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Karl-Gerhard Haas 223

125 Jahre Philips – einmal Weltkonzern und zurück

125 Jahre Philips ? einmal Weltkonzern und zurück

Philips Vinyl-Plattenspieler aus dem Jahre 1956. Ein Modell lässt sich sogar in Autos einbauen. Über das Abtastverhalten auf Kopfsteinpflaster ist leider nichts überliefert

"Weltmeister im Erfinden, Bademeister im Vermarkten“ – jahrzehntelang begleitet dieser Spott den Philips-Konzern. Zum einstigen High-Tech-Riesen gehören heute nur noch Hausgeräte und Medizintechnik.

Am Anfang steht legaler Ideenklau. Weil der niederländische König festlegt, dass fremde Patente in Holland nicht gelten, können Frederik Philips und sein Sohn Gerard ab dem 15. Mai 1891 in Eindhoven unbehelligt Glühlampen herstellen. Gerards Bruder Anton steigt 1895 ins Unternehmen ein. Das Geschäft lohnt sich: 1912 wandelt man die Firma in eine Aktiengesellschaft um und nennt sie N. V. Philips’ Gloeilampenfabrieken. Schon 1914 leistet man sich in Eindhoven ein eigenes Forschungszentrum, das Natuurkundig Laboratorium (NatLab).

Wer luftleere Glaskolben mit elektrischen Leitungen in deren Innerem produzieren kann, hat das Potenzial, auch Elektronenröhren herzustellen – bis zur Erfindung des Transistors nach dem Zweiten Weltkrieg essentieller Bestandteil jedes elektronischen Geräts.

Durchstarter

Die Schlagzahl, die Philips in den Jahren ab 1926 vorlegt, ist beachtlich: In Berlin wird die (heute in Hamburg ansässige) deutsche Niederlassung gegründet, 1927 mit der Übernahme des Hamburger Röntgenröhren-Herstellers C. H. F. Müller den Grundstein der Medizintechnik-Sparte gelegt, im selben Jahr mit dem Verkauf von Radios begonnen.

Bereits 1928 experimentiert man mit den ersten TV-Prototypen und beteiligt sich damit 1936 an der BBC-„RadiOlympia“. 1939 erscheint der erste Philips-Trockenrasierer unter dem nur bedingt vertrauenerweckenden Namen „Staalbaard“ (Stahlbart). Der Zweite Weltkrieg setzt dem noch in den Kinderschuhen steckenden Medium Fernsehen dann jedoch vorläufig ein Ende: Erst 1949 produziert das Unternehmen Fernseher in Serie.

Philips
Compactcassette 1963: Der ursprünglich als Diktiermedium konzipierte handliche Tonträger erobert rund um den Globus Kinder- und Wohnzimmer sowie Autoradios. Vergrößern
Bild: Philips

1956 erscheint mit den „Mignons“ eine Reihe von Vinyl-Plattenspielern, die ausschließlich Singles mit 17 Zentimetern Durchmesser per Schlitz annimmt. Ihren ersten Welterfolg landen die Niederländer aber 1963 mit der Compactcassette.

Freunde fürs Leben

Zu dieser Zeit entspinnt sich die lange anhaltende Zusammenarbeit mit Sony: Die Japaner schließen sich Philips’ Format an – und nicht dem von Grundig entwickeltem Konkurrenzsystem DC-International.

Die ersten Farbfernseher baut Philips 1964, mit dem Start des PAL-Farbfernsehens 1967 stehen die passenden TVs des Unternehmens in den deutschen Läden. Weniger Glück haben die Niederländer mit ihren ersten Videorecordern: Nach dem 1964 angekündigten Modell 3400 für damals 7000 D-Mark, das auf Offenspulenband 45 Minuten Schwarzweißbild und Ton speichert, stellt man 1971 gemeinsam mit Grundig das VCR-Format (Video Cassette Recorder) vor – die Geräte kosten 3000 Mark und nehmen eine Stunde auf. Es folgt das nicht abwärtskompatible VCR-Lonpglay mit zwei Stunden Video am Stück.

Kurz darauf schert Grundig aus und entwickelt auf VCR-Basis das wiederum inkompatible SVR (Super Video Recording). Nach der Ankunft von VHS und Betamax 1977 im europäischen Markt geraten Philips und Grundig ins Hintertreffen und versuchen mit Video 2000 den Befreiungsschlag. Aber die ambitionierten Recorder mit der damals unübertroffenen Spielzeit von acht Stunden plagen anfangs technische Probleme – schließlich schwenkt auch Philips auf VHS.

Philips-CD-Player aus den Anfangsjahren des Formats.
Philips-CD-Player aus den Anfangsjahren des Formats. Vergrößern
Bild: Philips

Die CD - eine Erfolgsgeschichte

Auch die 1979 als „Laservision“ erschienene Bildplatte ist zu ihrer Zeit ein Fiasko. Aber die optische Abtastung legt den Grundstein für den zweiten Philips-Welterfolg: die CompactDisc. Diesmal ist Partner Sony von Anfang an mit im Boot – und ohne die Hilfe der Japaner hätte die Welt wohl noch etwas länger als bis zum Frühjahr 1983 auf Philips' CD-Spieler warten müssen.

