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Detlef Borchers 22

Missing Link: Schuhe auf dem Kurfürstendamm - von erfolgreichen Revolten und technisch machbaren Utopien

Zukunft, Utopie, Big Data

Bild: Harri Vick, gemeinfrei (Creative Commons CC0)

Rudi Dutschke überlebte die Schüsse, die ein Rechtsradikaler vor 50 Jahren auf ihn abgab, starb aber an den Spätfolgen des Attentats im Jahre 1979. Schon damals spielten Kommunikationsströme und der Computer als Machbarkeitsmittel für Utopien eine Rolle.

Berlin Kurfürstendamm, am 11. April 2018: Schuhe stehen herum, ordentlich in Paaren und von einem Kreidekreis umzingelt, dazwischen Blumen. An einem Pfosten lehnt ein Plakat, #still loving the revolution, eine Gitarre klimpert. Passanten wundern sich. Es sieht aus, als sei hier eine Gruppe barfuß zu einem anderen Planeten aufgebrochen, witzelt ein junger Mann, bis er die eingelassene Bodenplatte gelesen hat. Andere suchen nach Kameras von "Verstehen Sie Spaß". Doch hier war es blutiger Ernst.

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Am 11. April 1968, dem Mittwoch vor Ostern, schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann drei Mal auf Rudi Dutschke, nachdem er diesen gefragt hatte, ob er besagter Dutschke sei. Der erste Schuss geht in die Wange, dann trifft Bachmann den Kopf und die Schulter. Bei sich hatte Bachmann einen Artikel aus der Deutschen National-Zeitung: "Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg!" Der am Boden liegende Dutsche zog sich die Schuhe aus, legte die Armbanduhr ab und taumelte über den Kurfürstendamm, bis ihn Passanten auf eine Bank legten. Eine filmische Rekonstruktion des Attentats ist auf Youtube zu sehen.

Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
Ihm galten sie nicht allein
Wenn wir uns jetzt nicht wehren
Wirst du der Nächste sein.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

So sang Wolf Biermann in Drei Kugeln auf Rudi Dutschke. Noch in der Nacht zum Gründonnerstag gab es heftige Demonstrationen. Sie richteten sich vor allem gegen den Springer-Verlag, der monatelang gegen Dutschke als Symbolfigur der Bewegung gehetzt hatte. Schon am frühen Abend gab es ein Flugblatt, das in ganz Berlin verteilt wurde: "Heute Nachmittag wurde der Genosse Rudi Dutschke durch einen aufgehetzten Jugendlichen mit drei Pistolenschüssen lebensgefährlich verletzt. Nach den letzten Informationen befindet sich Rudi Dutschke in höchster Lebensgefahr. Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: man kann jetzt schon sagen, dass dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen hetze ist, welche Springerkonzern und Senat in zunehmenden Maße gegen die demokratischen Kräfte dieser Stadt betrieben haben. Wir rufen die außerparlamentarische Opposition zur Demonstration."

In einem sehr eindringlichen Interview mit Günter Gaus (ca. in der 12. Minute) beschreibt Dutschke diesen Verblendungszusammenhang der Fake News, die Springer und vor allem die Bild-Zeitung produzierte. Das verband sich für ihn mit einer Hoffnung, dass sich die Verdummung im neuen, weltweiten Kommunikationsstrom auflösen wird. Wieder und wieder betont er im Gespräch mit Gaus die Rolle, die dem aktiven Menschen als Subjekt der Selbstorganisation zukommt, durch die er wiederum ein neues Selbstbewusstsein erhält und sich von etablierten Sichtweisen von Parteien und Presse in eigener Freiheit emanzipiert. Und nein, Angst habe er nicht, trotz vieler Drohungen und tätlicher Angriffe bei öffentlichen Auftritten.

Eines der letzten Fotos von Dutschke vor dem Attentat wurde von Michael Ruetz geschossen und zeigte den Revolutionär beim Wickeln seines ersten Sohnes Hosea-Che. Die Medien interessierten sich nicht für das Bild. Im Jahre 1980 kommentierte Ruetz das so: "Als könne jemand wie er ein Baby nur fressen, nicht aber wickeln."

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Die nach dem Attentat ausbrechenden "Osterunruhen" in der gesamten Bundesrepublik, der Mai 1968 in Paris, als General de Gaulle kurzzeitig vor den Demonstranten nach Deutschland floh, die behandschuhten Fäuste von Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen in Mexiko, all das wurde zur großen Chiffre der "68er".

Zwar hatte die Studentenbewegung nach dem Mord an Benno Ohnesorg ihren Zenith erreicht. Der SDS zerfiel nach dem Attentat auf Dutschke ab 1969 in zahlreiche Kleingruppen, doch das nahm der Chiffre nicht ihre Berechtigung, weil sie eben mehr als die Außerparlamentarische Opposition (APO) war. Die "68er" waren eine Generation, die den Muff der Nachkriegszeit beenden und gleichzeitig den Nationalsozialismus aufarbeiten wollte, der im "Wirtschaftswunderland" nach Kräften verdrängt wurde.

Rolf-Dieter Brinkmann, dieser Dichter der 68er, schrieb in Rom, Blicke: "Das ist unsere Generation, eine Gerümpel-Generation, hastig und mit Angst vor dem Krieg oder in den ersten Kriegstagen zusammengefickt – ehe der Mann in den Krieg zieht, macht er der Frau noch ein Kind /.../ und was ist dann Kindheit und Jugend? Nichts als eine einzige Entschuldigung, dass man überhaupt da ist. 'Entschulidgen Sie, dass ich geboren bin.'"

Dutschke und seinen Mitstreitern war klar, dass sie eine Minderheit bildeten. Im Interview mit Günter Gaus spricht er davon, dass vielleicht 15 bis 20 Köpfe mit dem Planen von Aktionen beschäftigt sind. Auf 200 bis 1000 schätzt der die Zahl der aktiven Mitstreiter und Mitstreiterinnen für Sit-Ins und Go-Ins, noch einmal 5000 könnten für Teilnahme an Demonstrationen gewonnen werden.

Die APO war klein, in den Aktionen aber umso phantasievoller. Sie umfasste Provokationen wie die Kommune 1 (Springer: "Horror-Kommunarden"), die Einrichtung von antiautoritären Kinderläden, den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, aber eben auch die recht bürgerlich geführte Ehe von Rudi und Gretchen Dutschke. Man besetzte die leer stehenden Wohnungen von Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson und überlegte, wie ein revolutionäres Berlin als Vorbote der Selbstbefreiung aussehen könnte.

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