Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.508.171 Produkten

Johannes Haupt 93

Musik-Streaming mit Zukunft? Kommt darauf an …

Überfliegt man die Schlagzeilen der letzten Tage, scheint es nicht gut bestellt um die Zukunft der noch jungen Musikstreaming-Dienste. Das On-Demand-Internetradio Grooveshark sieht sich mit einem wohl existenzbedrohenden Rechtsstreit aus der Musikindustrie konfrontiert. Simfy hat innerhalb von zwei Monaten zum zweiten Mal sein werbefinanziertes Angebot beschnitten. Der Branchenprimus Spotify konnte sich noch immer nicht mit den Verwertungsgesellschaften einigen und steht hierzulande nach wie vor an der Außenlinie.


Vergrößern
Bild: Spotify
Zuletzt hat ein britischer Aggregator die Musik von mehr als 200 Indie-Labels aus den Datenbanken der Streamingdienste zurückgezogen und damit deren Geschäftsmodell grundsätzlich in Frage gestellt. Denn zur Begründung hieß es, Streaming kannibalisiere die Musikverkäufe und werfe selbst kaum Gewinn für Branchenteilnehmer ab. Dafür sprechen auch die einzigen Zahlen, die bislang zur Umsatzverteilung publik wurden.

Im Gespräch mit heise online negiert der Justiziar eines großen Aggregators die Darstellung, Musikstreaming-Dienste seien der Branche ein Dorn im Auge. Der Aggregator hat weit über 1.000 Labels mit mehreren hunderttausend Songs unter Vertrag. Das Unternehmen, das aus juristischen Gründen ungenannt bleiben möchte, macht nach eigenen Angaben bereits ein Drittel seines Gesamtumsatzes mit Musikstreaming.

1.000 Streams oder drei bis vier Verkäufe

Bei werbefinanzierten Gratisangeboten werden Zwischenhändler demnach in der Regel mit 50 Prozent an den Werbeeinkünften beteiligt. Beim lukrativeren Premium-Modell werden ebenfalls 50 Prozent aller Einkünfte ausgeschüttet, deneben gibt es ein festes Minimum pro Monat pro Nutzer, das durchschnittlich bei 5 Euro liegen soll.

Rechnerisch erhält das Unternehmen nach eigenen Angaben momentan etwa 0,20 bis 0,35 Eurocent pro Stream (2 bis 3,50 Euro pro 1.000 Streams), wobei die Erlöse bei Spotify aufgrund der deutlich größeren Nutzerbasis und damit verbundenen Skalierungseffekten aktuell besser seien als bei Simfy oder Napster. Zum Vergleich: Am Verkauf einer 0,99-Euro-MP3-Musikdatei bei iTunes verdient der Aggregator 71 Cent, bei den meisten anderen Plattformen sind es 60 bis 65 Cent. Im Schnitt schüttet der Aggregator 80 Prozent der Umsätze an die Labels aus, die wiederum um die 50 Prozent an die Künstler weitergeben. Demnach kommen pro 1.000 Streams eines Liedes bei Spotify & Co. 0,80 bis 1,40 Euro beim Künstler an. Den gleichen Verdienst hat er bei drei bis vier MP3-Verkäufen.

Musikfreunde aus der Illegalität holen


Andere Zielgruppe: MP3-Verkauf und Streaming kannibalisieren sich kaum Vergrößern
Bild: Apple
Eine solche Gegenrechnung ist in den Augen des Insiders allerdings problematisch. Denn zum einen unterscheiden sich Käufer und Streamer deutlich voneinander: Die neuartigen Abodienste würden vor allem von Musikfreunden genutzt, die sich ihre Songs zuvor auf illegalem Wege besorgten. Diese eher junge Nutzergruppe sei anders sozialisiert als der typische Musikkäufer und ließe sich über Spotify & Co. erstmals legal adressieren. Eine Kannibalisierung gebe es kaum. Zum anderen stellten Streaming-Dienste ein spannendes Instrument zur Promotion neuer Künstler und gerade erschienener Alben dar. Freilich gälte das nicht für jeden Branchenteilnehmer: So repräsentiere der britische Aggregator, der jüngst seine Inhalte nahezu komplett zurückzog, sehr spezielle Labels und Künstler, bei denen die ohnehin überschaubaren Verkaufszahlen tatsächlich merklich von Spotify & Co. beeinträchtigt worden sein könnten.

Das Geschäftsmodell sei nicht nur für die Nutzer attraktiv, sondern auch für die Betreiber durchaus auskömmlich. Die Verkürzung der monatlichen Streaming-Zeit bei Simfy Free sieht der Mitarbeiter des Aggregators als natürliche Reaktion auf Konkurrent Spotify, der bei ihrem Gratis-Modell gerade erst eine Limitierung von maximal fünf Wiedergaben des gleichen Songs einbaute. Zwar werde auch mit der Werbefinanzierung Geld verdient, im Kern müsse es aber darum gehen, Mitglieder zu zahlenden Abo-Kunden zu machen.

