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Alfred Hackensberger

Irans militärische Optionen

Der Iran rüstet auf und bereitet sich auf einen Rückschlag vor

Laut einem vertraulichen Bericht von Bundes- und Zollkriminalamt arbeitet der Iran derzeit intensiv am Bau von ABC-Waffen. Zudem würden sich Hinweise auf ein geheimes Nuklearprogramm verdichten. Vermutungen, die eigentlich niemand verwundern sollten. Mit dem neuen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad regiert ein islamischer Revolutionär, der sich von Angriffsdrohungen der USA und am allerwenigsten von Israel beeindrucken lässt ( Eine Frage von Gut und Böse, Gott und Teufel ). Bei Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen, die vor allem den Konflikt zwischen Konflikt zwischen arabischen und westlichen Ländern und im Iran natürlich auch den um die Atomanlagen zum Ausdruck bringen, ist gestern erstmals in Teheran auch die deutsche Botschaft zum Ziel geworden. Es handelte sich allerdings nur um eine kleine Gruppe, die trotz Polizeiabsperrung mit Steinen und Feuerwerkskörpers das Gebäude bewarf.

Wiederanreicherungsanlage in Natanz am 29.2.2004. Bild: Space Imaging Eurasia

Vor einer Woche warnte der iranische Verteidigungsminister, Mustafa Mohammed Najjar, alle Länder, die einen Angriff auf den Iran überlegten. "Unsere Streitkräfte werden schnell und vernichtend zurückschlagen." Im ersten Augenblick erinnert das an die Taliban in Afghanistan und an Saddam Hussein. Sie hatten alle mit großen Tönen die USA und ihre Verbündeten vor einen Angriff auf ihr Land gewarnt. Am Ende entpuppte es sich als Größenwahn. Beim Iran dürften die Dinge allerdings anders liegen.

Bis zum Sturz des Schah-Regimes war der Iran viertgrößte Militärmacht der Welt. Heute ist davon wenig übrig geblieben, trotzdem sind die iranischen Streitkräfte eine der stärksten der Region.

Im ersten Golfkrieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 ist der überwiegende Teil des damals modernen Kriegsgeräts vernichtet und verschlissen worden. Von den alten Beständen ist nur mehr die Luftwaffe übrig, nach Schätzungen etwa 300 Kampfflugzeuge, die meisten davon US-Phantom-Flieger. Hinzu kommen etwa 100 Flugzeuge aus dem Irak, die vor dem zweiten Golfkrieg aus Angst vor Zerstörung im Iran untergestellt und nie mehr zurückgegeben wurden. Dieses Arsenal verstärkten Flugzeugkäufe der letzten Jahre von der Ukraine und Russland.

Trotzdem würde alles zusammen nicht ausreichen, um Angriffe des israelischen oder US-amerikanischen Militärs zu verhindern. Zu Recht sagte der iranische Verteidigungsminister, "oberste Priorität der Verteidigung liegt bei der Verstärkung der Luftwaffe". Dabei bezog er sich wohl mehr auf ein Gesamtkonzept der Luftabwehr, denn ohne ein ausgeklügeltes Vorwarnsystem mit Abwehrraketen können Kampfflieger bei einem Überraschungsangriff alleine wenig ausrichten.

Russland und China sind Waffenlieferanten

Die heutige iranische Luftabwehr ist strukturell auf dem Stand von 1979. Nach der islamischen Revolution wurde die Lieferung von AWACS von der US-Regierung storniert. Die Luftverteidigung basiert heute auf russischen SAM-, chinesischen SA- Raketen und einigen alten US-Hawks. Aber im Dezember letzten Jahres wurde ein Vertrag mit Russland unterzeichnet, der die Lieferung von 30 neuen Abwehrraketen vom Typ TOR M-1 vorsieht. Für eine Milliarde Dollar bekommt Iran damit ein Raketenabwehrsystem, das ihre Nuklearforschungsanlagen von maximal 48 herannahenden Flugzeugen oder Projektilen bis in eine Entfernung von sechs Kilometern schützt. Noch größeren Schutz werden S-300 Raketen bieten, die von Russland zusätzlich noch geliefert werden sollen, eine Rechweite von 150 Kilometer bieten und selbst feindliche Versorgungsflugzeuge in hoher Höhe abschießen können.

Gerüchten zufolge wurden derartige Raketen bereits geliefert und im Februar 2001 installiert. "Diese Waffenlieferungen", sagte der russische Außenminister Sergei Lavrov, "verändern das strategische Gleichgewicht nicht im geringsten, da sie nur zur Verteidigung dienen." Nach einem Abkommen mit den USA von 1995 dürfte Russland eigentlich keine Waffen an Teheran verkaufen. Aber die Ölpreissteigerung 2002 machte den Iran zu einem potenten Kunden, der hohe Umsätze versprach. Zudem müssen etwa nur 10% des Luftabwehrsystems neu produziert werden, der Rest stammt aus alten Sowjet-Beständen.

