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Daniel Herbig

Angespielt: FIFA 17 und Pro Evolution Soccer 2017

Angespielt: FIFA 17 und Pro Evolution Soccer 2017

PES 2017 zelebriert makellosen Lehrbuch-Fußball, das Spielgeschehen in FIFA 17 ist körperlicher und fehleranfälliger – das muss nichts Schlechtes sein.

FIFA und Pro Evolution Soccer unterscheidet weit mehr als nur das Lizenzbudget: Beide Spiele versuchen, ein möglichst authentisches Bild des Fußballs auf den Bildschirm zu zaubern, was beiden in den vergangenen Jahren ganz gut gelungen ist. Dennoch unterscheiden sich die Titel von Electronic Arts (FIFA) und Konami (PES) auf dem Platz grundlegend. Das fällt auch beim Anspielen von FIFA 17 und PES 2017 auf.

Klar, FIFA 17 hat das bessere Drumherum: Es gibt mehr lizenzierte Mannschaften, Stadien und Spieler. Man hat auch mehr Spielmodi zur Auswahl, unter anderem einen cineastisch inszenierten Spieler-Karrieremodus, in dem man einen jungen Kicker zum Ruhm führen kann. Und natürlich sind auch die Menüs wieder schöner als bei PES 2017. So war es zu erwarten, so ist es seit Jahren. Trotzdem hat PES zahlreiche Fans, und die lieben vor allem das, was auf dem virtuellen Rasen passiert. Warum das so ist, sieht man bei PES 2017 deutlicher denn je: Wie kein anderes Fußball-Spiel schafft es der Konami-Titel, dem Spieler wunderbaren Zauberfußball einfach zugänglich zu machen.

Das liegt vor allem am Passspiel, das locker von der Hand geht. Ohne große Mühen spielt man in PES 2017 punktgenaue Bälle in die Gasse oder zelebriert derart schwindelerregendes Kurzpassspiel auf engstem Raum, dass Anhänger der Guardiola-Religion ihre helle Freude haben dürften. Wer will, kann sich in den Einstellungen noch etwas mehr Kontrolle verschaffen, um beispielsweise Steilpässe auf den Zentimeter zu optimieren.

Bei aller Freude über atemberaubend herausgespielte Traumtore bleibt aber etwas Skepsis. Oft fühlt es sich so an, als würden die Flachpässe an einem unsichtbaren Faden zum Fuß des Mitspielers gezogen werden, die Ballannahmen gelingen den Kickern ohnehin fast immer perfekt. Selbst mit schwachen Teams kann man in PES 17 sauberstes Tiki-Taka-Ballgeschiebe abspulen und sich wie im Rausch vors gegnerische Tor kombinieren.

In Wirklichkeit ist Fußball aber nicht immer schön, er ist chaotisch, unfair, unberechenbar. Dieser Dynamik trägt FIFA 17 besser Rechnung als die Konkurrenz aus Japan. Man kann auch im EA-Titel den Ball laufen lassen, der Pass in die Tiefe gelingt ebenfalls – aber eben nicht immer auf Anhieb. Und vor allem nicht mit dieser spielerischen Leichtigkeit, die PES ausmacht. Steht man bei FIFA 17 nicht genau richtig zum Ball, landet der Pass im Nirgendwo. Stimmt das Timing oder das Gewicht nicht ganz, springt die Kugel spätestens bei der Ballannahme zum Gegner. Jahrhundert-Tore nach endlosen Pass-Staffeten gelingen in FIFA 17 seltener als in PES 2017, fühlen sich dafür aber besonders an.

Gewissermaßen sind es genau die missglückten Pässe und versprungenen Bälle, die FIFA 17 so interessant machen. Das Spiel lebt vom Kampf um den freien Ball, von Remplern, vom Trikotzupfen und von Fouls in der Grauzone. Electronic Arts hat die ohnehin starke Physik-Engine mit dem Umstieg auf Frostbite weiter verbessert und viele neue Animationen eingebaut. Jetzt ist es beispielsweise möglich, den Gegenspieler aktiv vom Ball abzuschirmen. Es macht einfach Spaß, sich mithilfe des linken Sticks aktiv in den Laufweg eines heranstürmenden Angreifers zu stellen und ihn abzudrängen, während der Ball ins Aus kullert.

