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Florian Rötzer

Geheimddiensthack gegen al-Qaida-Magazin?

Das von Jemens al-Qaida verbreitete Online-Magazin Inspire versucht, den Terrorkampf für junge Menschen im Westen attraktiv zu machen

Der britische Geheimdienst soll versucht haben, mit Hackermitteln die Propaganda von al-Qaida auszuhebeln. Der britische Telegraph will zumindest erfahren haben, dass Mitarbeiter von MI6 und GCHQ sich in die erste Ausgabe des englischsprachigen Online-Magazins Inspire gehackt hatten, das im Sommer 2010 von Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) im Internet verbreitet wurde.


Titel des ersten Inspire-Heftes

Amerikanische und britische Geheimdienste hätten im Vorfeld davon gewusst und Angriffe geplant, um das Erscheinen zu verhindern. Angeblich habe die CIA das neu eingerichtete US Cyber Command vor einem Angriff zurückgehalten, weil dadurch Informanten und Methoden auffliegen könnten, weswegen es dann die Briten machten. Das klingt alles verquer, ebenso wie die weitere Story, aber Geheimdiensten kann man ja tatsächlich vieles zutrauen.

Der Geheimdiensthack war, wenn er wirklich vom Geheimdienst ausgeführt worden war, weder besonders wirksam noch sonderlich einfallsreich, weil man schwerlich "das Original" hacken konnte, sondern wohl nur Dateien, die auf verschiedenen Websites zum Herunterladen gepostet wurden. Patriotisch nennt der Telegraph gleichwohl die Aktion eine "cyber-warfare operation", was bestenfalls ein Hackergag war. So soll die Seite 33 mit der Bombenbauanleitung "Make a bomb in the Kitchen of your Mom" durch eine Webseite mit Rezepten "The Best Cupcakes in America" ersetzt worden sein. Zudem seien noch Seiten mit Texten von Bin Laden und al-Zawahiri sowie ein Artikel entfernt worden, der erklärt, was man sich vom Dschihad erwarten kann.

Warum aber hat man die Datei nicht einfach gelöscht oder einen Trojaner eingebaut, um zu sehen, wer das Magazin vertreibt oder herunterlädt (auf jeden Fall Geheimdienste und selbst ernannte Terroristenjäger)? Wollte man lieber AQAP lächerlich machen? Wie auch immer, das Magazin erschien wenig verwunderlich natürlich trotz des Hacks, nach Auskunft eines Informanten des Telegraph würde der Geheimdienst weiterhin die Websites beobachten bzw. angreifen, die Inspire zum Herunterladen anbieten.

In Jemen war bereits 2009 al-Qaida stärker geworden, das US-Militär setzte Drohnen und Cruise Missiles ein und bediente sich der jemenitischen Luftwaffe, um sie zu bekämpfen. Als bedrohlich wurde vor allem der über Internetbotschaften bekannt gewordene, aus den USA stammende Prediger Anwar al-Awlaki betrachtet, der auch der "Herausgeber" oder Mentor von Inspire ist. Er soll Nidal Malik Hasan, den Militärpsychiater, dazu angestiftet oder verführt haben, im November 2009 einen Anschlag im Militärstützpunkt Fort Hood zu begehen, bei dem er 13 Menschen erschossen hatte. Auch der 23-jährige Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der Weihnachten 2009 in Detroit versucht hatte, ein Flugzeug in die Luft zu sprengen, soll von al-Awlakis beauftragt worden sein. Im November 2010 brachte man eine Sondernummer heraus, in der gezeigt werden sollte, dass auch billige und kleine Aktionen wie das Versenden von Briefbomben großen Schaden verursachen können (Nach dem großen Schlag kleine und billige Nadelstiche).


Alles läuft nach dem Programm von al-Qaida: So würde man gerne die arabischen Revolten sehen. Interessant ist, wie sich AQAP der Computergeneration andienen will, die Ideologie selbst ist absolut rückwärts gewandt, die Sprache schwülstig und die Texte quellen vor Koran-Zitaten über.

Während US-Präsident Obama im April 2010 den umstrittenen Befehl gegeben haben soll, den US-Bürger mittels Drohnen im Jemen zu töten (Mit US-Drohnen soll islamistischer Prediger im Jemen getötet werden), entwickelte AQAP wohl unter dem Rat von al-Awlaki das Konzept, mit einem mit vielen Bildern ausgestatteten und einigermaßen professionell und zeitgemäß gestalteten Online-Magazin junge Menschen für al-Qaida zu werben. In den USA wurde nach dem Vorfall in Fort Hood als besonders gefährlich angesehen, weil AQAP in Inspire auf einen so genannten Open Jihad setzt, d.h. Menschen unterweist, wie sie als Einzelgänger in den USA oder anderen westlichen Ländern Anschläge durchführen können, ohne sich zuvor in Terrorcamps ausbilden zu lassen und ein- und ausreisen zu müssen (Was erwartet die islamistischen Märtyrer oder Terroristen?). In d

Im März ist die bislang letzte Ausgabe erschienen. Dort versuchen al-Sawahiri, die Aufbruchsstimmung ("Tsunami of Change") in den arabischen Ländern für sich umzudeuten und die Aufständischen für ihren Kampf zu gewinnen. Dazu gibt es einen "Revolutionsführer"Al-Awlaki wird hier besonders hervorgehoben, dem man auch Fragen zuschicken kann, die er in einem Video-Interview beantworten will. Nachdem 2010 ein paar Gruppen, die Anschläge im Westen geplant hatten, aufgeflogen waren, rät der Terrorprediger, doch ganz alleine Anschläge auszuführen. Bei denen sei die Chance am geringsten, schon vor der Tat erwischt zu werden. Und in Beantwortung einer Frage, wie er seine Auslegung des Islam, die kaum jemand teile, denn begründen könne, antwortet al-Awlaki, dass es für sie nicht von Interesse sei, was die Menschen von ihnen halten, sie würden weiterhin machen, was Gott ge- und dem Satan missfällt.

In einem Beitrag eines anderen Autors wird guter und schlechter Terrorismus unterschieden. Terrorismus sei nicht von vorneherein negativ. Man verstehe sich als "Terroristen gegen die Feinde Allahs", daran sei nichts auszusetzen. Der Koran wird bemüht, um zu bekräftigen, dass die wichtigste Dschihad-Aktion die "Liquidierung ihrer Führer durch Mord oder einen Anschlag" sei. Schon der Prophet Mohammed habe schließlich Gruppen von Mudschaheddin und Spezialkommandos ausgeschickt, um ungläubige Führer, beispielsweise eine Allah lästernde Dichterin, zu töten.