Neben Russland wird Iran auch noch von der Volksrepublik China mit Waffen versorgt. Neben der Lieferung von verschiedenen Bodenraketen, wie die Feimeng 80, sollen chinesische Firmen das gesamte Radarsystem Irans modernisiert haben. Mit Radaren, die Ziele bis in 300 Kilometer Entfernung orten können.

Shahab-3 Raketen. Bild: IRNA

Das strategische Gleichgewicht wird mit dieser Aufrüstung tatsächlich nicht gefährdet, wie der russische Außenminister sagte, nur "vorbeugende Angriffe" der USA und Israel werden damit zu schwierigen Operationen. So einfach wie 1981, als die Israelis den irakischen Reaktor in Osiraq fast im Spaziergang zerstörten, wird es sicherlich nicht. Die Nuklearanlagen im Iran sind über das ganze Land verteilt, wobei man nicht einmal weiß, wie viele es genau sind. Alle wichtigen Anlagen sind unter der Erde. Die USA haben Israel zwar mit neuen Bunkerbomben beliefert (Strategische Aufwertung), aber niemand kann mit Sicherheit sagen, ob ihre Zerstörungskraft ausreicht.

Im Dezember führte das iranische Militär eines ihrer größten Manöver im Indischen Ozean durch. Ihre drei U-Boote wurden getestet, die Zusammenarbeit von Kriegsschiffen, Kampfflugzeugen koordiniert und Übungen zum Einsatz ihre Mittelstreckenraketen durchgeführt, von denen man nicht genau weiß, welche Reichweite sie haben. Gewiss ist, dass das Modell "Shahab" Israel und einige US-Stützpunkte in der Region erreichen kann.

Uneinigkeit über die militärische Mobilisierung

Im Iran hat über die militärische Mobilisierung eine Auseinandersetzung begonnen. Innerhalb der Republikanischen Garden gibt es eine Fraktion, die eine Konfrontation vermeiden will. Nur Präsident Mahmoud Ahmadinedschad und seine puristischen Veteranen der islamischen Revolution haben entscheidenden Positionen im Machtgefüge besetzt. Sie ziehen sogar "vorbeugende Angriffe" des Irans in Kalkül. Darunter auch Mohammed Taghi Mesbah Yazdi, der spirituelle Mentor der Präsidenten. Der ultraradikale Kleriker ist dabei, im ganzen Land Selbstmörderbrigaden aufzustellen, nach Regionen unterteilt. Sie werden in Trainingslager zur Waffe ausgebildet.

Wir sollten gleichzeitig Hunderte von Selbstmordattentaten ausführen und Hunderte von Raketen nach Israel und auf die US-Basen in Katar, im Irak und auf verschiedene ökonomische Ziele in der Region abschießen. So würden wir die amerikanischen Truppen paralysieren.

So apokalyptisch, wie es ein Offizier des iranischen "Jerusalem Korps" vorschlägt, gefällt es dem Kleriker Yazdi, nur eine Zustimmung vom religiösen Oberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Ayatollah Khameini, wird es dafür nicht geben. Genauso wenig wie für den Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen. Nach den Erfahrungen im Krieg gegen den Irak, der immer wieder chemische Kampfstoffe einsetzte, hat sich der Iran ebenfalls ein Lager angeschafft. Pro Jahr, so wird geschätzt, werden etwa 1.000 Tonnen tödlicher Kampfstoffe produziert. An biologischen Einsatzmitteln experimentieren iranische Forscher in Damghan, etwa 300 Kilometer östlich von Teheran. Genauere Einzelheiten sind darüber nicht bekannt.

In Washington und in Jerusalem hat man sich bestimmt schon eingehend mit den möglichen Folgen eines Angriffs auf die Nuklearanlagen im Iran befasst. Als "Worst Case Scenario" wird man iranische Raketen auf Israel oder US-Militärbasen im Mittleren Osten mit vielen Toten betrachten. Danach kommt die Schließung des Schifffahrtsverkehrs im Persischen Golf, der den Ölpreis in unvorstellbare Höhen treiben würde. Mit inbegriffen ins Planspiel ist in jedem Falle auch eine Intensivierung des Widerstands gegen die US-Okkupation im Irak. Nicht nur Waffen und Logistik aus dem Iran, sondern Republikanische Graden im Auslandseinsatz. Selbstmordattentate auf amerikanische Einrichtungen in der Region oder in Israel werden wohl als das kleinste aller Übel angesehen.

Aber der Zeitpunkt für einen Angriff auf den Iran scheint noch nicht gekommen zu sein. Präsident Mahmoud Ahmadinedschad weiß das offensichtlich. Er beschließt ein Handelsembargo gegen Dänemark, in dem die Propheten-Cartoons als erstes publiziert wurden und schreibt einen Comic-Wettbewerb zum Thema Holocaust aus. Gleichzeitig hat er das umstrittene Uran-Anreicherungsprogramm wieder beginnen lassem. Der Iran macht einfach, was er will. Die Frage ist nur, wie lange noch.