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Fake News: "Irrsinnige Geschwindigkeit" des Online-Nachrichtengeschäfts beklagt

Fake News: "Irrsinnige Geschwindigkeit" des Online-Nachrichtengeschäfts beklagt

Die Journalisten Georg Mascolo und Laura Himmelreich, Moderatorin Melanie Stein, Sabine Frank von Google und Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen (vlnr).

Bild: Stefan Krempl

Im Netz nutzten Redaktionen teils nicht mal "einfachste Überprüfungsmechanismen", bevor sie Falschmeldungen verbreiteten, kritisiert der Investigativ-Reporter Georg Mascolo. Journalismus müsse ein "Ort der Mäßigung" sein.

Für die Entdeckung der Langsamkeit in der hitzigen Nachrichtenmaschinerie des Internets hat sich Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, ausgesprochen. Er geißelte am Montag bei einem Gespräch zu "Fakten, Fake und Propaganda" von Google in Berlin die "irrsinnige Geschwindigkeit, mit der das Geschäft mittlerweile vorangetrieben wird". Dem hielt der Ex-Chefredakteur des "Spiegel" entgegen: "Der Journalismus muss ein Ort der Mäßigung, des zweiten Gedankens sein."

Die Zeit des Vorpreschens

Kaum eine Meldung und Quelle sei schräg genug, um nicht doch ohne jeglichen Faktencheck rasend schnell von Online-Nachrichtentickern übernommen zu werden, gab Mascolo zu bedenken. Die zuständigen Redakteure wendeten "nicht mal einfachste Überprüfungsmechanismen" an. Er erinnerte etwa an das Musterbeispiel für "Fake News", wonach bei einem kinderlosen Ehepaar erst in der Fertilitätsklinik festgestellt worden sei, dass sie Zwillinge seien und keine gemeinsamen Kinder bekommen könnten. Den "Mississippi Herald", der die Meldung ins Netz setzte, gebe es aber gar nicht. Hierzulande hatte die bizarre Geschichte unter anderem "Focus Online" aufgegriffen, den Fehlgriff wenig später aber eingestanden.

Kein gutes Bild auf die Branche warf laut dem Investigativ-Reporter auch die Tatsache, dass neben sozialen Netzwerkern die Nachrichtenagentur AP auf eine Aktion des Künstlerkollektivs "Peng!" hereinfiel, laut der die Vorsitzende des CDU-Ortsverbands Schwenke ein Engagement ihrer Partei gegen Kleinwaffenexporte forderte. Eine Kommune dieses Namens gebe es schließlich gar nicht in Deutschland. Anderswo werde nicht einmal abgewartet, "bis der Vorsitzende Richter seinen ersten Satz zu Ende gesprochen hat", kritisierte er das falsche Vorpreschen etwa von ARD, "Spiegel" oder "Zeit Online" zum vermeintlichen NPD-Verbot.

Gänzlich andere Beschreibung

"Richtig Angst" machen Mascolo Formen von Fake News, die etwa am Beispiel des "Twitterkriegs" zwischen Pakistan und Israel anhand eines gefälschten Artikels zu Drohungen mit Nuklearschlägen führten. "Sehr besonnen" hätten die Medien dagegen auf die "Macron-Leaks" reagiert und sich weitgehend zurückgehalten, auch wenn er persönlich schon gern wüsste, was in den Papieren drin gestanden habe und was davon möglicherweise gefälscht gewesen sein solle. Zunächst spreche aber viel dafür, dass seine Zunft dazu lerne.

"Wir sind mittendrin in einer bedeutsamer Debatte", wie sich etwa der Journalismus entwickeln werde, blickte der Pressevertreter insgesamt recht zuversichtlich nach vorn. Amerikanische Verhältnisse mit einem Sender wie Fox News, der die Welt gänzlich anders beschreibe als der Rest, herrschten hierzulande auch nicht. "Große Kommandos, die sich auf die Suche nach Fake News machen", brauche es daher nicht.

"Radikal subjektiv" eher glaubwürdig

"Vice"-Chefredakteurin Laura Himmelreich sah dies ähnlich. Auf die Frage, ob eine redaktionsübergreifende Kooperation gegen Falschmeldungen nötig sei, ging sie nur mit dem Hinweis ein, dass man "nicht jede Fake News mit großem Tamtam richtig stellen" müsse. Wenig dramatische Quatschberichte versendeten sich teils auch einfach. Eine "Einordnung" von Themen etwa mit "radikal subjektiven" Berichten sei gerade für die junge Zielgruppe wichtig, konstatierte die #aufschrei-Initiatorin. Solchen Stücken werde eine höhere Glaubwürdigkeit zugesprochen: "Das ist für mich keine Meinungsmache; ich glaube nicht an Objektivität."

Im Gegensatz zu Mascolo erinnerte sie aber auch an die "ökonomische Realität" bei Online-Medien, dass die Redaktion dort "so und so viele Posts absetzen sowie "so und so oft" die wichtigsten Nachrichten auf der Seite wechseln müsse. Wer diese Standards nicht einhalte, falle einer "Marktbereinigung" zum Opfer. Ein Redakteur haue so bei großen News-Portalen oft 15 bis 20 Agenturmeldungen pro Tag mit geändertem Einstiegssatz raus und habe gar keine Zeit, die Berichte ernsthaft auf Richtigkeit zu prüfen.

"Gewisse Verantwortung" der Plattformen

Laut Mascolo trägt auch "das Publikum selbst" oft mit dazu bei, Falschmeldungen zu verbreiten. Dabei finde heute im Internet jeder, "der wissen will, was sich zugetragen hat", bessere Möglichkeiten denn je. Allerdings müssten auch die großen Online-Plattformen wie Google oder Facebook lernen, dass sie eine "gewisse Verantwortung" dafür hätten, was über ihre Kanäle kundgetan werde.

Er habe daher "eine gewisse Milde" mit Bundesjustizminister Heiko Maas, da der SPD-Politiker diese Debatte mit den Betreibern mit seiner umstrittenen Initiative für ein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" in die richtige Richtung gebracht habe. Es handle sich dabei um eine "gut gemeintes", aber "trotzdem schlechtes" Vorhaben. Zugleich fragte er angesichts des Beispiels von Teenagern aus Mazedonien, die gezielt auf der Suche nach dem großen Werbereibach Falschmeldungen zum US-Wahlkampf streuten, ob es tatsächlich so schwer sei, "Zeitungen aus dem Netz verschwinden zu lassen, die es gar nicht gibt".

Die große Grauzone

Klar auf dem falschen Dampfer sah Maas Sabine Frank, Leiterin Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz bei Google Deutschland. Sie befürchtet, dass es mit dem geplanten Gesetz den "Großteil der Grauinhalte" auf YouTube wie das Erdogan-Gedicht Jan Böhmermanns nicht mehr geben werde. Und dabei handle es sich um die Mehrzahl der Videobeiträge auf dem Portal. Bei der Google-Tochter werde anhand von Hunderttausenden Nutzerhinweisen zwar schon heute geprüft, ob die reklamierten Inhalten gegen Community-Standards und deutsches Recht verstießen. Bei der "großen Grauzone" sollten aber die Gerichte final entscheiden. Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz würden die Anbieter hier "im Zweifel" aber löschen, was die Kommunikationskultur nachhaltig verändern werde. (kbe)

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