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Herbert Braun 705

"Das wird die Wiedergeburt von Firefox"

Firefox in Berlin

Mozillas aktueller Marketing-Chef Jascha Kaykas-Wolff widerspricht Ex-Mozilla-CTO Andreas Gal; der hatte das Ende von Firefox prognostiziert. Im Gespräch mit c't kündigt Kaykas-Wolff einen Quantensprung in Sachen Firefox-Performance an.

Jascha Kaykas-Wolff ist sich sicher: Firefox ist noch lange nicht tot. Im Gegenteil verspricht der Chief Marketing Officer der Mozilla-Stiftung Performance-Sprünge und spannende neue Features für den Mozilla-Browser.

So entstehen gerade "Test-Pilot"-Experimente wie "Send", mit dem man verschlüsselte, sich selbst zerstörende Dateien übertragen kann. Benutzer sollen Firefox künftig per Sprache steuern können und stets die Kontrolle über alle Features behalten – etwa mit einem Werbeblocker.

In Hinblick auf die Konkurrenz macht sich Kaykas-Wolff wenig Sorgen: Man teile in der Branche das Wissen miteinander. Mozilla müsse zwar groß genug sein, um weiterhin Einfluss auf das offene Web zu haben – aber nicht so groß wie Google, Facebook oder Amazon, die mit ihren Browsern vor allem Geld verdienen müssen.

Im neu bezogenen Büro der Berliner Mozilla-Niederlassung, der am schnellsten wachsenden weltweit, sprach c't mit Jascha Kaykas-Wolff über die Zukunft von Firefox und die Probleme, eine große Organisation zum Experimentieren zu bringen.

c't: Im Browser-Wettbewerb ist Mozillas Marktanteil ziemlich geschrumpft – nach manchen Zahlen auf gerade einmal sechs Prozent. Ihr ehemaliger Technikchef Andreas Gal hat kürzlich gar den Browser-Krieg als verloren für Mozilla eingeschätzt. Wird Firefox zum Nischenprodukt?

Jascha Kaykas-Wolff: Die sechs Prozent beziehen sich auf Desktop und Mobile zusammen. Im Mobilbereich haben wir viel zu tun, deshalb sind wir jetzt zu einer agileren Entwicklung übergegangen.

Jascha Kaykas-Wolff
Mozillas Marketing-Chef Jascha Kaykas-Wolff: "Wir müssen größer als eine Nische sein, um weiterhin Einfluss auf das offene Web haben zu können." (Bild: Mozilla )

Auf dem Desktop zieht man meist die externen Zahlen von NetMarketShare oder StatCounter heran. Diese sind uns wichtig, denn sie prägen die Wahrnehmung – aber man muss sie immer mit Vorsicht genießen: Im zweiten Quartal dieses Jahres hatten wir bei StatCounter einen Rückgang und bei NetMarketShare einen Zuwachs. Intern verwenden wir zwei Metriken: die Benutzer, die monatlich aktiv sind – das bewegt sich im Bereich von hunderten Millionen – und die, die Firefox täglich verwenden. Wir veröffentlichen diese Zahlen nicht.

Andreas fundierte seinen Kommentar mit Zahlen, die aus einem veralteten System stammen: ADI, das einen kleinen Teil der installierten Browser anpingt, um kaputte Erweiterungen zu suchen. Es war nie zur Messung der Nutzerzahlen gedacht, auch wenn wir es eine Weile so verwendet haben. Vor anderthalb Jahren – also nachdem Andreas uns verlassen hat – haben wir dieses System ersetzt. Heute messen wir die Nutzerzahlen mit Telemetry. Nachdem wir einige Jahre lang Marktanteile verloren haben, sehen jetzt Stabilität in den Zahlen. Das Produkt ist besser geworden. Wir wachsen zwar noch nicht, aber dass wir nicht weiter schrumpfen, ist für uns sehr wichtig. Wir hoffen, dass wir zum Ende des Jahres Wachstum verzeichnen können. Für mich stellt sich die Frage nach dem Nischenprodukt erst, wenn wir auf dem Desktop unter zehn Prozent rutschen sollten.

c't: Wenn wir über Wachstum und Rückgang reden, beziehen Sie sich immer auf Marktanteile – heißt das, in absoluten Zahlen wächst Firefox?

Kaykas-Wolff: Die absoluten Zahlen, die wir über Telemetry bekommen, gehen hoch, ja.

c't: Wie genau funktioniert das System?

Kaykas-Wolff: Beim Starten kontaktiert Firefox Mozillas Server und fragt nach Updates. Er schickt uns einen Ping mit dem Land und der Information, ob der Browser zum ersten Mal läuft oder nicht. Das System erfasst also nicht wie früher einen Teil der Nutzer, sondern alle. Wir können zum Beispiel sehen: In Deutschland wird gerade ein neuer Browser aktiviert.

c't: Diese Daten sind zuverlässig?

