vielleicht die autonomen Antifaschisten auf Seiten der Kurden?

*** "Die wahre Theorie muss innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klargemacht und entwickelt werden." Heute vor 150 Jahren beendete der erklärte Nicht-Kommunist Karl Marx die Arbeit am ersten Band des Kapitals und machte sich an die Vorbereitung der Druckfassung eines Werkes, das man nach einem Diktum des französischen Philosophen Althusser mindestens achtmal hintereinander gelesen haben muss, ehe man so etwas wie Verständnis zusammen hat. Chan geht leichter. Ebenfalls vor 150 Jahre eröffnete die Revolutionärin Mathilde Franziska Anneke in den USA eine Mädchenschule. Man kann es drehen und wenden, wie man will, "es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen". Auch von Karl Marx, als er sich noch am ollen Hegel abarbeitete. Oder, etwas poetischer vom Teufel persönlich: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum."

Was war. Was wird. Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof.

*** Noch mehr Geschichte? Heute vor 100 Jahren begannen die Verhandlungen russischer Exilanten mit dem Deutschen Reich, wie man die Damen Krupskaja, Armand und Bronski sowie die Herren Lenin, Radek und Sinowjew nach Rusland bringen könnte, damit sie dort den Staat plattmachen und mit Deutschland Frieden schließen können. Ein Waggon mit angekreideter Grenze zu einem extraterritorialen Gebiet ging auf die Reise nach Sassnitz, dort wo heute die Rohre für Schröders Nordstream II verladen werden. Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof ging es sogar über Berlin und Lenin hatte reichlich Zeit, seine Aprilthesen vorzubereiten, dank derer der Kommunismus in einem unterentwickelten Land wie Russland siegen konnte. "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung", das gehört zu den beliebten Lenin-Zitaten mit einem Körnchen Wahrheit. Natürlich lehrt uns die Geschichte nichts, wie üblich, außer vielleicht, wie eine grottenschlechte Infografik aussehen muss.

*** Von der Bundeswehr kommt ein Informationsvideo, das irgendwo in Absurdistan gedreht wurde. Mit vielen Wisch-Weg-Bewegungen wird mit der Stimme von Egon Hoegen siebtsinnig erklärt, wie das neue Kommando Cyber- und Informationsraum aufgebaut ist. Transparente Entscheidungen, schnelle Informationen, kurze Kommunikationswege und IT-Spezialisten, die das alles "super" finden, sorgen für ein überaus klares Resultat: "Hacker haben so keine Chance mehr." So bleibt die revolutionäre Erkenntnis, frei nach Lenin: Es gibt Hacker, die sich von einer neuen Organisationsstruktur abschrecken lassen. Dazu passt die neue Image-Werbung mit dem Claim "Wann darf man Hacker hacken" – natürlich immer, sofern sie sich in diesem Cyberraum aufhalten und damit eine Gefahr darstellen. Anders sieht es im Informationsraum aus, unter dem die Bundeswehr offenbar die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit versteht. Da kämpft man eher gegen Fake-News mit diesem Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

*** Der tödliche Weg des Anis Amri wird rekonstruiert und wird im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen eine Rolle spielen, wie es Bundeskanzlerin Merkel andeutet. Aber Gemach, es ist ja dafür gesorgt, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Das Bundeskriminalamt hat das Supertool RADAR iTE entwickelt, ein Programm mit Precrime-Fähigkeiten, auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut. Es kann sogar in der Cloud betrieben werden, denn die Basis für das Superprogramm RADAR ist außerordentlich schlicht. In der Antwort auf diese Anfrage heißt es: "Bei der Durchführung einer Risikobewertung im Rahmen von RADAR iTE kommen die beiden Standard-Komponenten 'Excel' sowie 'Word' des Microsoft-Office-Systems zum Einsatz. Es ist keine spezielle Anwendung für diese Zwecke entwickelt worden." Da sind wir aber beruhigt – oder beunruhigt?

*** Während das Bundeskriminalamt mit Excel nach Terroristen sucht, hat sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht beim nationalen Cyberabwehrzentrum eingefunden. Irgendwie müssen ja diese fiesen Banker kontrolliert werden, die via Whatsapp Insidergeschäfte vermitteln. Hier gibt es ja auch radarterrorismustechnisch gesehen eine erschreckende Sicherheitslücke, da muss wohl ZITIS ran, die Spezialstelle für Entschlüsselungen und Entschnüffelungen. Was wohl aus dem Softwaremodul zur Dekodierung von WhatsApp geworden ist, das Kriminalisten und Zollfahnder je nach Bedarf von Digitask anmieteten?

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Was wird.

Jetzt, wo endlich der letzte Aprilscherz hinter den Ofen hervorgekrochen ist und klar sein dürfte, dass unser aller Innenminister Thomas de Maizière uns mit abhörsicheren Hüllen für den Reisepass vor "Spionageaktionen ausländischer Geheimdienste" schützen will, können wir wieder zur Tagesordnung übergehen. Da wären unsere eigenen Schlapphüte, die Passausleser vom Bundesnachrichtendienst. Sie brauchten geschlagene fünf Wochen, um Gerüchte über die Existenz einer Liste von "Gülen-Anhängern" zu bestätigen, die der Partner-Geheimdienst Millî Istihbarat Teskilâti überprüft haben wollte. Was so unter Freunden eben alles geht. Fünf Wochen Geheimniskrämerei? Wegen der vielen ü's und ö's in den Namen war wohl der Abgleich mit den eigenen Sammlungen bei BND und Verfassungsschutz schwierig, man denke nur an Namen wie Cem Özdemir, Deniz Yücel (#FreeDeniz!) und Michelle Müntefering. Deshalb sucht man, bitte festhalten, die Sherlock Holmes im Cyberspace. Dr. Watsons sind offenbar genug da.

Wumms, da knallen die E-Korken! Nein, nicht die Wahl in Ecuador ist damit gemeint, die einen wie Julian Assange in seinem selbst gewählten Einzimmer-Exil bedrohen, sondern das Einstein Center for Digital Future. Es wird am Montag in Berlin eingeweiht. Insgesamt werden 50 neue (Junior)-Professuren geschaffen, die diese geheimnisvolle "Digitalisierung" untersuchen, mit rund 40 Millionen Euro hat man die ersten 18 schon beisammen und präsentiert sie in der Wilhelmstraße. Weitere 75 Millionen sollen reingekippt werden, wenn 2018 eine Zwischenbilanz zeigt, dass die Forschung erfolgreich ist. Alles ist so unglaublich cutting edge, dass man schnell 0 und 1 verwechseln kann. Ditte is Bälin, mit 158 Informadsch-Professöcker bestückert, zeigens man nem Silicon Valley dat schnieke E. (<-- dieser Satz ist eine Auftragsübersetzung).

Was war. Was wird. Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof.

So gut es eben geht, ist diese Wochenschau trumpfrei geblieben. Dennoch muss ein Blick in eine düstere Zukunft geworfen werden. Nachdem die Republikaner im US-Senat die Datenschutzbestimmungen der Obama-Regierung geschlachtet haben, liegt es am amtierenden US-Präsident, sie vollends abzuschaffen. Das ist ein weit einfacherer Durchsetzungsakt als die Auflösung von Obamacare und dürfte in den nächsten Tagen vielleicht so ablaufen. Feiern wir dagegen oder dafür den 40. Geburtstag von Alice und Bob! (Hal Faber) / (jk)

35 Kommentare

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