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Hal Faber 59

Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Oktober geht sterben und die Uhren stellen sich zurück, damit die Energiesparlampen morgens länger ausgeschaltet sind. Wie üblich sind einige Computer verwirrt, während die anderen unbeirrt die E-Mail nach der Zulu-Zeit abstempeln. "Siri, mach mal Winterzeit." Denn in normalen Zeiten leben wir schon lange nicht mehr. Da finden die Dekompilierer vom Chaos Computer Club eine neuere Variante des Staatstrojaners und beweisen erneut, dass auch diese Software Funktionen nachladen kann und damit schlicht verfassungswidrig ist. Da reagiert die Exekutive seelenruhig mit dem Verweis, dass ein Nachladen wegen der vielen Updates notwendig ist, ohne ein einziges Mal die Beweissicherung digitaler Spuren zu erwähnen, die solchermaßen ad absurdum geführt wird. Schließlich kommt noch das Parlament zum Zuge und wehrt sich mit den Stimmen von CDU/CSU, FDP und SPD gegen den Antrag den Verfassungsbruch zu stoppen. Im Bundestag wurde dazu wieder einmal die ernste terroristische Bedrohungslage angeführt und als Beispiel die "Düsseldorfer Zelle" gennant, die mit Hilfe der Fluggastdaten-Analyse aufgeflogen ist, einer gänzlich anderen, ebenfalls problematischen Datenschnüffelei. Den Tiefpunkt der Debatte setzte die Bundesjustizministerin im Ohrfeigen-Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einem reichlich ungewissen Hörensagen:

"Nachladefunktionen bergen große Gefahren in sich. Ich höre, dass man die im gewissen Umfang braucht, damit dann, wenn am Computer selbst Veränderungen mit dem Betriebssystem vorgenommen werden, der Trojaner, der auf diesem Computer ist, auch angepasst werden kann an das geänderte Betriebssystem."

Die Quellen-TKÜ, der in Analogie zur Telefonüberwachung gebildete Angriff auf die Soundkarte, bei dem Skype-Gespräche in Echtzeit per Ogg Speex an die TK-Überwacher übermittelt werden, braucht nicht nur den Nachlader, sondern auch eine Akzeptanzförderung im großen Stil. Das geht nicht bei all der Emörung? Aber klar geht das.

*** Stellen wir die Uhr ein bisschen weiter zurück, mal gleich ein ganzes Jahr. Da wurde hanebüchener Mist in Gold verwandelt: Am 28. Oktober 2010 beschloss der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Ein rot-grünes Gesetz vom Atomausstieg aus dem Jahre 2002 wurde mit dieser Verlängerung elegant geschreddert. Dem Beschluss vorausgegangen war eine gut eingefädelte PR-Kampagne, für die die Atomlobby ein paar Millionen Euro ausgab, eine Summe, die ein Atomkraftwerk an drei Tagen wieder einspielt. Die Details dieser Kampagne wurden von Whistleblowern der tageszeitung zugespielt, die diese jetzt ausbreitet: Fingierte Frauenvereine pro Atomkraft, luxuriösen Bildungsreisen von "Key-Journalisten", das Einspannen angesehener Redner oder der Kauf von einem Gefälligkeits-Gutachten eines ehrbaren Moral-Professors mit anschließender Bezahlung über die Ehefrau, das ganze Register der Bestechlichkeiten und eingekaufter Meinungsumbrüche wurde gezogen. Die Agentur Deekeling Arndt Advisors lieferte beste deutsche Wertarbeit beim Umwerten störender Wertmaßstäbe ab. Dabei ist nicht so sehr die Kampagne interessant, sondern die Leichtigkeit, mit der Politik-PR getrieben wird. Die Aufdecker sprechen von von einer "demokratiepraktischen Komponente", wenn sie den "Instrumentenkasten der Macht" in seiner ganzen konkret belegbaren Wirksamkeit öffnen. Besonders schlecht kommt der Journalismus dabei weg. Bezahlt, bewirtet und belabert wird, erstaunlich kostengünstig, die vierte Macht im Staate zur fünften Kolonne der Atomlobby.

