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Alfred Hackensberger

"Wir kommen, um euch hinzuschlachten"

Von Afghanistan und Pakistan nach Somalia und Jemen: der Nomadenterrorismus von Al-Qaida

Der von George W. Bush 2001 ausgerufene Kampf gegen den Terror geht nun ins zehnte Jahr. Tausende von Al-Qaida-Leuten wurden dabei im Irak, Afghanistan, Pakistan oder in Saudi-Arabien getötet oder verhaftet. Trotzdem ist ein Ende der Terrorgruppe nicht in Sicht. Al-Qaida weiß sich organisatorisch und geografisch immer wieder neu zu erfinden. Neueste Front gegen Al-Qaida ist zurzeit der Jemen.

Dort startete die Regierung am 4. Januar mit rund 10.000 Soldaten eine Großoffensive gegen "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP). Einige Führungsköpfe, darunter Quasim Raymi, der 2006 aus einem jemenitischen Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen war, sollen getötet worden sein.

Der Großoffensive waren im Dezember kleinere Angriffe der jemenitischen Luftwaffe vorausgegangen, wie man sie aus der pakistanischen Grenzregion zu Afghanistan kennt. Dort werden fast täglich Al-Qaida-Mitglieder ermordet, um die Führungsebene auszudünnen und die Moral der islamistischen Kämpfer zu zermürben. Diese Operationen des US-Militärs werden von Drohnen ausgeführt, immer wieder kommen dabei Zivilsten zu Schaden. So auch geschehen im Jemen. In der Region Abyan und Arhab sollen am 17. Dezember US-Cruise Missiles 34 Kämpfer getötet haben, aber auch 45 Frauen und Kinder (Jemen: neue Front im Kampf gegen den Terror).

Der Angriff galt einer Versammlung der Führungsspitze von AQAP, die jedoch offensichtlich nicht anwesend war und überlebte. Zu den eigentlich gewünschten Herren zählten Nasser al-Wuhayshi, der AQAP-Chef, sowie der Hausgeistliche und spirituelle Führer der Gruppe, Anwar al-Awlaki, der über das Internet Attentäter rekrutiert. Gerade der Tod von al-Awlaki, des aus den USA stammenden Imams, wäre vom US-Militär wohl als großer Erfolg gewertet worden. Er "betreute" nämlich Nidal Malik Hasan, den Militärpsychiater, der im November 2009 auf der US-Basis Fort Hood 13 Menschen erschossen hatte.


Internet-Imam Anwar al-Awlaki

Wie sich später herausstellte, hatte al-Awlaki auch spirituellen Kontakt zu Umar Farouk Abdulmutallab, dem 23-jährigen Flugzeugbomber von Detroit. Mit diesem Attentat wollte man Rache an den USA nehmen - für die am 17. Dezember getöteten Zivilisten, die anscheinend Familienangehörige von Al-Qaida Mitgliedern waren. Imam Al-Awlaki hatte Umar Farouk Abdulmutallab mit der einfachen Philosophie von "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ausgestattet, wie man im Bekennerschreiben von AQAP nachlesen kann: "Da ihr die Führer unterstützt, die unsere Frauen und Kinder töten, kommen wir, um euch hinzuschlachten, und werden ohne jegliche Vorwarnung zuschlagen. Die Rache ist nahe."

Der Internet-Imam Anwar al-Awlaki ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich Al-Qaida in den letzten Jahren gewandelt hat und wie flexibel sie sich Veränderungen anpasst. Zum einen ist er das moderne Aushängeschild der Dschihadisten im Umgang mit dem Internet als Propagandawerkzeug. Für Neugierige und Interessierte ist al-Awlaki, der fließend Englisch spricht, über das Netz Ansprechpartner und Ratgeber. Er hält Vorträge und Reden im Internet, hat eine Seelsorgesprechstunde, nimmt an Telefonkonferenzen teil und liefert als Fachmann religiöse Rechtfertigungen und Richtlinien für das Alltagsleben seiner Schäfchen, aber auch für Anschläge. Al-Awlaki soll der religiöse Beistand von zwei Attentätern des 11. September 2001 in New York gewesen sein.

Bei diesem Internet-Imam kann man sich gut vorstellen wie er Nidal Malik Hasan, dem US-Arzt von Fort Hood, der von inneren Zweifeln und Widersprüchen seiner Arbeit geplagt war, den Ratschlag gab, doch seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, sich der Verantwortung als Muslim zu stellen. Schließlich werde er dafür im Himmel auf ewig belohnt. Bei Umar Farouk Abdulmutallab dürfte die Überzeugungsarbeit noch leichter gefallen zu sein. Es bedurfte wahrscheinlich nur einiger Fotos von den am 17. Dezember getöteten Frauen und Kindern, um die Notwendigkeit eines Anschlags zu untermauern.


