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Christian Lorenz 42

Test: Alfa Romeo Giulia 2.2D

Wiedergutmachung

Dieser Marchionne hat schon zur Genüge bewiesen, dass er von der italienischen Automobiltradition bestenfalls keine Ahnung hat. Eigentlich hat man schon fast das Gefühl, der Fiat-Konzern tritt unter seiner Führung an, alles lächerlich zu machen, auf das man als italophiler Automobilliebhaber mit sehnsüchtigem Stolz zurückblickt. Der feige, sadistische Meuchelmord an der Marke Lancia, die Unverfrorenheit, einen E-Klasse-Konkurrenten, der mich ein wenig an einen Infiniti erinnert, wie die GT-Ikone Maserati Ghibli zu taufen und einen Klein-SUV als Fiat-500-Version zu bezeichnen, das sind nur ein paar wenige Beispiele der FCA-Selbstmordattentate auf die italienische Automobilkultur.

Name einer Ikone

Oh Gott – und jetzt kommt auch noch die Giulia dran – die Sportlimousine schlechthin und der letzte großartige Alfa, ohne dass es dazu weiterer Erklärungen bedürfe. Die Verehrung für jenes würfelartige Charaktergesicht, das durch die 60er, 70er, Bud-Spencer-Filme und durch die Südtiroler Serpentinen meiner frühkindlichen Urlaubserinnerungen röhrt, trug dazu bei, dass in der Folge Alfisti wie die Fans von 1860 München die vielen Missgriffe mit Gleichmut und Loyalität ertrugen. Für die Giulia sprach Rennmotorentechnik mit paarweise Nockenwellen und Doppelvergasern obendrauf, ein vollsynchronisiertes Fünfganggetriebe und Scheibenbremsen rundum. Sie hat schon damals keine Vergleichstests gewonnen. Dafür war sie zu spitz ausgelegt. Ihr war es nur wichtig die Konkurrenz im Antriebskapitel zu pulverisieren und beim Handling in Schach zu halten. Die Giulia wollte auf keinen Fall aus Vernunftgründen gekauft werden. Man sollte ihr mit Haut und Haar verfallen und dafür Nachteile im Platzangebot, im allgemeinen Komfort, beim Spritverbrauch und einen hohen Preis in Kauf nehmen.

Neue Ernsthaftigkeit

Aber vielleicht meint es Alfa ja doch ernst mit der Neuauflage der charakterstarken Sportlimousine. Immerhin ist die neue Giulia 25 Jahre nach dem letzten 75 das erste Modell auf einer eigenen Plattform mit Standardantrieb. Auf die Transaxle-Bauweise, die den 75 als Alfetta-Spross einzigartig machte, muss man heute natürlich verzichten. Außerdem hat Alfa die Vorstellung der neuen Giulia immer wieder verschoben, weil man im Detail noch nicht ganz zufrieden war. Diese Ernsthaftigkeit spendet Zuversicht.

Mit dem ersten Anblick steigt die Lust. Unser Testwagen ein 2.2D Veloce mit 210 PS starkem Vierzylinderdiesel und Allradantrieb Q4 ist ein Blickfang auf dem Parkplatz. Weggewischt sind die Zweifel, die ich beim ersten Betrachten der Fotos hatte. Ist der Neue nicht zu gesichtslos? Könnte er nicht genau so ein BMW, Audi oder Jaguar sein, wenn man sich das Alfa-Herz vorne wegdenkt?
Zumindest in der optisch angeschärften und zärtlich verschürzelten Veloce-Version im souverän tiefen Farbton Montecarlo-Blu mit schwarz lackierten 19-Zoll-Leichtmetallrädern im klassischen Alfa-Loch-Design hat die Giulia das Zeug dazu, auch Zweifler zu erobern. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

Gelungenes Cockpit

Auf dem Fahrersitz geht der positive Eindruck weiter. Ich finde sofort eine perfekte Sitzposition. Na ja, die Zeiten der Froschhaltung der Ur-Giulia, als es noch kein italienisches Wort für Ergonomie gab, sind auch bei Alfa schon sehr lange vorbei. Die stark konturierten Sportsitze der Veloce-Version mit elektrisch verstellbaren Seitenwangen passen wie der sprichwörtliche Handschuh. Der Blick schweift über ein elegantes Cockpit mit alfatypischem Flair. Die beiden Rundinstrumente in den traditionell tiefen Tuben sehen nicht nur schön aus, sondern lassen sich auch hervorragend ablesen.

Der liebevoll integrierte 8,8-Zoll-Bildschirm des großen Navigationssystems lässt sich über den Dreh-Drück-Steller intuitiv bedienen. Natürlich bietet die deutsche Premiumkonkurrenz mehr Features und Spielereien. Das von TomTom entwickelte System arbeitet im Segmentvergleich zudem zu langsam und ist mit 2550 Euro unangemessen teuer. Auf einen Touchscreen hat Alfa verzichtet. Das kommt der Bediensicherheit zugute. Unschöne Fingerabdrücke auf dem Display werden auch vermieden. Im ausgeschalteten Zustand wirkt der Bildschirm so wie ein glänzend schwarzes Zierteil.

Gute Verarbeitung

Ein gänzlich neues Niveau erreicht in diesem Alfa die Verarbeitungsqualität. Sie kommt zwar noch nicht ganz an die besten deutschen Konkurrenten heran, aber so nah dran war Alfa noch nie. Schon 156, 166 und eigentlich bereits der 164 waren in dieser Hinsicht zwar schon besser als der von Alfetta, Sud und Transaxle-Giulietta verdorbene Ruf. Jetzt aber muss man konstatieren, dass die Verarbeitungsqualität auf einmal ein Argument liefert, sich für einen Alfa Romeo zu entscheiden. Das ist so, als würde 1860 die Champions League gewinnen.

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