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Martin Holland 338

Lenke ab und herrsche: Zensur und Propaganda in China

Lenke ab und herrsche: Zensur und Propaganda in China

Über die Zensur in China gibt es ein verbreitetes Bild, aber wenige Fakten. Mit innovativen Ansätzen fördert ein Harvard-Wissenschaftler jedoch immer wieder überraschende Details zutage. Die zeigen eventuell sogar die Zukunft der Zensur.

In China steht der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei an, vor solchen Anlässen wird die staatliche Zensur besonders engmaschig. Anders als etwa Deutschland hat China aber eine sehr heterogene Online-Landschaft, in der sich die Nutzer auf unzähligen Plattformen tummeln. Alles beherrschende Anbieter wie Facebook gibt es nicht. Das sollte zentral gelenkte, staatliche Zensur eigentlich erschweren, aber das Regime hat Wege gefunden.

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Wie diese aussehen, erforscht vor allem Gary King von der Harvard-Universität, denn die Wirklichkeit ist deutlich komplexer als das Bild vom Land hinter der Großen Firewall, indem Algorithmen alle Beiträge löschen in denen unerwünschte Wörter vorkommen. Mit seinen Studien – die aktuellste wird nun im American Political Science Review veröffentlicht – fördert er nicht nur Überraschendes über die Zensur zutage, sondern ermöglicht unter Umständen sogar einen Blick in die Zukunft der Zensur in anderen Teilen der Welt.

Missing Link

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Um die Zensur in dem unübersichtlichen Feld chinesischer Netzwerke zu ergründen hat King als erstes einfach selbst ein soziales Netzwerk – genauer ein Forum – eingerichtet. Dabei ließ er sich von den Entwicklern der Foren-Software helfen. Die erklärten freimütig, welche Zensur ihrem Verständnis nach nötig sei, um eine Sperrung zu verhindern. Solch ein quasi vorauseilender Gehorsam scheint im privaten Bereich weit verbreitet. So rieten sie dazu, zwei bis drei Zensoren pro 50.000 Nutzer einzustellen. Das würde hochgerechnet bedeuten, dass chinesische Firmen im Jahr 2013 (zur Zeit der Studie) zwischen 50.000 und 75.000 Zensoren beschäftigten.

Die genutzte Foren-Software habe gezeigt, wie viele Optionen Betreiber haben, die – offenbar nicht explizit formulierten – Zensurwünsche umzusetzen. Vorab sei aber keine aktiviert, Administratoren müssen also aktiv werden. Sie können einstellen, wie Einträge automatisch geprüft werden sollen. Beispielsweise gegen eine Schlagwortliste, nach IP-Adressen oder dem bisherigen Auftreten des jeweiligen Nutzers. Foren können auch für bestimmte Uhrzeiten ganz gesperrt werden. Administratoren haben außerdem Werkzeuge, um die Beiträge effizient zu moderieren. Das bestätigt das Bild von Chinas Internetzensur, hat aber paradoxe Folgen. Da die Regeln nicht festgeschrieben sind, scheinen staatliche Seiten schärfer zu kontrollieren und regierungsfreundliche Inhalte sogar schlechter zu behandeln – also öfter zu sperren – als regierungskritische. Das könnte daran liegen, dass die öfter in den Filtern hängen bleiben als Regierungskritik, die an der Zensur vorbei formuliert wird.

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