Mitglieder einer AQAP-Gruppe in Jemen. Bild: Aus einem Propagandavideo von AQAP

Nomadische Terroristen auf der Suche nach Zielen

Anwar al-Awlaki ist zudem eine Beispiel für einen neuen Pragmatismus unter Islamisten, die wie Nomaden von Ort zu Ort ziehen, um Konfrontationen mit Polizei oder Geheimdiensten aus dem Weg zu gehen. Ganz anders, als es vielleicht das Klischee vom religiösen Fanatiker suggerieren mag, der bis zum letzten Blutstropfen kämpft, um als Märtyrer zu sterben. Dieses neue Nomadentum oder Terror-Tourismus macht auch den Anti-Terrorkampf so schwierig. Glaubt man die Islamisten in einer Region oder in einem Land besiegt zu haben, regruppieren sie sich anderswo und kämpfen von dort aus weiter. So wird der Anti-Terrorkampf zur Sisyphus-Arbeit.

Al-Awlaki ist zwar kein Kämpfer mit der Waffe in der Hand, aber sein Werdegang ist prototypisch. 2002 verschwindet er aus den USA nach London, wo er in einer Moschee predigt und junge Muslime vom Märtyrertum überzeugt. Zwei Jahre später geht er in den für ihn sicheren Jemen, hält dort Vorträge an der Iman-Universität und widmet sich mehr und mehr seiner Arbeit als Internet-Imam, um dann unterzutauchen. Wenige Tage nach den Bomben vom 17. Dezember erklärt er in der Provinz Abyan in aller Öffentlichkeit und ohne jegliche Maskierung, Al-Qaida befinde sich nicht im Krieg mit der jemenitischen Armee, sondern mit den USA und allen, die sie unterstützten.

Wohin es al-Awlaki aufgrund der Regierungsoffensive verschlägt, wenn er nicht getötet oder verhaftet wird, könnte Somalia sein. Die Al-Shabab Milizen, die dort die Übergangsregierung von Präsident Scheich Ahmed bekämpfen und große Teile des Landes kontrollieren, werden ihn mit offenen Armen begrüßen. Al-Shabab hatte ihren islamistischen Brüdern im Jemen auch Hilfe im Kampf gegen die Regierung angeboten, falls es nötig sei.

"Was braucht ihr? Finanzierung? Kämpfer?"

In Somalia würde al-Awlaki auf weitere Gesinnungsgenossen aus den verschiedensten Ländern treffen (Islamisten aus aller Welt zieht es nach Somalia). Darunter Kämpfer aus dem Irak und aus Afghanistan, aber auf besonders viele aus Pakistan, wo angeblich die Hälfte aller Top-Al-Qaida Leute ausgeschaltet worden sein soll. "Al-Qaida wurde von den Drohnen hart getroffen, was ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt hat", meinte Talat Masood, ein pensionierter pakistanischer General. "Viele fühlen sich unwohl und ziehen Richtung Somalia oder einem anderen Dschihad-Kampfgebiet. Nur die wirklich hart Gesottenen bleiben."

Ganz ähnlich sah es bereits Mitte letzten Jahres ein hoher Beamter in Washington. "Es gibt Hinweise, dass einige Al-Qaida-Terroristen die Stammesgebiete in Pakistan als unangenehmen Ort ansehen und ein kleiner Teil das Gebiet deshalb bereits verlassen hat. Einige davon sind wahrscheinlich nach Somalia und in den Jemen gegangen."

Was den US-Behörden jedoch wirklich Sorgen machte, war die plötzlich intensive Kommunikation zwischen Al-Qaida-Kommandeuren in Somalia, Jemen und Pakistan. Dabei ging es nicht um einen Informationsaustausch oder ideologische Fragen, sondern um ganz praktische Dinge einer militärischen Kooperation Offensichtlich sind Gruppen in Pakistan, Jemen und Somalia gut miteinander vernetzt. Am Horn von Afrika sollen in den letzten Jahren auch Hunderte von Kämpfern in den dortigen Trainingslagern ausgebildet und danach international eingesetzt worden sein. Modernes Terror-Sharing könnte man das nennen.

