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Gerald Himmelein 45

1 Jahr Pokémon Go: Spaß, trotz allem

1 Jahr Pokémon Go: Spaß, trotz allem

Lahmende Server, schlechtes Wetter, renitente Monster: Aller Widrigkeiten zum Trotz erfreut sich Pokémon Go nach wie vor einer großen Spielergemeinde. Kurz vor dem ersten Geburtstag sorgen neue Arenen und Raids für neue Motivation.

Ein Raid-Ei explodiert.

Unter einem Baum am Straßenrand stehen drei Männer und blicken etwas verloren um sich. Augen aufs Handy: Neben dem Baum ragt eine Arena in die Höhe, in der ein Raid-Boss auf kampflustige Pokémon-Go-Spieler wartet. Der Boss ist Schwierigkeitsgrad 4, ein Despotar – zu dritt nicht zu bezwingen. Die drei warten auf Mitstreiter, um das große Viech zu erlegen. Ist das geschafft, lässt es sich mit etwas Glück einfangen.

Die Zeit verrinnt: Jeder Raid ist nur 60 Minuten lang verfügbar, danach verschwindet das Monster wieder und die Arena ist wieder wie zuvor den Revierkämpfen der drei Teams (Rot, Blau und Gelb) ausgesetzt.

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Nach einer Viertelstunde findet sich ein Vierter. Fünf wären ideal, aber was solls: Auf in den Kampf. Der erste Angriff scheitert kläglich, der zweite Versuch misslingt nur um Haaresbreite. Im dritten Anlauf bezwingen sie Pokézilla dann doch noch, drei von vieren fangen es sogar. Ansonsten gehören die vier Spieler zu konkurrierenden Teams, Raids erfordern jedoch Team-übergreifende Zusammenarbeit. Man gratuliert einander, plaudert noch ein wenig und geht dann wieder auseinander, mit den Worten: "Bis zum nächsten Raid!".

Raids sind die neueste Motivationsspritze für Pokémon Go, dem großen Hype-Spiel im Sommer 2016. Entwicklerstudio Niantic hatte einige Prinzipien seines Augmented-Reality-Spiels Ingress mit der Pokémon-Lizenz kombiniert und dabei einen Nerv getroffen. Bei Ingress gehts um die Weltherrschaft, bei Pokémon Go ums Fangen putziger Viecher. Der Clou beider Spiele: Die virtuelle Welt ist fest mit den Koordinaten der realen Umgebung verdrahtet. Um im Spiel voranzukommen, muss man sich durch die reale Welt bewegen. Das "Go" im Namen ist eine direkte Aufforderung: Geh spielen!

Und so kommt es im Sommer 2016, dass Teenager und Business-Kasper weltweit gemeinsam auf Monsterjagd gehen – an der Straße, in Parks und an Flüssen und Seen entlang, weil sich dort seltene Wasser-Pokémon materialisieren. Um diese zu fangen, bewirft man sie mit Bällen, die man an Knotenpunkten namens Pokéstops einsammelt.

Der Ansturm überrennt die Macher des Spiels: Über Tage hinweg gehen die Server stundenlang in die Knie. Pokémon Go ist wie ein hipper Club, in dem die Luzi abgeht – sofern man es schafft, irgendwie reinzukommen.

Ende Juli laufen soviele Leute mit gesenktem Kopf durch die Gegend, dass einige Medien über Pokémon Go berichten wie über eine Seuche. ("Millionen Leute gehen an die frische Luft, spielen und haben Spaß. Ein paar Deppen achten dabei nicht auf den Verkehr. Was tun unsere Politiker gegen dieses Spiel? Gleich nach der Werbung.") In den USA erblöden sich einige Gemeinden sogar, Maßnahmen zu ergreifen, um Pokémon Go aus ihren Parks zu verbannen. Weil Parks ja bekanntlich nicht zum Spielen da sind.

Die Welt trennt sich in zwei Gruppen: Die eine spielt Pokémon Go, die andere nimmt den Spielern ihren Spaß übel. Immer wieder soll man sich rechtfertigen. Besonders irritiert Fragende die Erwiderung, dass man es nicht spielt, weil es alle spielen, sondern weil es Spaß macht.

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Dann kommt der Herbst. Angesichts frierender Finger verlieren die Gelegenheitsspieler den Spaß an immer wieder denselben Taubsis und legen das Spiel beiseite. Mit einem Halloween-Event versucht Niantic, dem Spielerschwund entgegentreten: Eine Woche lang wimmelt es überall von Gruselmonstern – naja, gruselig nach dem Standard eines Fünfjährigen.

Aber zumindest in Europa hat das Wetter die stärkeren Argumente. Weitere Events folgen, bei denen die Server thematisch zusammenhängende Viecher spammen: pinke Pokémon, Wasserwesen, Graskriecher, Steinmonster, Feuer- und Eisspucker. In den folgenden Monaten dominieren Schummler das Spiel – sie "snipen" mit GPS-Spoofing-Apps und Emulatoren vom Sofa aus gezielt rare Pokémon. Damit übernehmen sie Arenen im Dutzend, was den verbliebenden Spielern auf der Straße vollends den Spaß zu vergällen droht.

Erschummelte Pokémon werden gebrandmarkt. (Bild:  KERL0N auf Reddit )

Jugendlichen Spielern begegnet man kaum noch, dafür durch die Gegend stapfenden Männern, die mit Hund, Powerbank und Handschuhen vor einer Arena frieren und sich bei Begegnungen erst freuen, dass es noch andere Spieler gibt, und dann die Schultern hängen lassen, wenn sie zum anderen Team gehören.

Spät beginnt Niantic, gegen Schummler durchzugreifen. Erst im Winter werden automatisiert fangende Bot-Accounts gesperrt. Im Juni 2017 trifft es endlich auch Cheater, die zum Fangen quer über den Globus gebeamt sind: Ein roter Strich zieht sich durch ihre ermogelten Pokémon, die jeglichen Kampfeinsatz verweigern. Gegen einige Spoofer-Typen bleiben die Spielemacher jedoch bis heute machtlos: Bei Raids kommt es immer wieder vor, dass drei Kämpfer gegen den Boss antreten, aber nur einer tatsächlich an der Arena steht.

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