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Kommentar: Müssen Kinder das Programmieren lernen?

Die Schule soll auf das Leben vorbereiten. Aber heißt das auch, dass Kinder dort heutzutage Programmieren wie eine zweite Fremdsprache lernen sollten?

Seit ein paar Wochen geistert eine Forderung durch die Medien, die von den Meinungsmachern in der digitalen Welt begeistert aufgegriffen wird: Alle Kinder sollen, möglichst schon ab der Grundschule, das Programmieren lernen. Nun gibt es sogar einen offenen Brief von Vertretern der Firmen Microsoft, Facebook und SAP, der fordert: "Programmieren muss als Unterrichtsfach etabliert werden, und wir müssen dafür Sorge tragen, dass bereits im Vorfeld langfristige begleitende Ausbildungsprogramme und Unterstützungssysteme entstehen."

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So wichtig wie Latein? Müssen Kinder wirklich in der Schule programmieren lernen? (Bild: dpa, Christoph Strotmann)

Algorithmen und Programmcode seien allgegenwärtig in der modernen Welt und deshalb kann man, so der Tenor nicht nur dieses Aufrufs, gar nicht früh genug damit beginnen, den Kindern diese Fähigkeiten beizubringen. Europa braucht mehr Informatiker, um wettbewerbsfähig zu sein. Außerdem ist es gut für jeden, der mit den Produkten der digitalen Welt umgehen muss, zu wissen, wie die funktionieren – und deshalb sei das Programmieren wenigstens ebenso wichtig wie Latein.

Unbestreitbar ist sicherlich, dass die Schule aufs Leben vorbereiten soll, und zu diesem Leben gehört heute vieles, das auf Algorithmen und Software-Code basiert. Aber ist es wirklich sinnvoll, Programmieren zu lernen, um die digitale Welt zu verstehen? Anders gefragt: sollte das Fach, das die Schüler mit der Welt der Computer und digitalen Netzwerke vertraut macht, einem Fremdsprachenunterricht ähneln, oder sollte es nicht eher ein Fach sein wie Physik, Chemie und Biologie?

Die Forderung nach Programmier-Unterricht ähnelt tatsächlich der Forderung nach einer "zweiten Fremdsprache“: Man paukt Vokabeln und Grammatik, glaubt vielleicht, dass das irgendwie auch für irgendwen wichtig ist, und weiß doch, dass man das selbst niemals brauchen wird. Der Unterricht in den Naturwissenschaften dagegen vermittelt, wenn er gut gemacht ist, praktisches Orientierungswissen, das man ein Leben lang nicht vergisst, weil man es immer wieder gebrauchen kann, um den Alltag zu verstehen. Das hat weniger damit zu tun, dass man da mal die Klassifikation der Insekten auswendig gelernt hat, oder das Periodensystem der Elemente – sondern dass man gelernt hat, zu verstehen, wie die verschiedenen Funktionen von Organismen zusammenspielen, dass man sich ein Bild von der Welt gemacht hat, und dass man dieses und jenes sogar mal ausprobiert hat.

Ein Kommentar von Jörg Friedrich

Jörg Friedrich ist Philosoph und Geschäftsführer eines Münsteraner Softwarehauses. Im vergangenen Jahr erschien bei Telepolis sein Buch "Kritik der vernetzten Vernunft - Philosophie für Netzbewohner".

Das Fach, was die moderne Schule braucht, heißt nicht Programmieren, es heißt auch nicht „ITK“. Vielleicht heißt es "Digitale Welt“. Da könnte man zuerst mal Computer auseinander nehmen und wieder zusammenbauen, und zu Netzen verbinden. Ja, um die heutige Welt zu verstehen ist es sinnvoll, die Welt von gestern zu sezieren, so, wie wir in Biologie Regenwürmer aufgeschnitten haben, um die Verdauung überhaupt zu verstehen. Und so, wie wir in Biologie die Nahrungskette gelernt haben, kann in der „Digitalen Welt“ die Beziehung von Client und Server vermittelt werden, und man kann ausprobieren, was passiert, wenn man eine Firewall konfiguriert.

Sicherlich: Es wird auch nicht schaden, wenn man in diesem Fach auch irgendwann mal ein bisschen Programmieren lernt, vielleicht auch mal ein Stück Code selbst schreibt, vielleicht in PHP mal eine kleine Webseite bastelt. Aber das Programmieren ist nicht das Erste und bei weitem nicht das Wichtigste, was die Kinder über die digitale Welt lernen müssen, auch wenn die Softwarekonzerne gern mehr Programmierer hätten. Aber die auszubilden ist auch in Zukunft nicht die Aufgabe der Schule. (Jörg Friedrich) / (axk)

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