Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.508.171 Produkten

Stefan Krempl 6

Datenschützer: Risiken der Datenverarbeitung dramatisch gestiegen

Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix sieht in seinem Jahresbericht 2011 die Privatsphäre der Bürger gefährdet, da neue Überwachungstechniken in Staat und Wirtschaft angewendet würden. "Jede Datenverarbeitung ist riskant", heißt es in dem am Mittwoch vorgestellten, gut 200 Seiten langen Tätigkeitsreport. Dass die Gefahren gerade beim Verarbeiten personenbezogener Informationen "dramatisch zunehmen", sei aber im vergangenen Jahr deutlicher als je zuvor geworden. Dix spielt dabei darauf an, dass Sicherheitsdienste wie SSL-Zertifikate des Verschlüsselungsexperten DigiNotar kompromittiert wurden. Damit drohe "eine ganze Infrastruktur der Kommunikation zusammenzubrechen".

In einer Zeit, in der große US-Unternehmen wie Google, Facebook, Apple oder Amazon immer größere Sammlungen von Nutzerdaten anlegten, ohne bisher das europäische und deutsche Datenschutzrecht ausreichend zu berücksichtigen, steht der Datenschutz dem Bericht nach "vor einer besonderen Herausforderung". Soziale Netzwerke bilden daher einen Schwerpunkt des Reports. Social Plugins oder Fanpages, die ohne Rechtsgrundlage personenbezogene Daten in die USA übermitteln, seien rechtswidrig und dürften deshalb von Berliner Behörden oder Unternehmen nicht genutzt werden, betont Dix.

Facebook-Profilinhabern rät er, die umstrittene neue Funktion Timeline nicht zu aktivieren oder zumindest ihre Reichweite in die Vergangenheit zu beschränken. Zudem sollte es keiner App oder anderen Webseite gestattet werden, Daten ungefragt in den Newsfeed zu schreiben. Unabhängig davon sei es empfehlenswert, mit der Veröffentlichung eigener personenbezogener Daten in sozialen Netzwerken sparsam zu sein und sich dort unter Pseudonym zu bewegen. Der Berliner Datenschutzbeauftragte kritisiert die Bundesregierung, weil sie unverständlicherweise ihrer Ankündigung, gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Profilbildung im Internet vorzuschlagen, keine Taten haben folgen lassen. Der bloße Hinweis darauf, dass Diensteanbieter Selbstverpflichtungen eingehen sollten, werde dem Schutzbedarf der immer zahlreicher werdenden Nutzer nicht gerecht.

Einen weiteren Fokus legt der Bericht aufs Cloud Computing. Die Anforderungen an die Datenverarbeitung von Unternehmen und Behörden, zu denen neben Informationssicherheit etwa auch Kontrollierbarkeit, Transparenz und Beeinflussbarkeit gehörten, seien auch in Rechnerwolken zu erfüllen, hält Dix fest. Die Verantwortung für die eigenen Bits und Bytes dürfe nicht "verdunsten". Nötig seien detaillierte und eindeutige vertragliche Regelungen der Cloud-gestützten Auftragsdatenverarbeitung, die Angaben zum Ort der Dienstleistung und zur Benachrichtigung über eventuelle Ortswechsel sowie zur Portabilität und Interoperabilität enthalten müssten. Die Nutzung von Cloud-Diensten, bei denen personenbezogene Daten entweder in Länder ohne angemessenes Datenschutzniveau exportiert oder dem unkontrollierten Zugriff ausländischer Behörden ausgesetzt werden, sei unzulässig.

Auch im staatlichen Bereich macht der Report Datenkraken aus. Die Potenziale der Informations- und Kommunikationstechnik zur Überwachung menschlicher Lebensäußerungen hätten Orwells Big-Brother-Phantasie aus "1984" längst übertroffen. "Informationelle Selbstbestimmung, Persönlichkeitsrechte und die sich daraus ergebenden Forderungen für die Freiheit des Einzelnen nach den Vorgaben des Grundgesetzes geraten zusehends in die Defensive gegenüber den Interessen des Staates zur Vorbeugung und Verfolgung von Straftaten und zur Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung."

Die vom Chaos Computer Club aufgedeckte "Staatstrojaner"-Software bestätige die von der Behörde 2007 ausgesprochene Warnung, dass die Legalisierung der Online-Durchsuchung das Vertrauen der Gesellschaft in die Sicherheit der IT-Struktur nachhaltig erschüttern werde, führt der Bericht aus. Es sei schwer vorstellbar, dass die vom Bundesverfassungsgericht gezogene Grenze zwischen Quellen-Telekommunikationsüberwachung und Online-Durchsuchung in der Praxis berücksichtigt werde. Nötig sei daher eine klare Gesetzesgrundlage für das Abhören von Internet-Telefonaten.

