Logo von heise online

Suche
Abonnieren

Tägliche Top-News bei WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram & Insta

preisvergleich_weiss

Recherche in 1.703.355 Produkten

Torsten Kleinz 18

34C3: Zero Rating-Dienste als "Zeitbombe"

34C3: Zero Rating-Dienste als "Zeitbombe"

Thomas Lohninger sieht die Netzneutralität durch Zero Rating gefährdet.

Bild: heise online / Torsten Kleinz

Netzneutralitäts-Aktivist Thomas Lohninger warnte in Leipzig vor den Folgen von Diensten wie Telekom StreamOn und Vodafone Pass für die Netzneutralität.

Seit der Abkehr der amerikanischen Regulierungsbehörde FCC von der Netzneutralität stellt sich die Frage, wie es mit den Garantien für ein offenes Netz weitergeht. Auf dem 34C3 in Leipzig warnte der Aktivist Thomas Lohninger davor, dass eine zu schwache Umsetzung in Europa die Netzneutralität auch hierzulande wieder gefährden könne.

Anzeige

"Wir haben eine gemeinsame gesetzliche Regelung in der EU, aber viele verschiedene Regulierungsbehörden", so Lohninger, Geschäftsführer der Bürgerrechts-Organisation epicenter.works. Diesen Regulierern stünden deutlich unterschiedliche Mittel zum Schutz der Netzneutralität zur Verfügung.

So sei die höchste Strafe für Verstöße in Bulgarien lediglich 250 Euro. Bisher stellten zudem viele Regulierungsbehörden den Bürgern keine Informationen bereit, wie sie gegen Verstöße vorgehen können. Die Vorschrift, wonach den Kunden bei ihrem Internetanschluss zu Hause auch eine Mindestgeschwindigkeit garantiert werden müsse, werde oft nicht umgesetzt. Teilweise gebe es nicht einmal Messungen, mit denen eine Verschlechterung der Dienste diagnostiziert werden könnten.

Als Positivbeispiel stellte Lohninger Indien hervor, wo die kürzlich erweiterteten Netzneutralitätsregeln direkt in die Telekommunikationsgesetzen eingearbeitet wurden. Das bedeute: Wer sich nicht an die Regeln halte, riskiere seine Zulassung zum Anbieten von Telekommunikationsleistungen zu verlieren.

Als größtes Problem sieht Lohninger, die immer weiter verbreiteten Zero-Rating-Angebote wie Telekom StreamOn und Vodafone Pass, bei denen Kunden für die Nutzung bestimmter Dienste das Datenvolumen nicht berechnet werde. Bei einer Untersuchung wurden in 25 von 29 Ländern solche Angebote gefunden. Nur in elf Ländern davon seien Untersuchungen gestartet worden, ob diese Angebote den Regeln der Netzneutralität entsprächen. Kein einziges der Angebote sei verboten worden.

"Das bedeutet: Die Einzelfallbeurteilung der Zero-Rating-Angebote funktioniert derzeit nicht", schlussfolgert Lohninger. So biete der größte Provider Portugals einen Tarif an, bei dem die Nutzer lediglich 500 MByte Datenvolumen für das freie Internet zur Verfügung gestellt bekommen. Wer damit nicht auskommt, muss Zusatzpakete buchen, die das Datenvolumen jeweils nur für bestimmte Dienste wie Facebook und Instagram oder bestimmte Streaming-Dienste aufstocken.

Die Fortentwicklung der Zero-Rating-Angebote untergräbt nach Auffassung Lohningers die Netzneutralität insgesamt. So hätten es die Provider über diesen Umweg geschafft, einen zweiseitigen Markt zu etablieren, bei denen sie nicht nur von ihren Endkunden, sondern auch von Diensteanbietern effektiv Bezahlungen verlangen könnten.

Doch dieses Modell sei insbesondere für kleine Startups nicht zu bewältigen. Um Gleichbehandlung mit den Branchenführern zu erreichen, müsste ein Online-Anbieter alleine in Europa 3000 verschiedene Verträge mit Mobilfunkanbietern abschließen, um die Freischaltung der eigenen Datenpakete zu garantieren. Die Folge sei ein Markt, der sowohl große Provider als auch große Online-Dienste stark bevorzuge.

Anzeige

Dezentrale Plattformen wie das Podcasting-Portal Bitlove seien ohnehin von den Angeboten ausgeschlossen, da diese ihren Verkehr nicht effektiv für eine kostenlosen Weiterleitung markieren könnten. Eine weitere Folge des Geschäftsmodells: Durch die Zwangs-Etikettierung des Datenverkehrs, der schließlich auch zu Abrechnungszwecken gespeichert werden könne, sei sogar eine Vorratsdatenspeicherung durch die Hintertür zu befürchten.