Philips gerät in eine regelrechte CD-Euphorie: CD-ROM-Laufwerke erobern nach und nach die PCs der Welt, Anfang der 1990er bringt man zusammen mit Kodak die Photo-CD heraus. Zeitgleich führt man die interaktive CD-i ein, die auch Video speichern kann – mit dem damals verfügbaren MPEG-1-Codec, halber PAL-Auflösung, einer Datenrate von 1,4 MBit/s und der CD-Spielzeitbegrenzung auf 74 Minuten.

Das Format wird ein Flop, doch Philips legt nach: Gemeinsam mit Sony werkelt man bereits an der der Multimedia-CD. Der japanischen und französischen Konkurrenz schmeckt das nicht – das wesentliche Feature der MMCD, die Doppelschicht-Technik, schafft es 1995 aber in die Spezifikationen der DVD. Auch bei der damals schon 14 Jahre alten Audio-CD gibt es Neues: 1997 setzt Philips mit dem CD-Recorder die Axt an die Schallplattenbranche. Es folgen Anfang der 2000er die ersten DVD-Brenner und -Videorecorder sowie schließlich – gemeinsam mit allen damaligen Branchengrößen außer Toshiba und NEC – die Blu-ray-Disc.

2009 brachte Philips den weltweit ersten LCD mit einem Seitenverhältnis von 16:9  für die Wiedergabe von Cinemascope-Filmen ohne Balken auf den Markt.
2009 brachte Philips den weltweit ersten LCD mit einem Seitenverhältnis von 21:9 für die Wiedergabe von Cinemascope-Filmen ohne Balken auf den Markt. Vergrößern
Bild: Philips

In den 1990ern zünden die Niederländer ein wahres Produkt-Feuerwerk: Den Fernsehern (damals noch mit Bildröhre) treiben sie mit 100-Hertz-Technik das Flimmern aus, die – längst als NXP ausgegliederte – Halbleitersparte dominiert mit Tuner- und MPEG-Decoderchips den Markt für PC-TV- und Videokarten. Bereits 1996 präsentiert Philips den ersten Plasma-TV – für 30.000 Mark. 2004 folgt mit dem AmbiLight die bis heute extrem populäre TV-Hintergrundleuchte.

Zur Hochzeit des Konzerns gibt es von den Niederländern TV-Studioequipment. PCs, Testbildgeneratoren, ISDN-Telefonvermittlungen, Faxgeräte, Mobiltelefone, Autoradios, DVD-Videorecorder und, und, und. 2009 versucht es Philips sogar mit Vibratoren – vergebens.

Ausverkauf

Trotz aller erfolgreichen Gadgets steht der Konzern in seiner Geschichte mehrmals am Abgrund. Um profitabler zu werden, filetiert man die Firma: 1998 verkauft Philips seine Autoradiosparte an VDO und steigt bei Grundig aus, 2005 trennt man sich vom digitalen Papier. 2008 geht die PC-Monitorsparte an TPV Technology und markiert das Ende der Zusammenarbeit mit Marantz, 2013 wird das US-Unterhaltungselektronikgeschäft an Funai verkauft.

Phiilips feierte große Verkaufserfolge mit der Kaffemaschine Senseo. Doch mittlerweile ist der Mark um Portions­maschinen heftig umkämpft.
Phiilips feierte große Verkaufserfolge mit der Kaffemaschine Senseo. Doch mittlerweile ist der Markt um Portions­maschinen heftig umkämpft. Vergrößern
Bild: Philips

2014 heißt es dann: „Alles muss raus!“ Das TV-Geschäft außerhalb der USA, das man 2011 in eine "TP Vision" genanntes Gemeinschaftsfirma mit TPV Technology eingebracht hatte, geht 2014 komplett an TPV Technology. Die übrige Unterhaltungselektronik gliedert man als Woox-Electronics aus. Dieser Bereich wird von Gibson Brands übernommen. Selbst das Licht-Geschäft gehört nicht mehr Philips; die Sparte soll verkauft oder an die Börse gebracht werden. Vorstand Frans van Houten will sich auf die Medizintechnik konzentrieren; auch das Geschäft mit den Hausgeräten behält man (noch), weil es zweistellige Margen verspricht.

Ob das reicht? Michael Gatermann bezweifelt es in der Oktoberausgabe 2015 des Wirtschaftsmagazins „Bilanz“: „Skeptiker sind sicher, dass Philips diese Wette nur verlieren kann. Denn die Holländer haben es in diesem Geschäft nicht nur mit den alten Hegemonen Siemens, General Electric und Angstgegner Samsung zu tun, sondern auch mit den gifitig-aggressiven Technik-Multis Google und Apple.“ Ein Grund für Gatermanns Pessimismus: 2008 rüstete man versuchsweise Philips-Angestellte mit Fitness-Armbändern und Schrittzählern aus. Doch die Geschäftsleitung befand: Das braucht keiner (nij)

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