Zwar gibt es auch bei PES 2017 einige nette Zweikampf-Animationen, die sind aber von Anfang bis Ende durchchoreografiert, der Spieler kann sie also nicht beeinflussen. Dynamische Kollisionen und körperbetontes Spiel gibt die Physik-Engine im Konami-Kicker nicht her. Auch das Ballverhalten wirkt oft nicht ganz realistisch oder passt zumindest nicht zu den abgespielten Schuss- und Passanimationen.

Haushoch überlegen ist PES hinsichtlich der künstlichen Intelligenz. „Adaptive AI“ nennt Konami die neue Technologie, die für abwechslungsreiche, individuelle und vor allem anpassungsfähige CPU-Gegner sorgen soll. Tatsächlich stellt sich die KI auf das Vorgehen des Spielers ein und versucht sogar, dieses zu kontern. Merkt die KI beispielsweise, dass man das Spiel hauptsächlich auf seinen Star-Spieler ausrichtet, wird der ballhungrige Fußball-Virtuose einfach in die gute alte Manndeckung genommen. Konami gibt dem Spieler aber auch die Werkzeuge in die Hand, auf solche taktischen Anweisungen zu reagieren. In den Taktik-Menüs von PES 2017 können sich Trainer-Füchse nach Herzenslust austoben. Die taktischen Kniffe wirken sich merkbar auf das Spiel aus und sorgen für spannende, einzigartige und involvierte Partien – zumindest was die strategische Ebene angeht.

Das Taktik-Menü von FIFA 17 hingegen ist wie schon im Vorjahr kaum der Rede wert, im Spiel merkt man von den Anweisungen nur wenig. Überhaupt bergen Partien gegen die KI in FIFA enormes Frustpotenzial: Computergesteuerte Akteure weichen Grätschen mit hellseherischer Leichtigkeit aus und ändern immer genau dann ihre Laufrichtung, wenn der Verteidiger sie gerade einzuholen droht. Diese KI-Tricksereien werden schnell nervig. Während sich KI-Teams in PES 2017 außerdem klar voneinander abgrenzen und unterschiedliche Spielstile an den Tag legen, herrscht in FIFA 17 Einöde: Jeder beliebige Drittliga-Haufen lässt den Ball laufen wie Guardiolas Wunder-Katalanen zu ihren besten Zeiten und beendet das Spiel regelmäßig mit einer Passquote von über 90 Prozent.

Trotzdem macht der Kick von EA uns in diesem Jahr zumindest in den ersten Runden etwas mehr Spaß. Die starke Physik-Engine sorgt gerade in Mehrspieler-Duellen für spannende Mittelfeldschlachten und krachende Zweikämpfe, Torschüsse und Pässe fühlen sich genau richtig an. Aufgrund der erweiterten Steuermöglichkeiten hat man auch abseits des Passspiels größeren Einfluss auf das Spielgeschehen. Und wenn man will, kann man in FIFA 17 ja auch tollen Fußball spielen. Man muss dafür nur etwas präziser vorgehen, sich mehr konzentrieren, die richtigen Spieler aufstellen und auch das berüchtigte Quäntchen Glück haben. Und das wird dem Simulationsanspruch oft besser gerecht als der etwas weichgezeichnete Tiki-Taka-Fußball von Konami. Passionierte Taktiker könnten sich mit FIFA 17 allerdings unterfordert fühlen, sie kommen bei PES 2017 eher auf ihre Kosten.

Für unseren Kurztest haben wir FIFA 17 auf dem PC und PES 2017 auf der Playstation 4 gespielt. (dahe)

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