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Oliver Beckhoff, dpa 767

"Vinyl ist für immer" – Vom Comeback der Schallplatte

"Vinyl ist für immer" – Vom Comeback der Schallplatte

Gerahmte Plattencover in einem Plattenladen in Birmingham

Bild: heise online / Kristina Beer

Die Schallplatte trotzt ihrer digitalen Konkurrenz. 130 Jahre nach ihrer Erfindung ist die Totgesagte so vital wie schon lange nicht mehr – das zeigen die Verkaufszahlen. Für Vinyl-Fans bestätigt sich damit eine alte Gewissheit.

Für ein Medium, das in digitalen Zeiten funktionieren soll, haben Schallplatten denkbar schlechte Eigenschaften. Sie passen in keine Handtasche, und teilen lassen sie sich auch nicht. Doch auch 130 Jahre nach der Anmeldung des ersten Schallplatten-Patents durch den deutsch-amerikanischen Erfinder Emil Berliner, im Frühjahr 1887, widersetzen sich die sperrigen Tonträger ihrem Niedergang.

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Waren es zunächst vor allem Liebhaber, die weiter auf Vinyl-Schallplatten setzten, als die ersten CDs auf den Markt kamen, so ist die Schallplatte heute auf dem besten Weg zurück in den Mainstream. Sie ist heute der einzige Tonträger, deren Absatz jährlich im zweistelligen Prozentbereich steigt.

Im vergangenen Jahr wurden allein in Deutschland 3,1 Millionen Schallplatten verkauft, wie der Bundesverband Musikindustrie mitteilte. Ein Jahr zuvor waren es 2,1 Millionen. Der Umsatz mit den Vinyl-Tonträgern kletterte von 50 Millionen Euro auf etwa 70 Millionen Euro. In Großbritannien stiegen die Verkaufszahlen mit rund 3,3 Millionen Alben gar auf den höchsten Wert seit 25 Jahren. Das geht aus einem Bericht des Verbands der britischen Musikindustrie (BPI) hervor.

In Deutschland lässt sich der Vinyl-Boom besonders gut im Hamburger Schanzenviertel nachvollziehen, das mit die größte Dichte an Plattenläden in ganz Deutschland aufweist. Plattenläden mit Namen wie "Groove City", "Slam Records" oder "Freiheit und Roosen" gruppieren sich hier im Umkreis weniger hundert Meter. Neben aktuellen Veröffentlichungen finden sich im Hamburger Szeneviertel Klassiker der Musikgeschichte, aber auch streng Limitiertes, das nur noch Liebhaber kennen.

Dass die Hamburger Vinyl-Szene keine analoge Insel im Meer der Digitalisierung ist, sondern Teil eines weltweiten Phänomens, zeigt die Dokumentation "Vinylmania". In ihr versucht der Turiner Filmemacher und DJ Paolo Campana den Hype zu ergründen. In Plattenläden mit Namen wie "Rough Trade" in London, "Amoeba" in San Francisco oder "Space Hall" in Berlin trifft der Filmemacher auf Menschen, die wie er von der Vinyl-Leidenschaft infiziert sind.

Denn an die erste Schallplatte erinnern sich die Meisten – an den ersten Download: kein Mensch. MP3s lassen sich kopieren. Sie haben keine Cover, die vom Wasser wellig werden und verwittern und sie lassen sich auch nicht anfassen. Dass Schallplatten Gesamtkunstwerke sind, zeigte bis Mitte Februar auch eine Ausstellung im Berliner Ausstellungshaus C/O Berlin. Cover wie jenes, das die Beatles auf einem Zebra-Streifen auf der Londoner Abbey Road zeigt, gingen in die Geschichte ein. Kunst-Granden wie Andy Warhol, Joseph Beuys oder der Fotograf Robert Frank tobten sich grafisch auf Albencovern aus.

In Plattenläden dürfen auch ältere Poster und Werbeanzeigen etwas länger verweilen
In Plattenläden dürfen auch ältere Poster und Werbeanzeigen etwas länger verweilen (Bild: heise online / Kristina Beer)

"Man macht heute alles nebenbei, das ist nicht immer unbedingt gesund. Für eine Schallplatte muss man sich Zeit nehmen", sagt Petra Funk von optimal media in Röbel an der Müritz, einem CD-Werk der Hamburger Edel AG. Das sei in schnelllebigen Zeiten ein Pluspunkt. Als sich ihr Arbeitgeber 1995 – völlig azyklisch – für den Kauf zweier alter Schallplattenpressen entschied, hatten sich die großen der Branche – Musikverlage wie Universal – gerade von ihren Schallplattensparten getrennt.

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"Aus den zwei Pressen sind 37 geworden. Und die Nachfrage ist jedes Jahr größer als das, was wir leisten können", sagt Funk. Es ist ein Befund, der für die gesamte Branche gilt. So stieg die Firma GZ Media aus dem beschaulichen tschechischen Lodenice, die trotz Umsatzeinbrüchen in den achtziger und neunziger Jahren an der Vinyl-Fertigung festhielt, zu einem der weltweit größten Plattenhersteller auf.

Gehemmt wurde das Wachstum in der Vergangenheit vor allem durch die Schwierigkeit, funktionstüchtige Schallplatten-Pressen zu finden, sagt Funk. Inzwischen gebe es wieder Hersteller, die altbewährte Maschinen nachbauten. Das Niveau vor der Digitalisierung werden die Schallplatten-Verkäufe wohl dennoch nicht mehr erreichen. Selbst in Großbritannien, wo die Plattenverkäufe 2016 einen Rekordwert der letzten 25 Jahre erreichten, machen Vinyl-Alben nur rund fünf Prozent aller verkauften Alben aus. In Deutschland liegt der Anteil bei 4,4 Prozent. Die Zahlen scheinen dennoch zu belegen, was Schallplatten-Fans längst wussten: "Vinyl ist für immer." (Oliver Beckhoff, dpa) / (kbe)

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