Kaykas-Wolff: Ich glaube, wir vertrauen zum ersten Mal in unserer Geschichte unseren eigenen Zahlen. Wir wissen, dass wir sehr zurückhaltend bei der Sammlung von Daten sein müssen, aber wir brauchen auch Informationen, um unsere Produkte zu verbessern.

c't: Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung – wo wird Firefox in fünf Jahren stehen?

Kaykas-Wolff: Wir würden gerne ein paar Prozentpunkte wachsen. Aber wir müssen nicht wachsen, um den Markt zu dominieren – das macht uns als Organisation einzigartig. Unsere Aufgabe ist nicht, Profit zu machen. Bei uns gibt es keine Aktionäre, die nach höheren Umsätzen rufen. Das Geschäft muss nur gut genug laufen, dass wir uns auf unsere Aufgabe konzentrieren können. Wir müssen größer als eine Nische sein, um weiterhin Einfluss auf das offene Web haben zu können. Wir müssen groß genug sein, aber nicht so groß wie Google, Facebook oder Amazon.

c't: Und worin besteht die Aufgabe Mozillas?

Kaykas-Wolff: Wir müssen gut genug sein, um Innovation im Internet voranzutreiben, denn Innovation und Open Source sind wichtig für die Gesundheit des Internet. Wenn Riesenunternehmen, deren Ziel nur Profit ist, die Kerntechniken des Internet besitzen und es nicht wie ein Open-Source-Projekt behandeln – auch wenn es das pro forma ist –, wird das niemandem nützen.

c't: Was glauben Sie, wie sich Browser insgesamt weiterentwickeln werden? Wird es in fünf oder zehn Jahren noch solche Browser wie heute geben?

Kaykas-Wolff: Wahrscheinlich schon, aber auch noch eine Menge anderer Dinge. Die Metapher des Browsers wird sich sehr ändern, das steht fest. Wir interessieren uns sehr für neue Zugänge zu Informationen. Ein Beispiel ist unser Projekt Voice Commons, ein Open-Source-Korpus für die Verbesserung von Spracherkennung; das Projekt sitzt übrigens hier in Berlin. Ich denke, ein Sprach-Interface könnte großen Einfluss darauf haben, wie Browser in der Zukunft aussehen.

Augmented Reality und Virtual Reality sind neue Wege, die Inhalte des Internet zu erleben. Vielleicht werden unsere Brillen einmal Eingabegeräte für das Internet. Chatbots sind im Augenblick vor allem im Online-Handel relevant, aber Dinge kaufen zu können, hat damals das Web auch sehr vorangetrieben. Mit der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz könnten Chatbots über die Abwicklung von Transaktionen hinauswachsen. Die Geschwindigkeit, in der Innovationen passieren, ist derzeit überwältigend!

c't: Vor einigen Monaten hat Mozilla einen neuen Mobilbrowser herausgebracht, Firefox Focus (in Deutschland unter dem Namen "Klar"). Wie sind die ersten Erfahrungen damit?

Kaykas-Wolff: Klar/Focus wurde eines unserer am schnellsten wachsenden Produkte. Wir haben innerhalb von nicht einmal vier Wochen eine Million Downloads geschafft. Wir sehen, dass die Anwender die App viel benutzen.

c't: Das heißt, die Nutzer laden die App nicht nur herunter und probieren sie kurz aus, sondern benutzen sie auch?

Kaykas-Wolff: Die Anwender haben das Produkt intensiver genutzt als unsere anderen Mobil-Apps. Das war für uns ein neuer Weg: kein schwergewichtiger Browser mit allen Features, sondern eine App für einen ganz spezifischen Einsatzzweck, die auf dem Markt schnell wachsen kann. Mit solchen eher kleinen Projekten haben wir mehr Raum zu experimentieren. Wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr neue Produkte herausbringen können.

c't: Ist die App eher in Ländern mit hohem Datenschutzbewusstsein ein Erfolg oder in solchen, wo es mehr Grund gibt, Institutionen zu misstrauen?

Kaykas-Wolff: Die meisten Installationen gibt es derzeit in den USA und in Indien. Gemessen an der Bevölkerungsgröße dürfte Deutschland weiter vorne liegen, weil die Nutzer hier bei der Auswahl der Produkte auf dieses Thema achten.

c't: Wie groß war das Team für Klar/Focus?