In Summe überwögen die Chancen und Verdienstmöglichkeiten für einen großen Teil der Musikindustrie deutlich. Das sähen auch die Labels so: Mehr als 95 Prozent der Kunden des Aggregators ließen ihre Songs auch in den Katalogen der Musikstreaming-Dienste listen, bei der Konkurrenz verhalte es sich ähnlich. Neue Impulse erhofft sich der Vertreter zudem vom Deutschland-Start von Spotify, der allerdings noch nicht absehbar sei.

Einer Erweiterung des Geschäftsmodells von Streamingdiensten wird dagegen noch wenig Bedeutung beigemessen: Spotify hat für den 30. November zu einer Pressekonferenz geladen, bei welcher "eine neue Unternehmensrichtung" (so die Ansage von Spotify) vorgestellt werden soll. Dabei soll es sich nach Informationen von heise online um einen Downloadshop für MP3s handeln – in den Augen des Distributoren-Vertreters stellt das aber dauerhaft nicht mehr als ein Anhängsel zum eigentlichen Kerngeschäft Musikstreaming dar, beileibe keinen Ersatz. (jh)

93 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Spotify soll Playlists mit Fake-Bands auffüllen, um Kosten zu sparen

    Vorwurf: Fake-Bands bei Spotify?

    Streaming-Dienst Spotify wird beschuldigt, seine Playlists mit Bands aufzufüllen, die es gar nicht gibt. Will Spotify damit etwa Lizenzgebühren sparen? Der Streaming-Dienst widerspricht den Vorwürfen energisch.

  2. Spotify verkauft testweise Platz für Songs in Playlisten

    Spotify verkauft testweise Platz für Songs in Playlisten

    Bislang verdient Spotify an seiner Gratisversion nur mit der dort zwischen die Songs ausgespielten Werbung. Nun testet der Streaming-Anbieter eine Möglichkeit, gegen Bezahlung von Musikfirmen dort auch Songs abzuspielen.

  3. Neuer Rekord 2016: Über 250 Milliarden Audiostreams in den USA

    Neuer Rekord 2016: Ãœber 250 Milliarden Audiostreams in den USA

    Der Markt für Musik-Streaming ist in den USA im vergangenen Jahr um 82,6 Prozent gewachsen, der Anteil bezahlter Abo-Dienste daran sogar um 124 Prozent. Insgesamt stieg die legale Musiknutzung um 4,2 Prozent an.

  4. Fairness-Debatte: Deezer möchte neuartige Musik-Lizenzen

    Winziges Piano

    Musikstreamer Deezer möchte die Zahlungen an Rechteinhaber neu strukturieren. Die Abogebühren jeden Hörers würden entsprechend seines Hörverhaltens ausgeschüttet, ohne Berücksichtigung anderer User. Das würde auch Streaming-Betrug erschweren.

  1. Limonade stößt sauer auf

    Beyoncé muss ja wohl: "Lemonade" ist vorerst nur auf Titan zu haben. Aber ein wenig konsequenter könnte sie hier schon weitermachen

  2. Faster, Pussycat! Play! Play!

    Streaming-Dienste und moderne Hörgewohnheiten verändern die Struktur von Pop-Songs: Sie werden immer schneller, zeigt eine neue Studie

  3. Musikstreaming: "200 Euro für 100.000 Klicks ist ein Witz"

    Musikstreaming: "200 Euro für 100.000 Klicks ist ein Witz"

    Streaming wird den Musikkauf ablösen, das steht fest. Aber bis es für Nutzer und Künstler richtig hilfreich ist, muss sich noch einiges ändern. Ein Erfahrungsbericht des Musikers Ekki Maas.

  1. NASA-Sonde Cassini: Magnetfeld des Saturn bleibt rätselhaft

    NASA-Sonde Cassini: Magnetfeld des Saturn bleibt rätselhaft

    Nur beim Saturn sind Rotationsachse und Magnetfeldachse fast absolut parallel. Auch Cassini hat keine Abweichung gefunden, die ausreicht um die Existenz des Magnetfelds nach gegenwärtigem Wissensstand zu erklären.

  2. Mehr Speicherplatz: Seagate stellt HAMR-Festplatten für Ende 2016 in Ausicht

    Perpendicular vs HAMR Recording

    Die nächste Evolution in der Festplattentechnik deutet sich an: Seagate will Ende kommenden Jahres die ersten Festplatten an Pilotkunden ausliefern, die mit Heat Assisted Magnetic Recording arbeiten. Bis 2025 soll es Festplatten mit 100 TByte geben.

  3. photokina: Neustart bei der weltgrößten Fotomesse

    Interview mit photokina-Manager Christoph Menke: Neustart bei der weltgrößten Fotomesse

    Die photokina wird modernisiert: Unter anderem soll die Fachmesse mit neuem Termin im Mai, weniger Messetagen und jährlichem Turnus attraktiver werden. Für den Veranstalter steht viel auf dem Spiel. Ein Interview mit photokina-Manager Christoph Menke.

  4. Umfrage: Anwender sollen Standard-Anwendungen in Ubuntu 18.04 wählen

    Anwender sollen Standard-Anwendungen in Ubuntu 18.04 bestimmen

    Canonical will wissen, welche Anwendungen die Ubuntu-Nutzer bevorzugen. In einer offenen Umfrage können Anwender in insgesamt 14 Kategorien wählen, welche Applikationen in Ubuntu 18.04 LTS als Standard mitgeliefert werden sollen.

Anzeige