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Peter M�hlbauer 188

"Filterbubbles" und gel�schte Umfragen

Die Debatte um Gauck geht weiter

Eine "Blitzumfrage" des ZDF ergab vor zwei Tagen, dass fast 70 Prozent der Bundesbürger Joachim Gauck als Bundespräsidenten befürworten. Angesichts seiner bedingt passenden Darstellung als "Bürgerrechtler" in den Mainstreammedien und der Tatsache, dass er von fünf der sechs etablierten Parteien nominiert wurde, überrascht das wenig.

Je mehr man sich vom Festnetzanschluss und der Fußgängerzone entfernt und neueren Debattenräumen zuwendet, desto lauter wird jedoch die Kritik an Gauck. Das, so der SPD-nahe Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo, sei einer "Zitatfixierung" und Twitter zu verdanken. Beides sorge dafür, dass Äußerungen aus einem Kontext herausgelöst und dadurch anders wirken würden. Dass nicht nur Twitter, sondern auch das extrem rigide deutsche Urheberrecht maßgeblich zur Kürze von Zitaten beiträgt, unterschlug er.


Joachim Gauck 2011. Foto: J. Patrick Fischer. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Geistige Grundlage von Lobos Schelte ist eine Analyse des Bloggers Patrick Breitenbach, der das Phänomen mit dem Ausdruck "Filterbubble" beschreibt. Breitenbach zeigt unter anderem, dass die dem Kandidaten teilweise unterstellte Nähe zu Thilo Sarrazin offenbar unberechtigt ist. Denn der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde bezeichnete das Buch des ehemaligen Berliner Finanzsenators (der immer noch SPD-Mitglied ist) nicht nur als "mutig", sondern gab auch zu, es nicht gelesen zu haben. Und von dem, was er aus Presseberichten über den Inhalt wusste, distanzierte er sich, wobei er besonders auf die Biologie verwies. Fazit des Bloggers ist, dass Gauck Sarrazin folglich "Mut […] für den Tabubruch" und "nicht für seine inhaltlichen Thesen" zusprach.

Hinsichtlich Gaucks – sehr vorsichtig formuliert – "nicht grundsätzlich ablehnenden" Aussagen zur anlasslosen Vorratsdatenspeicherung muss sich Breitenbach weiter aus dem Fenster lehnen, um die Wiedergabe im Standard als "sehr einseitig" darzustellen. Den von ihm zu diesem Zweck aufgebauten Popanz einer "bedingungslosen Vorratsdatenspeicherung" würde wahrscheinlich nicht einmal Hans-Peter Uhl befürworten (oder vielleicht doch – wer weiß das bei ihm schon). In jedem Fall würde Uhl aber (wie beispielsweise Innenminister Friedrich und zahlreiche andere Unionspolitiker) argumentieren, dass es die von Gauck angesprochenen "tragfähigen Belege" für eine Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung bereits zuhauf gibt. Und dass Gauck mit Nacktscannern an Flughäfen kein Problem hat und sich über das Portal Wikileaks empört, das unter den Tisch gekehrte Kriegsverbrechen öffentlich machte, mag auch der Würzburger "Botschafter, Vernetzer und Vermittler" nicht in Frage stellen.

Zeitungen griffen Breitenbachs Analysen gern auf – mit dem leicht geänderten Tenor, dass "das Internet" viel unzuverlässigere Informationen produziert als sie selbst. Ein laut Perlentaucher besonders "interessanter Einblick in die Technik journalistischen Internetbashings" gelang dabei Marc Kalpidis vom Berliner Tagesspiegel:

Überschrieben ist sein Artikel: "Kritikwelle im Netz - Volkssport Gauck-Bashing". Und [er] verlässt sich darauf, dass die Botschaft geschluckt ist, bevor er die erste Quelle zitiert, eine Zeitung! "Selbst Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele fragt sich in der Frankfurter Rundschau, wie Gauck angesichts der allgemeinen Klage gegen Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems 'den Protest dagegen auf der Straße 'unsäglich albern' nennen' könne."

Doch "Filterbubble" hin oder her – dass das Stimmungsbild für Gauck mit der technischen Aktualität der Medien, in denen man sich umsieht, negativer wird, mag niemand bestreiten. In einigen Online-Umfragen kamen deshalb ganz andere Meinungsbilder zustande, als sie das ZDF ermittelte: Bei der der Ostsee-Zeitung aus Rostock stimmten von 1641 Online-Lesern beispielsweise nur 33 Prozent dafür, dass Joachim Gauck Bundespräsident werden soll, aber 64 Prozent dagegen.

Auch beim Mitteldeutschen Rundfunk, der die Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt grundversorgt, zeichnete sich das Ergebnis einer am Montag gestarteten Umfrage eindeutig zuungunsten von Gauck ab: 77 Prozent der Teilnehmer hielten ihn zwischenzeitlich nicht für den Richtigen im Amt des Bundespräsidenten. Anders als bei der Ostsee-Zeitung ist diese Umfrage, von der Screenshots existieren, aber nicht mehr online oder im Archiv zugänglich, sondern wurde gelöscht. Kritiker sehen den Grund dafür darin, dass "die Umfragewerte nicht in die politische Linie passen". Beim MDR war am Mittwoch niemand erreichbar, der eine Erklärung dafür abgeben konnte.

Update: Mittlerweile liegt eine Stellungnahme des MDR vor. Der Sender meint, man habe die Umfrage "vorsorglich" von der Website genommen, weil sich das "Stimmungsbild […] binnen kurzer Zeit in drastischer Weise verändert[e]". Aus diesem Grund habe man sich gesorgt, "dass dies das Ergebnis einer technischen Manipulation von außen sein könnte". Dieser Verdacht sei "inzwischen ausgeschlossen" worden, man wolle "den Vorgang aber umfassend weiter untersuchen".

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