Kaykas-Wolff: So um die zehn Leute. Wir arbeiteten mit agilen Methoden, mit einer Mischung aus Scrum und Kanban. Das war nicht einfach für uns als Organisation, da wir sonst Projekte mit Millionen Code-Zeilen haben. Für uns validiert das die Idee, mit kleinen Produkt-Teams etwas zu schaffen, was der Markt haben will. Das klingt, als wäre das etwas Selbstverständliches, aber es ist schwer, eine große Organisation zum Experimentieren zu bringen.

c't: Sie haben ja auch eben erst neue "Test-Pilot"-Experimente veröffentlicht.

Kaykas-Wolff: Ja, zum Beispiel "Send", mit dem man verschlüsselte, sich selbst zerstörende Dateien übertragen kann. Und mein Lieblings-Experiment "Containers" ist aktualisiert worden; das macht es möglich, mit verschiedenen Identitäten zu arbeiten, zum Beispiel einem Arbeits- und einem Privat-Profil.

Test-Pilot ist unser Weg, ein Projekt mit Millionen Code-Zeilen agil weiterzuentwickeln. Ein Beispiel ist "Screenshots", das in Test-Pilot gut angekommen ist und nach ein paar Iterationen dieser Tage als Feature in Firefox 55 herauskam. Es geht darum, Screenshots in Social Media zu teilen. Auf diese Weise können wir innerhalb weniger Monate Features entwickeln, testen und veröffentlichen.

c't: Das Konzept ist also generell, mit kleinen Teams überschaubare Projekte umzusetzen?

Kaykas-Wolff: Ja. Und ich glaube, dass uns das einen großen Vorteil auf dem Markt verschafft. Unsere Konkurrenten haben alle riesige Teams. Wir sind sehr zufrieden mit Test-Pilot.

c't: Wie viele Test-Pilot-Experimente gibt es?

Kaykas-Wolff: Dieses Jahr bisher ungefähr zehn sowie die beiden neuen.

c't: Wie ist der typische Lebenszyklus dieser Experimente?

Kaykas-Wolff: Manche, die sich nicht etablieren, verschwinden einfach, vielleicht nach zwei, drei Monaten. Bei anderen lassen wir das Feedback der Nutzer einfließen, wie bei Screenshots.

c't: Und das Ziel ist immer ein Browser-Feature, oder kann es auch eine Erweiterung werden?

Kaykas-Wolff: Bisher ging es um die Integration in den Browser, aber der Erweiterungs-Weg wäre eine Alternative. Es könnte interessant sein, hier mit der Community zusammenzuarbeiten und Erweiterungen in Test-Pilot zu testen, aber wir müssen noch herausfinden, wie das am Besten funktionieren könnte.

c't: Auf dem Markt haben wir minimalistische Browser wie Chrome und Edge, die versuchen, hinter den Inhalten zu verschwinden. Auf der anderen Seite steht ein Feature-Monster wie Opera, das besonderen Schwerpunkt auf Design legt. Wofür steht Firefox?

Kaykas-Wolff: Wir konzentrieren uns auf zwei Schwerpunkte, hinter denen eine Grundidee steckt. Diese Grundidee lautet, dass der Benutzer die Kontrolle hat. Wir wollen die Nutzer so gut wie möglich vertreten.

Unser erster Schwerpunkt ist Performance und Geschwindigkeit – ein Gebiet, auf dem wir dieses Jahr härter gearbeitet haben als zuvor. Firefox 54, der vor einem Monat herauskam, setzt mit Electrolysis auf Multi-Prozess-Architektur. Das erhöht die Geschwindigkeit und verringert spürbar die Speichernutzung. Mit den nächsten Versionen machen wir auf diesem Weg weiter; Firefox 57 wird der schnellste Browser sein, den wir je hatten, und in vielen Fällen Chrome bei der Performance schlagen.

Der zweite Schwerpunkt ist Datenschutz und Sicherheit. Das heißt, dass der Benutzer unsere Features kontrollieren kann – Dinge wie der letztes Jahr eingeführte Tracking-Schutz im privaten Modus oder ein Werbeblocker, über den alle Browser-Macher gerade diskutieren. Wir wollen uns auf Performance konzentrieren und dem Nutzer alle Möglichkeiten zu Datenschutz und Sicherheit bieten.

c't: Es war sicher eine große Kraftanstrengung, mit Electrolysis den Browser-Kern mit einer neuen Programmiersprache nochmal zu bauen ...

Kaykas-Wolff: Allerdings! Das war ein mehrjähriges Projekt. Es gibt einen neuen Geist in Mozilla, die Arbeit, die wir seit vielen Jahren machen, als Produkte auf den Markt zu bringen. Statt darauf zu warten, bis irgendwann alles fertig wird, bringen wir unsere Fortschritte kontinuierlich heraus.

