Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.733.931 Produkten

Stefan Krempl 220

Fake News: "Irrsinnige Geschwindigkeit" des Online-Nachrichtengeschäfts beklagt

Fake News: "Irrsinnige Geschwindigkeit" des Online-Nachrichtengeschäfts beklagt

Die Journalisten Georg Mascolo und Laura Himmelreich, Moderatorin Melanie Stein, Sabine Frank von Google und Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen (vlnr).

Bild: Stefan Krempl

Im Netz nutzten Redaktionen teils nicht mal "einfachste Überprüfungsmechanismen", bevor sie Falschmeldungen verbreiteten, kritisiert der Investigativ-Reporter Georg Mascolo. Journalismus müsse ein "Ort der Mäßigung" sein.

Für die Entdeckung der Langsamkeit in der hitzigen Nachrichtenmaschinerie des Internets hat sich Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, ausgesprochen. Er geißelte am Montag bei einem Gespräch zu "Fakten, Fake und Propaganda" von Google in Berlin die "irrsinnige Geschwindigkeit, mit der das Geschäft mittlerweile vorangetrieben wird". Dem hielt der Ex-Chefredakteur des "Spiegel" entgegen: "Der Journalismus muss ein Ort der Mäßigung, des zweiten Gedankens sein."

Anzeige

Kaum eine Meldung und Quelle sei schräg genug, um nicht doch ohne jeglichen Faktencheck rasend schnell von Online-Nachrichtentickern übernommen zu werden, gab Mascolo zu bedenken. Die zuständigen Redakteure wendeten "nicht mal einfachste Überprüfungsmechanismen" an. Er erinnerte etwa an das Musterbeispiel für "Fake News", wonach bei einem kinderlosen Ehepaar erst in der Fertilitätsklinik festgestellt worden sei, dass sie Zwillinge seien und keine gemeinsamen Kinder bekommen könnten. Den "Mississippi Herald", der die Meldung ins Netz setzte, gebe es aber gar nicht. Hierzulande hatte die bizarre Geschichte unter anderem "Focus Online" aufgegriffen, den Fehlgriff wenig später aber eingestanden.

Kein gutes Bild auf die Branche warf laut dem Investigativ-Reporter auch die Tatsache, dass neben sozialen Netzwerkern die Nachrichtenagentur AP auf eine Aktion des Künstlerkollektivs "Peng!" hereinfiel, laut der die Vorsitzende des CDU-Ortsverbands Schwenke ein Engagement ihrer Partei gegen Kleinwaffenexporte forderte. Eine Kommune dieses Namens gebe es schließlich gar nicht in Deutschland. Anderswo werde nicht einmal abgewartet, "bis der Vorsitzende Richter seinen ersten Satz zu Ende gesprochen hat", kritisierte er das falsche Vorpreschen etwa von ARD, "Spiegel" oder "Zeit Online" zum vermeintlichen NPD-Verbot.

"Richtig Angst" machen Mascolo Formen von Fake News, die etwa am Beispiel des "Twitterkriegs" zwischen Pakistan und Israel anhand eines gefälschten Artikels zu Drohungen mit Nuklearschlägen führten. "Sehr besonnen" hätten die Medien dagegen auf die "Macron-Leaks" reagiert und sich weitgehend zurückgehalten, auch wenn er persönlich schon gern wüsste, was in den Papieren drin gestanden habe und was davon möglicherweise gefälscht gewesen sein solle. Zunächst spreche aber viel dafür, dass seine Zunft dazu lerne.

"Wir sind mittendrin in einer bedeutsamer Debatte", wie sich etwa der Journalismus entwickeln werde, blickte der Pressevertreter insgesamt recht zuversichtlich nach vorn. Amerikanische Verhältnisse mit einem Sender wie Fox News, der die Welt gänzlich anders beschreibe als der Rest, herrschten hierzulande auch nicht. "Große Kommandos, die sich auf die Suche nach Fake News machen", brauche es daher nicht.

"Vice"-Chefredakteurin Laura Himmelreich sah dies ähnlich. Auf die Frage, ob eine redaktionsübergreifende Kooperation gegen Falschmeldungen nötig sei, ging sie nur mit dem Hinweis ein, dass man "nicht jede Fake News mit großem Tamtam richtig stellen" müsse. Wenig dramatische Quatschberichte versendeten sich teils auch einfach. Eine "Einordnung" von Themen etwa mit "radikal subjektiven" Berichten sei gerade für die junge Zielgruppe wichtig, konstatierte die #aufschrei-Initiatorin. Solchen Stücken werde eine höhere Glaubwürdigkeit zugesprochen: "Das ist für mich keine Meinungsmache; ich glaube nicht an Objektivität."

Im Gegensatz zu Mascolo erinnerte sie aber auch an die "ökonomische Realität" bei Online-Medien, dass die Redaktion dort "so und so viele Posts absetzen sowie "so und so oft" die wichtigsten Nachrichten auf der Seite wechseln müsse. Wer diese Standards nicht einhalte, falle einer "Marktbereinigung" zum Opfer. Ein Redakteur haue so bei großen News-Portalen oft 15 bis 20 Agenturmeldungen pro Tag mit geändertem Einstiegssatz raus und habe gar keine Zeit, die Berichte ernsthaft auf Richtigkeit zu prüfen.

Laut Mascolo trägt auch "das Publikum selbst" oft mit dazu bei, Falschmeldungen zu verbreiten. Dabei finde heute im Internet jeder, "der wissen will, was sich zugetragen hat", bessere Möglichkeiten denn je. Allerdings müssten auch die großen Online-Plattformen wie Google oder Facebook lernen, dass sie eine "gewisse Verantwortung" dafür hätten, was über ihre Kanäle kundgetan werde.

