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Detlef Borchers 186

Missing Link: My Lai - Massaker, Proteste und elektronische Kriegführung im Vietnam-Krieg

Missing Link: My Lai - Massaker, Proteste und elektronische Kriegführung im Vietnam-Krieg

US-Soldaten brennen eine Hütte in My Lai nieder

Bild: Ronald L. Haeberle, Public Domain

Vor 50 Jahren massakrierten US-Soldaten ein vietnamesisches Dorf, das sie My Lai 4 nannten. 504 Menschen starben. Das Massaker wurde zum Symbol für den Krieg und für eine USA, der auch elektronische Kriegführung nichts half.

Aus Da Nang
wurde fünf Tage hindurch
täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse

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Am sechsten Tag wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
in Da Nang
bisher etwa tausend Opfer

(Erich Fried, "17.-22. Mai 1966")

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

My Lai, My Khe, Ap Bac: in der 30-jährigen Geschichte des Krieges in Vietnam hat es zahlreiche Massaker gegeben, wobei sich Franzosen, US-Amerikaner, die südvietnamesische Armee, die Viet Minh und der Vietcong an Brutalität in nichts nachstanden. Mit 6000 Toten war das Massaker von Hue durch den Vietcong vielleicht größer, doch das Massaker von My Lai ist aus unterschiedlichen Gründen Symbol geworden.

Da sind die Fotos, die der Armee-Fotograf Ronald L. Haeberle der eingesetzten Kompanie "zu Statistikzwecken" schoss und dann wohlweißlich versteckte. Da ist der Kriegsverbrecher William Calley, der als einziger für das Massaker verurteilt und von US-Präsident Nixon prompt zu einer Art Hausarrest begnadigt wurde. Da ist der mutige Hugh Clowers Thompson, der als wahrer Held von My Lai erst im Jahre 1998 geehrt wurde. Er landete mit dem Funkspruch "There is a Nazi thing going on down there."

Da ist der Journalist Seymour Hersh, der 1969 zunächst nur über Calleys Prozess berichten wollte und dann nach und nach das ganze Ausmaß des Massakers aufdeckte. Da ist der Whistleblower Daniel Ellsberg, der die Pentagon Papers veröffentlichte, die das völlige Scheitern der US-Armee dokumentierten. Die Papiere zeigten deutlich, wie die US-Präsidenten Kennedy und Johnson die Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg belogen und betrogen hatten. Und da ist der US-Stratege und Verteidigungsminister Robert Mc Namara, der mit dem Versuch scheiterte, den Krieg mit Hilfe von schnellen Computern und einem "electronic battlefield" zu gewinnen. McNamara hatte nicht nur die Pentagon Papers in Auftrag gegeben, sondern ließ ein computersiertes Counterinsurgency-Programm entwickeln, mit dem das rätselhafte Land unter Kontrolle gebracht werden sollte.

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Eine von den IBM-Rechnern des Hamlet-Überwachungssystems ausgedruckte Landkarte mit den Sicherheits-Einstufungen in der Umgebung von Saigon (30. November 1970) (Bild:  Abbildung aus Computing War Narratives: The Hamlet Evaluation System in Vietnam, APRJA)

Zurück zum Weiler My Lai. Sie kamen am 16. März 1968 um neun Uhr morgens und hatten freie Hand, das Dorf "von der Landkarte zu wischen", wie es der vorgesetzte Captain Ernest Medina es einem Ohrenzeugen zufolge formulierte. Die rund 100 Soldaten einer Kompanie, die bereits 28 Soldaten verloren hatte, ohne direkt gegen einen Feind gekämpft zu haben, waren im Zuge der Tet-Offensive bei My Lai abgesetzt worden, um das Dorf von Vietcong zu "säubern". Sie fanden nur Kinder, Frauen und alte Männer vor, die zusammen getrieben und erschossen wurden. Granaten wurden in die Erdlöcher geworfen, in denen sich Zivilisten versteckten. Wo Kinder weinten, wurde nachgeladen und geschossen, bis Ruhe war.

Gegen Mittag kam der Befehl, das Feuer einzustellen. Die Soldaten machten Mittagspause und packten inmitten der Toten ihre Rationen aus. Dann wurden sie von Hubschraubern abgeholt. Offiziell hatten sie 128 Vietcong getötet, bei einer einzigen Verletzung, weil sich ein Soldat in den Fuß geschossen hatte.

Der Ort des Massakers: My Lai heute, eine vietnamesische Gedenkstätte (Bild:  Gonzo Gooner, Lizenz Creative Commons CC BY 3.0)

Ein besonderes Lob kam vom kommandieren General Westmoreland. Dieser hatte noch im November 1967 erklärt, dass der Sieg nur eine Formsache sei und nach zwei Jahren Bodenkrieg nun Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei. Westmorelands Rede richtete sich aber auch gegen die US-Amerikaner, die ihre Einberufungsbescheide verbrannten. Er nannte sie Drückeberger, die den Soldaten in den Rücken fielen.

Bevor das Massaker von My Lai bekannt wurde, gab es bereits Widerstand gegen den unsinnigen Vietnamkrieg, den die USA als Nachfolger der französischen Kolonialmacht antraten. Der "Preis" war übrigens die Bewaffnung der westdeutschen Bundeswehr, zur Sicherung von Europa gegen den Osten. Frankreich akzeptierte die Bewaffnung und die Übernahme der Vietnam-Verpflichtungen durch die USA, nur um sich einer anderen abtrünnigen Kolonie namens Algerien widmen zu können.

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