Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.527.223 Produkten

Peter Zschunke, dpa 58

Commons-Bewegung drängt in die Politik

Überholtes Relikt der Vergangenheit oder Zukunftskonzept? Die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern war vor dem Kapitalismus ein vertrauter Bestandteil des Alltags, etwa auf der Allmende, der Gemeindeweide für die Schafe im Dorf. Auch Wasser und Luft gelten seit jeher als Gemeingüter. Die Bewegung der Commons empfiehlt das Konzept jenseits von Staats- und Privatbesitz als Lösung für Zukunftsprobleme. Neue Impulse kommen aus dem Internet, von freier Software und freien Inhalten. Während einer Buchvorstellung in Berlin bekannten sich auch Vertreter der Grünen und der Piratenpartei zum Commons-Konzept.

"Wir nähern uns diesem Thema von der Seite der natürlichen Commons", sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Klimaschutzexperte Hermann Ott am Montagabend auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung seiner Partei. "Wirtschaften ist Austausch mit der Natur, mit der Erde, diese darf dabei nicht vor die Hunde gehen." Für die Piratenpartei sagte Fabio Reinhardt, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus: "Die Piraten zielen auf allen Ebenen auf den Teilhabe-Aspekt ab."

Die Publizistin Silke Helfrich stellte in Berlin einen Sammelband (kostenloser Download) mit Beiträgen von 90 Autoren aus rund 30 Ländern vor, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen "ein modernes Konzept der Commons" präsentieren. "Commoning in seiner einfachsten Form ist es, Dinge gemeinsam zu nutzen und zu pflegen", so Helfrich. Die These, dass Gemeingüter von einzelnen gierigen Nutzern missbraucht und schließlich entwertet würden, treffe nicht zu. Der Fortbestand einer gemeinsamen Nutzung sei im Interesse aller und werde daher von diesen mit Hilfe eigener Regeln sichergestellt.

"Wer aus der Allmende schöpft, muss in die Allmende zurückgeben", sagte Helfrich. Das zeige sich auch bei der Software, "dem wichtigsten Produktionsmittel der Zukunft". Open-Source-Entwickler nutzen den freien Quellcode von Programmen und ergänzen diesen um neue Funktionen. Das Lizenzkonzept der Creative Commons übertrage dieses Konzept auch auf Bücher, Fotos und Filme. Die Commons-Bewegung ziehe ihre Kraft aus der "Vision einer lebenswerten Welt, in der niemand ausgeschlossen wird, in der die Entfaltung der anderen Voraussetzung für die eigene Entfaltung wird", sagte Helfrich, die den Sammelband "Commons" zusammen mit der Heinrich-Boell-Stiftung herausgegeben hat.

Wie das für praktische Politik genutzt werden könnte, führte der Grünen-Abgeordnete Ott aus. Im ganzen Land gebe es Initiativen, die Infrastruktur wieder in die Hand der Bürger zu bringen, auch die Energienetze. Ott bezeichnete RWE, Eon, Vattenfall und EnBW als "die vier Besatzungsmächte" und sagte: "Wir werden dafür sorgen, dass diese monopolartigen Strukturen aufgebrochen werden und wir den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, die Netze selbst zu kaufen."

Kommunale Strukturen seien der erste Ansatzpunkt, um Commons-Konzepte zu verwirklichen, sagte Helfrich. Aber auch auf globaler Ebene sei dies für ein nachhaltiges Wirtschaften unerlässlich. Als Beispiel nannte sie die Überfischung der Weltmeere. In der Diskussion fragte ein Online-Teilnehmer, ob nicht eigentlich der Staat in diesem Seine eine Allmende, ein allgemeines Anliegen sein sollte. Helfrich antwortet, ja es sei für die Bürger an der Zeit, sich auch den Staat wieder anzueignen. (anw)

58 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. FDP zur Digitalisierung: Instrument, um Selbstbestimmung und Aufstiegschancen für alle zu ermöglichen

    FDP-Generalsekretärin Nicola Beer

    Auf ihrem Bundesparteitag hat die FDP einen Leitantrag zu "Chancen der digitalen Gesellschaft" verabschiedet. Sie hebt darin hervor, dass "digitale Bildung die beste Sozialausgabe" sei.

  2. Der Datenmensch: Vom schleichenden Schwinden der Autonomie

    Gefahren aus dem Netz

    Der Staatsrechtler Alexander Roßnagel warnt davor, dass mit Big Data, Ubiquitous Computing und Künstlicher Intelligenz die informationelle Selbstbestimmung erodiert. Datenschutzprinzipien könnten nicht mehr vollzogen werden.

  3. Intelligente Städte: Bei Smart Cities "bleibt die Demokratie auf der Strecke"

    Forscher: "Smart City als öffentliches Gut bereitstellen"

    Der Ökonom Uwe Hochmuth hat auf einem gewerkschaftlichen Digitalisierungskongress eine "offene Lösung" für vernetzte Städte gefordert. Ver.di-Chef Frank Bsirske rief "demokratische Gegenkräfte" zum Digital-Kapitalismus auf den Plan.

  4. Koalition will offenbar Zugang zu Daten der Bundesverwaltung erleichtern

    Koalition will offenbar Zugang zu Daten der Bundesverwaltung erleichtern

    Die selbst gesetzte Digitale Agenda hat die Bundesregierung zu guten Teilen umgesetzt. Bei der Digitalisierung der Verwaltung gibt es aber noch enorme Defizite. Mit Open Data soll es nun aber voran gehen.

  1. Radverkehr in Berlin: Initiative startet Volksbegehren

    Zweirad

    350 Kilometer Fahrradstraßen, sichere Kreuzungen und grüne Welle für Radfahrer - das sind Forderungen eines neuen Volksbegehrens in Berlin. Die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ will erreichen, dass Fahrradfahrer in der Berliner Verkehrspolitik stärker berücksichtigt werden

  2. Zwischen Humanität und wirtschaftlichem Kalkül

    Die Flüchtlinge sind aus ihrer Rolle als Opfer herausgetreten und zu Akteuren des Weltgeschehens geworden

  3. "Die Grünen waren nützliche Idioten ihrer Parteipäderasten"

    Christian Füller über sexuellen Missbrauch bei den Wandervögeln, 68ern und Grünen. Teil 1

  1. Bitcoin erreicht zeitweise neues Rekordhoch über 1200 US-Dollar

    Bitcoin

    Bei kaum einer Währung geht es so auf und ab wie bei dem Kryptogeld Bitcoin. Die Aussicht auf einen Bitcoin-Fonds in den USA und zunehmendes Interesse aus Japan verleihen der Währung nun einen erheblichen Aufwind.

  2. Südschleswig zurück an Dänemark?

    Der Dansk-Folkeparti-Vizechef tritt für eine Südausdehnung seines Landes bis an die Eider ein -aber ohne "Panzerschlacht"

  3. Toyota verbessert die Effizienz im Keramik-Katalysator

    Zugegeben, unter „Randgängigkeit” versteht man eigentlich das Bestreben einer Flüssigkeit, bevorzugt an der Behälterwandung zu strömen. Toyotas Verbesserung an keramischen Katalysatormonolithen hat eher mit dem gegenteiligen Problem zu tun – verlangsamter Gasbewegung am Rand

  4. King Donald vs. Deep State: Der "Sumpf" schlägt zurück

    Real Game of Thrones

Anzeige