Insgesamt lagen die Eingaben von Bürgern dem Report nach auf "gleichbleibend hohem Niveau". Der Großteil der über 1400 Beschwerden habe sich gegen Unternehmen gerichtet. Im Berichtszeitraum seien wegen Datenschutzverstößen Bußgelder in Höhe von insgesamt 22.705 Euro festgesetzt und in Höhe von 14.951 Euro eingenommen worden. (jk)

6 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Gläserner Surfer: Digitalwirtschaft wehrt sich gegen pauschalen Spähverdacht

    Vernetzte Menschheit

    Browser-Erweiterungen wie Web of Trust, die Nutzer massiv ausspionieren, gehörten nicht zu den Geschäftsmodellen der hiesigen Digitalfirmen, heißt es bei einem Verband. Online-Marketing dürfe nicht generell in Verruf kommen.

  2. Berliner Datenschutzbeauftragte: Privatsphäre von Flüchtlingen stärken

    Berliner Datenschutzbeauftragte: Privatsphäre von Flüchtlingen stärken

    Die neue Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk hat im Tätigkeitsbericht 2015 vor einem "Datenschutz 2. Klasse" für Asylbewerber gewarnt. Menschenrechte müssten auch Flüchtlingen unabhängig von ihrem Status zustehen.

  3. Privacy Shield: EU-Datenschützer segnen Abkommen mit Vorbehalten ab

    Privacy Shield: EU-Datenschützer segnen Abkommen mit Vorbehalten ab

    Das umstrittene Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA hat nun auch den Segen der "Artikel 29"-Gruppe der nationalen Datenschützer. Die wollen aber in einem Jahr nochmal genau hinsehen.

  4. Datenschutzexperte Schaar: Gesetzverschärfungen nicht nötig

    Datenschutzexperte Schaar: Gesetzverschärfungen nicht nötig

    "Es gibt Gesetze, die die Weitergabe personenbezogener Daten an die Sicherheitsbehörden regeln", sagte der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte einer Zeitung.

  1. Microsoft Azure und Office 365 kommen nach Deutschland

    Microsofts CEO Satya Nadella hat heute in Berlin verkündet, dass Microsoft zukünftig auch zwei Cloud-Rechenzentren in Frankfurt und Magdeburg anbieten wird.

  2. Datenschutz in Berlin als "Chance"

    Datenschutz in Berlin als "Chance"

    In ihrem ersten Tätigkeitsbericht sieht die neue Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk in dem Safe-Harbor-Urteil des EuGH einen Wettbewerbsvorteil für Geschäftsideen aus Berlin. Andererseits gab es auch einiges zu monieren.

  3. NSA-Skandal und kein Ende: Was bisher geschah

    Angela Merkel

    Seit inzwischen zwei Jahren geben die Enthüllungen rund um die NSA und ihre Partner einen Einblick in den gigantischen Überwachungsapparat westlicher Geheimdienste. Wir haben die bedeutendsten Erkenntnisse und wichtigsten Reaktionen erneut zusammengefasst.

  1. Im Test: BMW X1 xDrive 20d

    BMW

    Der zweite BMW X1 wirkt innen nobler, dreht aber aus Kostengründen sein Antriebskonzept um. Statt des standardmäßigen Hinterradantriebs mit zugeschalteter Vorderachse werden nun die Hinterräder nur bei Bedarf angetrieben. Eine Ausfahrt sollte zeigen, ob sich dieser BMW noch wie einer anfühlt

  2. Apple Carplay im BMW 1er

    BMW NBT Evo

    Unsere Kollegen von Techstage haben sich angesehen, wie BMW Apple Carplay integriert hat. Das ist nicht ganz billig, von BMW aber insgesamt sehr gut gelöst. Ein paar Dinge könnten BMW und Apple in ihrer Zusammenarbeit aber noch verbessern

  3. "Hilfe, wir werden von einem Piratensender gestört!"

    Peinliches Guerilla-Marketing im US-Radio

  4. "Großes Finale": Cassini meldet sich nach Flug zwischen dem Saturn und seinen Ringen

    "Großes Finale": Cassini meledet sich nach Flug zwischen Saturn und Ringen

    Einen Tag nach dem ersten Abtauchen zwischen den Saturn und seine Ringe hat sich die NASA-Sonde Cassini zurückgemeldet. Eine Antenne in Kalifornien empfängt die heiß ersehnten Daten. Offenbar lief alles nach Plan, freut sich die NASA.

Anzeige