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Bob Lutz: Autonomes Fahren zerstört die Autobranche

„Mein Timing: perfekt“

Der meinungsstarke Automanager Bob Lutz, Ex-Spitzenfunktionär bei GM, BMW, Chrysler und Ford, äußert sich sehr pointiert zum Thema Autonomes Fahren. In einem Gastbeitrag mit dem Titel „Kiss the good times goodbye“ im US-amerikanischen Fachmagazin Automotive News (5. November 17) schildert der 85-Jährige Haudrauf seine Visionen für die Zukunft der Autobranche.

Für dieses Urgestein der Petrolheads ist es eine sehr steile These: Ausgerechnet Bob Lutz gibt Herstellern und Händlern auf Dauer keine Chance. Seiner Meinung nach wird Autofahren im herkömmlichen Sinn in spätestens 20 Jahren verboten. In seinen Augen passend zu seiner Lebenszeit: „Mein Timing ist wieder einmal perfekt.“ Hier seine Vorstellung der Entwicklung in den kommenden 20 Jahren:

Verschmelzung von Individual- und Schienenverkehr

Lutz ist der Auffassung, wir nähern wir uns dem Ende des Automobils wie wir es kennen, weil wir künftig in standardisierten Modulen bewegt werden. Er stellt sich eine Art Platooning mit individuell zurückgelegter Zulaufstrecke vor:

„Es wird letztendlich ein vollständig autonomes Fahrzeug sein, in dem kein Fahrer das Steuer übernehmen kann. Sie rufen es, es kommt zu Ihnen, Sie steigen ein, geben Ihr Ziel ein und werden auf die Autobahn gefahren. Auf der Autobahn wird es sich in einen 120, 150 Meilen pro Stunde fahrenden Konvoi anderer Module einfädeln. (...) An dieser Stelle verschmelzen Eigenschaften des Individual- mit denen des Schienenverkehrs.“

Bargeldlose Abrechnung

„Die Ausfahrt wird Ihr Modul über den Verzögerungsstreifen verlassen und zu Ihrem endgültigen Ziel fahren. Der Transport wird dann über Ihre Kreditkartennummer, Ihren Fingerabdruck oder eine beliebige andere Art der Identifikation abgerechnet. Das Modul kehrt zu seinem Sammelpunkt zurück und ist bereit für den nächsten Transport.”

Als Einstieg in diese Welt sieht Lutz Flotten, die meisten dieser standardisierten Module werden seiner Auffassung nach zunächst von Firmen wie Uber, Lyft oder anderen künftigen Transportunternehmen betrieben werden. Individualität wird dann wohl anders definiert:

„Einige wenige werden weiterhin personalisierte Module zu Hause parken, in denen sie aus Bequemlichkeit ihre Urlaubsausrüstung und die Fußballausrüstung der Kinder lassen können. (...) Spätestens in 15 bis 20 Jahren werden von Menschen gesteuerte Autos gesetzlich von den Straßen verbannt.”

Als Grund nennt Lutz die Fehlerquote menschlicher Fahrer, sobald rund ein Viertel der Fahrzeuge vollautonom fahren. „Dann werden sich die Regierungen die Unfallstatistiken ansehen und herausfinden, dass menschliche Fahrer 99,9 Prozent der Unfälle verursachen. Natürlich wird es eine Übergangszeit geben. Jeder wird fünf Jahre Zeit haben, sein Auto von der Straße zu holen, es zu verschrotten oder gegen ein Modul zu tauschen.”

Flottenbetreiber gehen voran

Bedenken der Menschen gegenüber dem autonomen Fahren sieht er auf seine Weise differenziert. Offenbar macht es bereits heute einen großen Unterschied, ob ein autonomes Fahrzeug von einem Autohersteller oder aus der Welt der Kommunikationsbranche im weitesten Sinne kommt:

„CNBC hat mich kürzlich gebeten, eine Studie zu kommentieren, die zeigt, dass Menschen kein autonomes Auto kaufen wollen, weil sie Angst davor haben. Sie trauen den traditionellen Autoherstellern nicht, also würde das einzige autonome Auto, das sie kaufen würden, von Apple oder Google kommen müssen.“

Lutz ist der Auffassung, dass man erst mal gar keine öffentliche Akzeptanz autonomer Fahrzeuge benötigen wüde. Die Bevölkerung müsste sich lediglich an große Flotten von Uber, Lyft, FedEx, UPS, US-Postdienst, Amazon, Versorgungsunternehmen und Lieferdiensten gewöhnen.