Im Hinblick auf die am 28. Januar dieses Jahres anstehende internationale Jemen-Konferenz, sagte der britische Premierminister Gordon Brown: "Die Zerstreuung des Terrornetzwerks in den pakistanischen Stammesgebieten hat die Leute in den Jemen und nach Somalia getrieben. Aber diese neuen Zentren haben nicht die Stärke, die Al-Qaida in Afghanistan und Pakistan hatte." Wunschdenken oder Erfolgspropaganda des britischen Premiers für den britischen Anti-Terrorkampf?

In Somalia kontrollieren die Al-Shabab Milizen den größten Teil des Landes. Ohne Hilfe aus dem Ausland wären die Regierungsmilizen von Präsident Scheich Ahmed schon längst besiegt worden. Und Jemen? Dort hat Al-Qaida Kontakte bis in die obersten Regierungsstellen. Weite Teile des Landes sind außerhalb jeder staatlichen Kontrolle, im Norden wird ein Krieg gegen die Houth-Rebellen geführt, im Süden will eine Sezessionsbewegung einen eigenen unabhängigen Staat gründen (Der Krieg in Jemen eskaliert). Bei der laufenden Militäroffensive werden sicherlich einige Al-Qaida-Kommandeure getötet und verhaftet, aber das Ende der Terrorgruppe wird es nicht bedeuten. Viele werden sich rechtzeitig absetzen und anderswo weiterkämpfen, um dann später wieder, wenn sich die Lage beruhigt hat, zurückzukommen.

Lokale, aber transnational arbeitende Franchise-Gruppen des losen Terrornetzwerks

Wie einfach es ist, Angst und Schrecken zu verbreiten und möglicherweise viele Menschen zu töten, hat der gescheiterte Flugzeuganschlag an Weihnachten in den USA gezeigt. Schon lange gibt es keine zentrale Kommandostelle mehr, von der aus Osama bin Laden sein Netzwerk dirigiert. Die Gruppe um bin Laden und seinen Vize Ayman al-Zawahiri, die sich in Pakistan, entlang der afghanischen Grenze konzentriert, ist mittlerweile nur mehr ein kleiner Teil im internationalen Universum der Dschihadisten. Zu den lokalen Franchise-Gruppen, wie AQAP oder Lashkar-e-Taiba (LeT) und Harkat-ul-Jihad e-Islami (HUJI) aus Pakistan, die noch mit der alten Zentrale um bin Laden zusammenarbeiten, sind inzwischen neue Gruppen und Personen hinzu gestoßen. Sie fühlen sich zwar inspiriert von Al-Qaidas Ideologie, haben aber keine direkten Kontakte zu Bin Laden oder al-Zawahiri, noch zu anderen Kommandeuren im Stammesgebiet in Pakistan.

Mittlerweile versuchen die meisten dieser Organisationen, auch die lokalen Ursprungs, transnational zu arbeiten. AQAP wollte ein Attentat auf den stellvertretenden saudischen Innenminister Prinz Mohammed bin Nayef, wie auch auf den Airbus 330 an Weihnachten ausführen. HUJI plante einen Anschlag auf die Zeitung Jyllands-Posten, die die Mohammed Karikaturen veröffentlicht hatte. Die Al-Shabab-Milizen standen vielleicht hinter dem Anschlag am 1. Januar, als ein Mann in das Haus des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard eindrang und ihn mit einer Axt und einem Messer ermorden wollte. Hinzu kommt die Schießerei im November 2009 in Fort Hood, bei der Nidal Malik Hassan 13 Menschen tötete. Die religiöse Rechtfertigung erhielt er von Anwar al-Awlaki im Jemen.

Der Anti-Terrorkampf der USA, Großbritanniens und anderer Nationen hat Al-Qaida verändert. Je zersplitterter und amorpher das Terrornetzwerk organisiert ist und auch von jeder Einzelperson als Terrormarkenzeichen reklamiert werden kann, desto mehr Attentate wird es in Zukunft geben. Kleinere und entsprechend unprofessionell ausgeführt, auf so genannte "soft targets" gerichtet, aber nicht weniger gefährlich. Die "mörderische Ideologie" der Islamisten wird "ein Thema dieses Jahrzehnts" werden, sagte Gordon Brown, der britische Premier. Damit wird er wohl Recht behalten. Nur mit militärischen Mitteln alleine kann man dagegen wenig ausrichten. Man wird, wie gehabt, eher das Gegenteil erreichen und das Risiko für ganz normale Menschen weiter erhöhen.