Anzeige

Er habe daher "eine gewisse Milde" mit Bundesjustizminister Heiko Maas, da der SPD-Politiker diese Debatte mit den Betreibern mit seiner umstrittenen Initiative für ein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" in die richtige Richtung gebracht habe. Es handle sich dabei um eine "gut gemeintes", aber "trotzdem schlechtes" Vorhaben. Zugleich fragte er angesichts des Beispiels von Teenagern aus Mazedonien, die gezielt auf der Suche nach dem großen Werbereibach Falschmeldungen zum US-Wahlkampf streuten, ob es tatsächlich so schwer sei, "Zeitungen aus dem Netz verschwinden zu lassen, die es gar nicht gibt".

Klar auf dem falschen Dampfer sah Maas Sabine Frank, Leiterin Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz bei Google Deutschland. Sie befürchtet, dass es mit dem geplanten Gesetz den "Großteil der Grauinhalte" auf YouTube wie das Erdogan-Gedicht Jan Böhmermanns nicht mehr geben werde. Und dabei handle es sich um die Mehrzahl der Videobeiträge auf dem Portal. Bei der Google-Tochter werde anhand von Hunderttausenden Nutzerhinweisen zwar schon heute geprüft, ob die reklamierten Inhalten gegen Community-Standards und deutsches Recht verstießen. Bei der "großen Grauzone" sollten aber die Gerichte final entscheiden. Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz würden die Anbieter hier "im Zweifel" aber löschen, was die Kommunikationskultur nachhaltig verändern werde. (Stefan Krempl) / (kbe)

220 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. ARD will mit Faktenfinder-Portal gegen Fake News kämpfen

    ARD will mit Faktenfinder-Portal gegen Fake News kämpfen

    Falschnachrichten, Halbwahrheiten und Hetze verbreiten sich schnell über soziale Netzwerke. Die ARD will auf einem neuen Portal solche Geschichten entlarven.

  2. Netzwerkdurchsetzungsgesetz: Forscher warnen vor voreiligem Löschen von "Fake News"

    Netzwerkdurchsetzungsgesetz: Forscher warnen vor voreiligem Löschen von "Fake News"

    Kommunikationswissenschaftler halten den Plan der Bundesregierung, gesetzlich schärfer gegen Falschmeldungen in sozialen Netzwerken vorzugehen, für kontraproduktiv. Populisten könnten damit gestärkt werden.

  3. Grünes Licht fürs Netzwerkdurchsetzungsgesetz im Bundesrat

    Bundestag

    Die Länderkammer hat die umstrittenen Regeln für den Umgang mit Hassäußerungen und Falschmeldungen auf sozialen Netzwerken befürwortet. Gegner sehen Grundrechte gefährdet.

  4. Warnung vor Zensur: Immer mehr Protest gegen Netzwerkdurchsetzungsgesetz

    Warnung vor Zensur: Globaler Protest protestiert gegen Netzwerkdurchsetzungsgesetz

    Die "Global Network Initiative" hat den Bundestag aufgefordert, die geplanten schärferen Regeln für Online-Anbieter abzuweisen und seiner "Führungsrolle bei Menschenrechten" gerecht zu werden. Auch sonst hagelt es immer mehr Kritik.

  1. Das Doppeleinhorn meint … - die Stunde der Profiteure

    Wie ich lernte, die Fake News zu lieben

  2. Frankreich: Neues Gesetz gegen Fake News

    "Macron vergisst nie": Adressaten neuer Sanktionsmöglichkeiten sind russische Sender. Richter sollen künftig schnell Webseiten sperren können

  3. Generalsekretär des Europarates warnt vor Zensur durch Maßnahmen gegen "Fake News"

    Auch bei Eingriffen, die Facebook auf politischen Druck hin ankündigte, muss man Thorbjørn Jaglands Ansicht nach "aufpassen, weil es da auch um Meinungsfreiheit geht"

  1. Vorstellung: Ford Ka+ Facelift

    Ford Ka+

    Nach nur anderthalb Jahren wird der pragmatische Ford Ka+ überarbeitet, bleibt sich im Kern aber treu. Abgesehen von etwas Detailarbeit bringt das Facelift vor allem Neuerungen bei Infotainment und Motoren, wobei Ford sich an einem Punkt viel Zeit lässt - wie die Konkurrenz

  2. Vorstellung: Ford Focus

    Ford Focus

    Ford stellt in London den vierten Focus vor. Der tritt ein schweres Erbe an, war der Vorgänger doch über Jahre das meistproduzierte Auto der Welt. Der Neue hat jedoch gute Chancen, daran anzuknüpfen, denn Ford hat alte Schwächen beseitigt

  3. Infotainment im Test: Mercedes MBUX

    Mercedes

    Autohersteller geizen mit Rechenleistung, davon konnte man bisher von wenigen Ausnahmen abgesehen immer getrost ausgehen. Doch mit dem Infotainment-System in A-Klasse und Sprinter gibt Mercedes jetzt richtig Gas in Sachen Rechenleistung, Entwicklungszeit und Software-Vertrieb

  4. Ausprobiert: Porsche Classic Radio-Navigationssystem

    Porsche, Infotainment

    2010: Porsches erster Versuch einer Infotainment-Einheit für alte Porsches war gut, aber den Kunden nicht gut genug. 2015: Ein neues System soll da abhelfen. Wir fahren bei Porsche vor und probieren kurz aus

Anzeige