„Diese Module werden nicht unter Markennamen wie Chevrolet, Ford oder Toyota laufen sondern als Uber, Lyft oder einem Namen der künftigen Marktteilnehmer. Die Hersteller der Module werden einer Smartphonefirma wie Nokia ähneln. Die Wertschöpfung wird künftig vor allem bei den Betreibern der autonomen Flotten liegen.“

Leistung spielt keine Rolle mehr

„Die Transportunternehmen werden Module in verschiedensten Größen bestellen können – kurze, mittlere, lange, auch Pritschenwagen-Module. Aber die Leistung wird für alle gleich sein, weil auf der Autobahn niemand mehr überholen kann. Der Todesstoß für Unternehmen wie BMW, Mercedes-Benz und Audi, denn diese Art von Leistung wird nicht mehr zählen.


In Fahrzeugen jeder Größe werden Sie verschiedene Ausstattungen bestellen können. Es wird Basis- und Luxusmodule geben, mit Kühlschrank, Fernseher und voller Computer-Konnektivität. Es gibt keine Grenzen für das, was Sie in diese Module hineinpacken, denn Trinken oder SMS schreiben während der Fahrt sind kein Thema mehr.“

Das Thema „Design“ wird laut Lutz neu definiert und zudem eine kleinere Rolle spielen, da die Module für ihre Einpassung in die Hochgeschwindigkeits-Platoons an beiden Enden stumpf sein müssen. Die geringen Abstände, in denen die Module aneinandergereiht werden, sollen den Luftwiderstand erheblich senken.

Was aus der Händlern wird

„Ich glaube, dass das leider auch der Niedergang des herkömmlichen Automobilhandels sein wird. (...) Autohändler werden weiterhin als ein Randgeschäft für Kunden existieren, die personalisierte Module wollen oder Reproduktionen von Ferraris oder Formel-3-Autos kaufen. Motorsport – zum Spaß – wird überleben, nur nicht auf öffentlichen Straßen. Es wird ein paar in Country-Clubs wie Monticello in New York und Autobahn in Joliet, Illinois geben. Hier werden Wohlhabende zum Staunen ihrer Freunde, die noch fahren können, ihren Kindern das Fahren beibringen. Autofahren wird elitär, auch, wenn es öffentliche Strecken geben kann, wo man sich – wie auf öffentlichen Golfplätzen – für ein bestimmtes Auto einträgt und für ein paar Stunden Spaß hat.“

Selbstfahr-Reservate in Freizeitparks

Der Individualverkehr wird zu einer Art Funsport-Event, beschränkt auf einige abgezäunte Areale: „Wie bei Rennpferdezüchtern wird es Hersteller von Renn- und Sportwagen sowie Geländewagen geben. Allerdings nur noch in Heimarbeit. (...)

Der Autohandel wird die nächsten 10, vielleicht 15 Jahre funktionieren, wenn die Hersteller autonome Fahrzeuge unter ihrer Marke herstellen, und die dann noch auf der Straße sind. (...) Die Ära des von Menschen gelenkten Autos, seiner Reparaturwerkstätten, seiner Händler, der Medien, die es umgibt, wird in 20 Jahren vorbei sein.“

Was bleibt den Herstellern?

„Die Unternehmen, die sich anpassen und in die Wertschöpfung einsteigen können, werden überleben. Wenn sie dabei aber keine überlegenen technischen Fähigkeiten entwickeln, werden sich die Hersteller der (autonom fahrenden, d.Red.) Module – also wenn Sie so wollen, die Smartphone-Hersteller – ihre Spezifikationen von den großen Transportunternehmen diktieren lassen müssen.

Die Flottenbetreiber werden es festlegen und einfach sagen: ‚Wir wollen ein Modul mit einer bestimmten Länge, Gewicht und Reichweite.’ Sie werden Eigenschaften wie Haltbarkeit oder Beschleunigung vorschreiben und eine Ausschreibung starten.“

Als ehemaliger GM-Spitzenfunktionär sieht Lutz dieses Unternehmen heute offenbar bereit zu einem gewissen Wandel:

„Wenn Autohersteller intelligent sind, können sie sich anpassen. General Motors sieht die Zeichen, hat Maven geschaffen und in Cruise Automation und Lyft investiert. GM will nicht der Smartphone-Hersteller sein. Es möchte eine Firma bleiben, die Werte schafft und Wert schöpft, und deshalb handelt GM angesichts des Übergangs richtig. (...) Irgendwann wird das Thema des autonomen Fahrens von den Autoherstellern übernommen.“

Lutz gibt allerdings zu bedenken, dass die Wertschöpfung am Ende auf die großen Flottenbetreiber übergehen wird. Seine Voraussage ist, dass dieser Übergang wird in 20 Jahren weitgehend abgeschlossen sein wird.

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