Sorge bereitet Lohninger auch die weitere Gesetzgebung. So steht für April 2019 ein Review der bisherigen Regulierungen an. Lohninger erwartet, dass die Telekommunikationskonzerne sich hier für eine Aufhebung vieler Vorschriften einsetzen werden. Gerade der Ausbau des 5G-Netzes liefere den Marktteilnehmern starke Argumente, "Regulierungsferien" für die neuen Netze zu fordern. Damit könnten sie Erfolg haben. "Die EU-Kommission ist kein großer Fan des offenen Netzes", sagte Lohninger in Leipzig.

Einen Artikel zum Thema finden Sie in Ausgabe 1/2018 der c't: Die Netzneutralität wird ausgehöhlt. (Torsten Kleinz) / (nij)

18 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Netzneutralität: Ermittlungen gegen A1 Telekom Austria

    Antennen

    Der österreichische Mobilfunker A1 verrechnet bei ausgewählten Streaming-Diensten das Datenvolumen nicht. Die Regulierungsbehörde ermittelt wegen möglicher Verletzung der Netzneutralität.

  2. "Stream On" der Telekom: Verbraucherschützer gegen Zero-Rating-Angebot

    IT-Messe CeBIT

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht im Stream-On-Angebot der Deutschen Telekom einen Verstoß gegen die Netzneutralität. Er hat die Bundesnetzagentur aufgefordert, den Dienst zu verbieten.

  3. TKG-Reform: Schwarz-Rot will gebrochene Bandbreitenversprechen nicht ahnden

    Reichstagsgebäude in Berlin

    Die große Koalition hat sich auf Änderungen an der geplanten Reform des Telekommunikationsgesetzes geeinigt, bei der es um die Qualität von Internetzugängen und die Netzneutralität geht. Den Grünen reicht das nicht.

  4. FCC stellt Untersuchungen wegen möglichem Verstoß gegen Netzneutralität ein

    Server

    Die US-Regulierungsbehörde hatte untersucht, ob Deals zwischen Providern und Diensten über kostenlosen Traffic gegen das Prinzip der Netzneutralität verstoßen. Unter Trumps neuem Regulierungschef stand das Ergebnis schnell fest: nein.

  1. USA: Netzneutralität soll auf drei Wegen bewahrt werden

    Verbände wollen klagen, Bundesstaaten Rechtsspielräume nutzen - und im Senat fehlt den Unterstützern eines Widerrufsgesetzes nur noch eine Stimme

  2. Nach US-Wahlen: Republikanischer Konflikt um Breitband-Ausbau

    Nach US-Wahlen: Republikanischer Konflikt um Breitband

    Jahrelang wetterten Republikaner gegen jegliche Regulierung. Kommunen vom Breitbandmarkt auszuschließen war allerdings OK. Bei den Vorwahlen durchgesetzt hat sich aber Donald Trump, dessen Fans Regulierung zu ihren Gunsten erwarten. Die Situation verkomplizieren einflussreiche Unternehmen, die an Netzneutralität Gefallen finden.

  3. Snapchat fürchtet Ende der Netzneutralität

    Snapchat fürchtet Ende der Netzneutralität

    Die US-Kommunikationsbehörde will die "Open Internet"-Regeln zurückfahren. Start-ups wie der Bilderdienst Snapchat könnten es künftig schwerer haben, sich durchzusetzen.

  1. Google ARCore 1.0: Realistische Augmented Reality künftig auf 13 Android-Smartphones

    Google ARCore 1.0: Realistische Augmented Reality künftig auf 13 Android-Smartphones

    Die Augmented-Reality-Plattform ARCore wird zum MWC offiziell gestartet: Der Project-Tango-Nachfolger und Apple-ARKit-Konkurrent läuft künftig auf 13 Android-Telefonen.

  2. Unterwegs im BMW i3S

    BMW i3s

    Eine neue Schlupfregelung und eine harmonischere Fahrwerksabstimmung machen den batterieelektrischen BMW i3s zum Agilitätswunder mit ganzheitlichem Ansatz dank Recycling-Materialien und einer mit Strom aus Wasserkraft hergestellten CFK-Karosserie. Aber der Preis ...

  3. Maßnahmen für bessere Luft: Wer zahlt bei Gratis-Nahverkehr?

    Maßnahmen für bessere Luft: Wer zahlt bei Gratis-Nahverkehr?

    Ideen zur Luftreinhaltung gibt es viele, gratis sind die wenigsten. Vor allem der Vorstoß der Bundesregierung, in zunächst fünf Städten kostenlosen Nahverkehr anzubieten, wirft Fragen auf – und lenkt vom Anlass zu der teils hitzigen Diskussion ab.

  4. Wenn Rom ruckelt: Age of Empires Definitive Edition mit technischen Unzulänglichkeiten für 20 Euro

    Age of Empires Definitive Edition: Technische Unzulänglichkeiten für 20 Euro

    Microsoft hat Age of Empires generalüberholt und verkauft das Spiel nun für 20 Euro als Definitive Edition. Die neue Ausgabe ist im Vergleich zum Original hübscher, technisch allerdings miserabel umgesetzt.

Anzeige