An Servo und Electrolysis arbeiten wir seit fünf oder sechs Jahren. Letztes Jahr haben wir uns verpflichtet, daran nicht nur als Experiment zu tüfteln, sondern die Früchte unserer Forschung ins Produkt zu bringen. Wir arbeiten dieses Jahr weiterhin am Browser-Kern und bringen ständig neue Features und Komponenten für die Engine heraus. Im November, in Firefox 57, wollen wir alle Kern-Komponenten auf die Servo-Engine umgestellt haben.

c't: Die großen Meilensteine sind also Firefox 54 und 57?

Kaykas-Wolff: Auch Firefox 55 enthält einige substanzielle Neuerungen. Electrolysis bekam neue Features, was die Performance steigert, wir aktivieren als erster größerer Browser VR und anderes. Firefox 57 kommt gerade als Nightly-Version heraus.

c't: Wird Electrolysis mit Firefox 57 abgeschlossen sein?

Kaykas-Wolff: Es wird 2018 weitergehen mit dem schrittweisen Ersetzen der Komponenten. Das ist mit Firefox 57 noch nicht abgeschlossen. Firefox 57 ist wichtig, was die Kern-Architektur angeht, aber auch wegen des UI-Relaunches, dem ersten seit ... mehreren Jahren.

c't: Seit Australis?

Kaykas-Wolff: Ja, das ist schon eine Weile her! Damit bringen wir einen frischen Look bei Formularfeldern, Menüs und all den anderen Elementen, mit denen die Anwender interagieren.

c't: All diese Neuerungen werden auch in Firefox Mobile kommen?

Kaykas-Wolff: Ja, aber wahrscheinlich ein wenig später – eher Wochen als Monate später.

c't: In welche Richtung geht das neue Photon-Design?

Kaykas-Wolff: Es verschmilzt mehr mit dem Hintergrund; Touch- und Sprachsteuerung spielen eine größere Rolle. Außerdem zeigen wir eine kleine Produkt-Tour. Viele, die sich heute einen Browser installieren, wissen nicht, was sie alles damit machen können. Mit so einer Produkt-Tour helfen wir ihnen, ein paar zentrale Features zu finden. Vielleicht hätten wir sowas schon vor langer Zeit machen sollen.

c't: Also eine kurze Führung beim ersten Start mit ein paar Screens?

Kaykas-Wolff: Genau. Die zweite, vielleicht wichtigere Neuerung bei Photon ist die Art, wie der Browser Seiten auf den Bildschirm zeichnet. Dabei geht es nicht nur um die messbare Performance, sondern auch um die visuelle Wahrnehmung. Es wirkt also schneller und ist darüber hinaus auch tatsächlich schneller. All das zusammen ist eine ziemlich grundlegende Veränderung und ein gewaltiger Sprung nach vorne. Ich nenne es deshalb die Wiedergeburt von Firefox.

c't: Anscheinend kommen alle großen IT-Projekte einmal an diesen Punkt, wo sie neu anfangen müssen, weil der 15 Jahre alte Code zum Problem wird – wie beim Internet Explorer, wo die Situation wohl noch verfahrener war.

Kaykas-Wolff: Ja, und vielleicht hat man vor 15 Jahren nicht alles perfekt dokumentiert ... Früher waren wir einer der ersten großen Antriebsmotoren der Veränderung in der Browser-Welt, sodass sich andere an uns orientieren konnten. Bei der Multiprozessor-Architektur sind andere vorangegangen. Dadurch hatten wir die Chance, von ihnen zu lernen. Unsere Speichernutzung ist erheblich besser als die von Google Chrome auf Mehrprozessorgeräten.

c't: Sie stehen also auf den Schultern großer Wettbewerber ...

Kaykas-Wolff: Ja. In der Branche teilt man Wissen miteinander. Unsere Arbeit am Quantum-Projekt – also die Erneuerung der Engine auf Grundlage der Servo-Komponenten – ist erst durch die Arbeit von Google, Microsoft, Apple und anderen möglich geworden, so wie diese von uns gelernt haben.

c't: Es gibt also unter den Browser-Herstellern zugleich enge Zusammenarbeit und harte Konkurrenz?

Kaykas-Wolff: Die Technologieunternehmen müssen unbedingt zusammenarbeiten, stehen aber auch im Wettbewerb – es ist wie bei der UN. Google arbeitet daran, dass Chrome erfolgreich ist, weil es ihnen bei ihren Geschäften hilft, und bei Microsoft und Apple ist es ebenso. Unser Geschäft ist anders: Wir haben kein Ökosystem und keine anderen Produkte. Uns geht es vielmehr um ein offenes, gesundes Internet. Das macht es manchmal schwierig, mit den anderen zusammenzuarbeiten. Man muss sich in dieser komplizierten Branche bewusst sein, wie man zusammenarbeitet und wie man konkurriert. (hob)

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