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Kommentar zu Google AMP: Der goldene Käfig

Internet-Geschäft

Bild: dpa, Evert Elzinga

AMP macht Websites schneller – aber es verstärkt zugleich die Abhängigkeit von Google in gefährlichem Maß, findet Herbert Braun.

Wir machen das Web schneller! Mit diesem Versprechen startete vor gut einem Jahr das AMP-Projekt. Inzwischen ist diese Google-Initiative erwachsen und kommt in immer mehr Websites zum Einsatz – auch heise online experimentiert damit. Schnelligkeit finden alle gut. Schließlich wird Surfen immer langsamer – zwar nicht wirklich, aber gefühlt. Tatsächlich ist der Zugewinn an Surf-Geschwindigkeit kleiner als das Wachstum der Bandbreite, weil Webseiten immer komplexer geworden sind – schönen Slogans wie "Mobile first" zum Trotz.

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Für eine durchschnittliche Seite muss der Browser in zirka 100 HTTP-Anfragen eine Datenmenge aus dem Internet holen, mit der sich zwei Disketten füllen ließen. Allein das Volumen an übertragenem und ausgeführtem JavaScript entspricht ungefähr dem des Codes sämtlicher 136 Spiele für die Atari-2600-Konsole. Dabei wollte der Nutzer vielleicht nur drei Absätze Text und ein Bild in Briefmarkengröße, aber bei der Wattwanderung oder in der U-Bahn kann das qualvoll lange dauern.

Ein Kommentar von Herbert Braun

Herbert Braun ist Webentwickler und hat 2004 bei der c't angeheuert, wo er sich als Redakteur um Webtechniken, Browser und Online-Trends gekümmert hat. 2013 verließ er schweren Herzens (aber auf eigenen Wunsch) die Redaktion, um sich von Berlin aus als freier Autor und Webentwickler durchzuschlagen.

Das muss schneller gehen, sagt nicht nur Google, sondern auch Facebook mit den "Instant Articles" oder Apple mit seinen "News". Aber AMP ist Open Source und freies Web, für alle und für jeden, ohne Türsteher. In seinem Kern besteht es aus einem JavaScript-Framework und strengen HTML-Regeln, die Webseiten-Autoren zu Disziplin zwingen, ihnen aber zugleich Bausteine für ein zeitgemäßes GUI in die Hand geben. Und das funktioniert: Dank Tricks wie Lazy-Loading lädt eine AMP-Seite oft sogar schneller als eine ganz ohne Skripte.

Eine erste kleine Irritation: AMP schreibt den Sites vor, das Skript direkt von den Google-Servern in die Seite einzubetten. Allzu viele Webseiten haben damit kein Problem, denn sie binden bereits Inhalte von 15, 30 oder auch mal 100 verschiedenen Domains ein: Werbung, Sharing-Buttons, YouTube-Videos, Tweets, Google Analytics et cetera. Dass man damit die Verbindungsdaten der Besucher durchreicht, scheint niemanden zu stören, und über Sicherheitsprobleme redet man erst, wenn es irgendwo geknallt hat.

Google will aber nicht nur über jeden Besucher auf der Seite Bescheid wissen: Es will die Inhalte selbst. Die Google-Suche vom Mobilgerät aus führt nicht zum Anbieter der Inhalte, sondern zum AMP-Cache unter www.google.com/amp/. Dafür gibt es kein Opt-out. Diese Links machen den AMP-Ausstieg schwierig.

Erst nach Protesten entschloss sich Google, die originale URL überhaupt anzuzeigen. Eine AMP-Seite aus der Suche zu öffnen fühlt sich ähnlich an wie ein Instant Article in der Facebook-App: Man verlässt die Plattform nicht. Der Unterschied ist nur, dass der Publisher bei Facebook seine Artikel einreicht, während AMP sie einfach schnappt.

Grotesk, dass einige jener Verlage, die für das Leistungsschutzrecht lobbyierten, nun AMP einsetzen. Eine bessere Positionierung in der Suche will (darf?) Google derzeit nicht versprechen, wohl aber in Google News; im Übrigen gilt Performance als wichtiger Ranking-Faktor. Wie es aussehen kann, wenn AMP Erfolg hat, lässt sich an Googles Bildersuche erahnen. Aus dieser ist längst eine Internetgalerie geworden, die bestens ohne den einbettenden Kontext auskommt und den Webseiten nur noch ein Minimum an Referenz erweist. Gegen den aktuellen Relaunch protestieren gerade wieder die Bildagenturen.

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AMP ist ein Danaergeschenk in Form eines nützlichen Mobile-Web-Frameworks, dessen Ziel es ist, die Website-Publisher noch enger an Google zu ketten. So wie private Blogs und Kommentarbereiche weitgehend von Social Media absorbiert wurden, versucht AMP, News-Sites ins Google-Universum einzusaugen. Die Gravitation der großen Plattformen wird immer stärker. Website-Betreiber stehen heute vor der schweren Aufgabe, deren Möglichkeiten zu nutzen, ohne von ihnen abhängig zu werden. (Herbert Braun) / (axk)

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