*** Vielleicht legt sich das mit der Idee der Transparenz, die derzeit ungemein im Kommen ist. Die Piraten wollen Transparenz sein, die Occupy-Bewegung fordert Transparenz. Wenn Transparenz auf diese Weise die Forderung nach Demokratie überholt, sollte das Abfärben auf andere Bereiche, auch auf die IT. Was ist dabei, zum Apple-Eevent nach London zu reisen, wenn man mitteilt, dass Apple die Reise bezahlt? Auch die Vorgänge rund um die Staatstrojaner könnten mehr Transparenz gebrauchen, etwa Einsicht in die Verträge der Behörden mit den Trojaner-Lieferanten DigiTask und Syborg, die tückische Überwachungstechnik liefern. Der Transparenzgedanke gilt auch der Arbeit des CCC und seiner Mitglieder, die mit 0zapftis viel Aufmerksamkeit erfahren. Wenn in der Trojaner-Debatte im Heise-Forum kommentiert wird, dass kriminelle Profis wahrscheinlich Hilfsmittel wie Cryptophones verwenden, dann gehört mindestens der Hinweis in die Debatte, dass der technische Geschäftsführer der GSMK, die die Cryptophones herstellt, der Sprecher des CCC ist, der den Zeitungslesern die Funktion von 0zapftis erklärt. Damit erklären sich auch so manche Spekulation um die Hick-Hack-Hacker. Oder wie wäre es mit Transparenz beim wunderbaren neuen Google-Institut in Berlin, das durch die Vermittlung von Annette Kroeber-Riel entstanden ist, wie hier berichtet wird?

*** Apropos Lobbying: Heute vor 100 Jahren begann die erste Solvay-Konferenz der Physiker. Ihr Thema: "Die Theorie der Strahlung und der Quanten". Bis heute gilt die von Ernest Solvay gesponsorte Konferenz-Serie als eine der wichtigsten Veranstaltungen der Wissenschaftsgeschichte. Wer sich wie ich aus seiner Schulzeit in den 70er Jahren an das Verfahren erinnert, wird sicher auch die Traktate kennen, die deutsche Chemie-Lehrer zu dem Percarbonat-System Persilschein vom Stapel ließen, komplett mit einer ekligen Rechtfertigung der Berufsverbote durch Willy Brandt. Immerhin, die Zeiten ändern sich: Seine Epigonen haben nur noch ihre Bretter vor dem Kopf abgenommen und auf einem Tisch drapiert. Stellungsfehler, Schwellungsfehler. Dann zürnen wir mal ein Bisschen.

Was wird.

Damit richtet sich der Blick aus der Vergangenheit in die Zukunft. Auf dem ersten Kongress des erwähnten Google-Institutes feierte Statecraft-Denker Philipp Müller passend zum anstehenden Reformationstag das Mönchlein Martin Luther als ersten Blogger der Welt, der sein gedrucktes Blog an eine Kirchentür hämmerte, so in Ermangelung von Wordpress, Computer, Strom und ein paar anderen Dingen. Wie das so ist mit historischen Vergleichen, die gleich auf beiden Beinen hinken: Wahrscheinlich werden bald Marx und Engels als die ersten Twitterer gefeiert. Schließlich endet ihr Kommunistisches Manifest mit einem richtig ordentlichen Tweet: "Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

All Hallows' Eve steht an und damit die Invasion vom Mars, die heute vor 73 Jahren von 6 Millionen US-Amerikanern mit Spannung verfolgt wurde. Viele waren bei der Hörspiel-Produktion von Orson Welles überzeugt davon, dass die Deutschen ihr Homeland angriffen. Prompt gab es Diskussion, ob diese Deutschen Körperfresser oder wie Hitler nur Vegetarier und daher Powerkrautfresser sind. Am Ende der Sendung siegten die Viren gegen die Marsianer, während das Militär versagte. Wie einflussreich der Halloween-Scherz war, kann an einer Einblendung "Fiction" im US-Fernsehen zum Y2K-Bug gesehen werden.

Wenn die Invasion der Kürbisköpfe vorbei ist, beginnt ein anderes, nicht minder theatralisches Schauspiel. Am kommenden Mittwoch wird in Großbritannien das Urteil des High Court in der zweiten Verhandlungsrunde über die Auslieferung des Australiers Julian Assange an die schwedischen Behörden verkündet. Derzeit wird in den berühmten informierten Kreisen vor allem diskutiert, ob eine Berufung vor dem Supreme Court zugelassen wird oder der Fall gleich zum europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verschoben wird. Sollte dies der Fall sein, muss das Gericht über einen möglichen Konstruktionsfehler im europäischen Haftbefehl befinden, was mindestens drei Jahre in Anspruch nimmt. Dabei ist die Wikileaks-Organisation trotz vieler Zugänge praktisch pleite und der separate "Julian Assange Defense Fund" von den Rechtsanwälten eingeforen, die längst nicht mehr Pro Bono arbeiten wollen. In diesem Sinne ist es löblich, dass das Whistleblowing weitergeht, wie es die tageszeitung mit dem Coup über den PR-Atombetrug aufgedeckt hat. Und statt des legendären Comic von Seyfried über den Tweet von Marx und Engels wird vielleicht einer folgen, in dem dezent ein Leben abseits von Skype behandelt wird, mit der Antwort des Zeichners: "Machen wir!" (jk)

59 Kommentare

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