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Kommentar: Kotlin für Android – Googles fremde Lorbeeren

Kommentar: Kotlin für Android – Googles fremde Lorbeeren

Nach dem Wechsel von Eclipse zu IntellJ IDEA mag man die Kotlin-Unterstützung in Android als weiteren Ritterschlag verstehen. Doch der Geadelte ist hier nicht das Projekt Kotlin, sondern Google selbst – sagt Technologieexperte Benjamin Schmid.

Bei der Hauskonferenz I/O 2017 überraschte Google mit der Ankündigung, die Programmiersprache Kotlin zum offiziellen Bestand von Android zu ernennen. Obwohl es sich hierbei weder um ein neues Produkt noch ein neues Android-Feature handelt, sondern nur um die dröge Ankündigung, offiziell eine neue Programmiersprache in Android aufzunehmen, war der spontane Applaus der bis dahin größte in der Keynote von Produkt-Managerin Stephanie Saad Cuthbertson.

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Ein Kommentar von Benjamin Schmid

Ein Kommentar von Benjamin Schmid

Benjamin Schmid betreut als Technology Advisor seine Kollegen bei der eXXcellent solutions in allen technologischen und methodischen Fragestellungen. Seine praxisnahen Erfahrungen rund um Java, Web und .NET gibt er als Redner und Autor immer wieder gerne weiter.

Nach langer Durststrecke ist der Wunsch nach sich an Entwickler richtenden und verheißungsvoll glänzenden Innovationen für Android groß: Sie leiden heute unter den Vernarbungsschmerzen einer über viele Jahre gewachsenen API und Gerätevielfalt. Auch die technologische Basis Java präsentiert sich hinsichtlich einer – vielleicht zumindest moderaten, dafür aber kontinuierlichen – Evolution mehr als Desaster denn als Lichtblick: Die ursprünglich für 2011 vorgesehene Java-Modularisierung Jigsaw blickt kurz vor ihrer geplanten Veröffentlichung im inzwischen dritten Anlauf erneut einer unsicheren Zukunft entgegen. Sonst sieht es auf der Innovationsfront eher dürftig aus. Ganz davon abgesehen, dass es Jahre dauern kann, bis auch Android-Entwickler von diesen Neuerungen profitieren können.

Das erklärt die neidischen Blicke über den Zaun auf zum Beispiel Apple, das mit der Vorstellung von Swift im Jahr 2014 überraschend frischen Wind in die Entwicklergemeinde gebracht hatte. Ganz zu schweigen von der brachialen Dynamik eines JavaScript- und Web-Universums, das sich mit beispielsweise React Native, Cordova oder Flutter anschickt, nun auch die mobilen Gefilde unsicher zu machen.

Trotz der teilweise sehr guten Ansätze und innovativen Ideen bleibt es für alternative Entwicklungswerkzeuge oder Sprachen in der Regel schwer, signifikante Traktion zu gewinnen. Am Ende behält häufig der Platzhirsch nahezu ungeschoren die Oberhand. Und so fiel lange Zeit auch Kotlin nur wenig aus der zahlreich besetzten Nische für alternative JVM-Sprachen (Java Virtual Machine) auf. Denn Kotlin präsentiert sich auf den ersten Blick unprätentiös: Ausgerichtet auf den Unternehmenseinsatz und damit einem Fokus auf hohe Sicherheit, exzellente Java-Interoperabilität und gutes Tooling. Kein Vergleich zur Zwanglosigkeit von Groovy, der prickelnder Exotik von Clojure oder der beeindruckenden Mächtigkeit von Scala. Solide Hausmannskost statt Hipster-Futter. Mehr ein pragmatisch orientiertes Java++ als eine neue Revolution.

Doch genau diese konservative Einstellung kennzeichnet nun Kotlins Erfolg unter Android. Dank der Beschränkung auf Java-6-Bytecode ist Kotlin mit allen Android-Versionen kompatibel. Die Java-Interoperablität ermöglicht zudem die nahtlose Nutzung aller Android-Funktionen und Bibliotheken, ja sogar ein freies Mischen von Java- und Kotlin-Code. Strahlend lobt Google die Sprache als ausdrucksstarke, prägnante und mächtige Sprache, die zu schreiben und lesen die reinste Freude sei. Dank der "wunderbaren" Sicherheitsmerkmale und Reife passe Kotlin gut in Googles Strategie für performante und stabile Android-Apps.

Google hat in der Tat allen Grund zu Freude. Denn das rund 40 Mann starke Team um den Sprachdesigner Andrey Breslav hat in den vergangenen sechs Jahren vor allem eines geleistet: solide Arbeit. Als unabhängiger Dritthersteller hat JetBrains Android um eine attraktive Sprachalternative bereichert, die Apples Swift bestens die Stirn bieten kann. Spitzfindige Geistern merken zuweilen gerne an, dass Kotlin einige Jahre älter als Swift ist und daher die frappierende Ähnlichkeit von Swift eher auf Kotlin als denn anders herum zurückzuführen ist.

Dank der umfangreichen Vorarbeiten an Sprache, Tooling und IDE findet Google mit Kotlin eine quasi schlüsselfertige Innovationsspritze für die Android-Plattform vor. Solide getestet durch große Pilotnutzer wie Expedia, Pinterest oder Square ist dieser Schritt ohne wesentliche Risiken. Ein großzügiges Geschenk der Community an den Riesen und eine günstige Möglichkeit, die Attraktivität von Android für Entwickler neu zu steigern.

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Aber auch für Kotlin wird dieser Schulterschluss neue Vorteile mit sich bringen, und zwar nicht nur die bereits jetzt spürbare, deutlich erhöhte Sichtbarkeit. So möchte die neue Koalition das Kotlin-Projekt in eine unabhängige Non-Profit-Organisation überführen. JetBrains war von Anfang an stets bemüht, über die Wahl der liberalen Apache-2-Lizenz, dem Kotlin Evolution and Enhancement Process (KEEP) und langfristigem Bekenntnis ein offenes, unabhängiges und dauerhaft überlebensfähiges Projekt zu signalisieren. Die aktuellen Entwicklungen lassen diese Aussage nochmals glaubhafter werden.

Dass die Zukunft spannend bleibt, belegt auch die Roadmap der Sprache. Version 1.1 gibt Entwicklern mit den experimentellen Coroutinen neue Mittel für einfacheres Multithreading an die Hand und zeigt, dass sich die Sprache stetig weiter entwickelt. Die vor kurzem erschienene Technologievorschau von Kotlin Native kompiliert dagegen direkt in Maschinencode und unterstützt auch iOS, sodass der alte Traum einer lingua franca für allen Plattformen in realistische Nähe rückt.

Ich gestehe, dass ich lange Zeit unsicher war, ob sich Kotlin sich durchsetzen kann. Mit der offiziellen Aufnahme in Android bin ich mir nun aber sicher: Die Erfolgsgeschichte von Kotlin hat gerade erst begonnen. Und das nicht nur im Kontext von Android. Herzliche Glückwünsche an das Projekt – ich freue mich in Zukunft, nun hoffentlich öfters polyglott entwickeln zu können.

Siehe dazu auf heise Developer:

(ane)

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