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Rudolf Maresch

Medienöffentlichkeiten im Aufruhr

Werden sie zum Schauplatz skrupelloser Selbstdarsteller und egomaner Wichtigtuer?

Ein Gespenst geht um in Europa - es ist das Gespenst des Antisemitismus. So hallt und schallt es derzeit im Fernsehen, im Feuilleton, im Internet. Von Kärnten über Paris, London und Brüssel soll es nun auch Deutschland erreicht haben. Hellhörige und Übersensible sehen bereits die Republik auf der Kippe. Wähnen sich die einen bereits inmitten einer Zeitenwende, in der jener Konsens der Demokraten aufgekündigt wird, den die Zivilgesellschaft nach dem Krieg gegen die Barbarei errichtet hat, warnen die anderen vor einer "Rückkehr zur Normalität" oder operieren schamlos mit dem Menetekel des "Zivilisationsbruchs". Auch der Bundespräsident wurde bereits mehrmals öffentlich zum Eingreifen aufgefordert. Er soll mal wieder eine seiner berühmten Brand- oder Hauruck-Reden halten und der Nation ins Gewissen reden.


Schon werden auf eiligst einberufenen Anti-Anti-Veranstaltungen, wenn man einem Berichterstatter der Frankfurter Rundschau vom 19. Juni trauen darf, Betroffenheitsgedichte verlesen und Solidaritätsadressen ausgetauscht. Und während einige Kopfarbeiter übereifrig vorauseilend zwischen "modernen" und "antimodernen", "offenen" und "anonymen", "primären", sekundären" und "tertiären" Antisemitismus unterscheiden, fragen besonders besorgte und Bürger bewegte Frauen, die von antisemitischen Übergriffen in Berlin gehört und gelesen haben, ob man als Zeichen seiner Verbundenheit vielleicht jetzt auch als Nichtjude einen Davidsstern tragen sollte.

Was ist miefiger als das Unter-Verdacht-Stellen, wie es reihenweise betrieben wurde?

Mehr Ruhe und Gelassenheit

Sicherlich könnten wir uns zurücklehnen und alles, was derzeit das Siegel des Antisemitismus aufgedrückt bekommt, unter dem uns allseits vertrauten Stichwort des "Alarmismus" und der Panikmache abbuchen. Massenmedien springen gern darauf an, mit ihnen machen sie Schlagzeilen und ein Massengeschäft. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Die Vorgänge in Sebnitz, als eine Horde junger Nazis ein fünfjähriges Kind vor aller Augen in einem öffentlichen Schwimmbad ertränkt haben soll, ohne dass jemand eingegriffen hätte, gehört wohl ebenso dazu, wie das hitzige Hin und Her um die Beschlagnahme des Ballerspiels "Counterstrike", dem unterstellt wird, Blaupausen für Amokläufe und dergleichen mitzuliefern.

Statt sich von solchen massenmedial aufgeheizten Debatten emotional erregen zu lassen und Mitglied der von Massenmedien "hysterisierten Öffentlichkeiten" (Peter Sloterdijk) zu werden, könnten wir es auch mit dem Igel halten. Wir könnten einfach abwarten, bis der Hase wieder vorbeikommt, durch ihn ein neuer Alarm auslöst wird, und infolgedessen, eine andere Sau, wie man in Bayern sagt, wieder durchs Dorf getrieben wird.

Philologie des Verdachts

Und doch scheint mir an diesen völlig aus dem Ruder gelaufenen Debatten, die bekanntlich durch eine unbedachte oder genau kalkulierte Äußerung - entscheiden lässt sich das ja nicht - ausgelöst und durch einen feuilletonistischen Trittbrettfahrer verschärft worden ist, etwas neu zu sein. Anders als in vergleichbaren Auseinandersetzungen der letzten Monate und Jahre (Leitkultur, elfter September, Mediengewalt usw.) sind manche Beobachter und Interpreten dazu übergegangen, hinter jedem versprengten Halbsatz gleich ein machtpolitisches Kalkül zu vermuten (Stimmenfang, Ausweitung und Steigerung des Wählerpotentials). Sofort nach ihrer Veröffentlichung werden Begriffe oder Gesten, Symbole oder Metaphern auf die Goldwaage gelegt und nach versteckten Codewörtern und heimlichen Botschaften untersucht.

Die Suche nach verdächtigen Stellen schreitet mittlerweile so munter voran, dass derjenige, der keine Passagen mit "rassistischen", "sexistischen" oder "antisemitischen Klischees" finden kann, sich des Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus verdächtigt oder verdächtig macht. Schon fordert Die Welt ihre Leserschaft zur Erbsenzählerei auf. Nach dem 26. Juni, wenn das Walserbuch endlich in den Läden steht, soll es darin nach all jenen verdächtigen Halbsätzen fahnden, die der Verlag vielleicht vorsorglich aus dem Manuskript herausgestrichen hat oder die Walser als verkappten Antisemiten ausweisen. Und auf der Demonstration, die die Jüdische Gemeinde vor der Berliner Parteizentrale der FDP initiierte, mutmaßte eine aufgebrachte Teilnehmerin, das "Projekt 18" könnte ein verdecktes Angebot an die Nazis sein, weil sich aus dem ersten und dem achten Buchstaben des Alphabets die Initialen Adolf Hitlers formen ließen.

Einen Vorgeschmack darauf, was uns erwarten könnte, wenn diese Form der Gesinnungsschnüffelei Schule machen würde, lieferte kürzlich ein Bericht der Neuen Züricher Zeitung. Danach gibt es in Amerika längst öffentlich ausgelobte Sitten- und Tugendwächter, die in literarischen Werken, die High School Studenten lesen, nach versteckten Hinweisen "auf Rasse, Religion, ethnische Zugehörigkeit, Minderheiten, Sex oder Alkohol" spüren und diese herausstreichen - "auch wenn der Sinn dadurch komplett entstellt oder gar in sein Gegenteil verkehrt werde".

Zeichenspiele unerwünscht

Dieser Übereifer übermotivierter Zeitgenossen fällt dem Beobachter allerdings erst dann auf, wenn er einen historischen Vergleich wagt. Gerade auf dem Feld der Literatur und der literarischen Fehden führt eine solche Fahndung nach latenten Antisemitismus in verstaubten Zeitungsausgaben zu einem reichlich unübersichtlichen Befund.

In einem weiteren Beitrag für die Sonntagsausgabe der Neuen Züricher Zeitung unterzog sich Heribert Seifert der Mühe, eine Reihe sprachlicher Vergehen aufzulisten, derer sich deutsche Autoren und Schriftsteller, von Henscheid über Heißenbüttel und Brinkmann bis hin zu Gremliza, Piwitt und Rühmkorf, gegenüber jüdischen Autoren und Autorinnen in den letzten Jahrzehnten schuldig gemacht haben, ohne dass sich deswegen jemand darüber über Gebühr ereifert oder zum Knüppel des Antisemitismus-Verdachts gegriffen hätten. Wird dieser aber inflationär gebraucht und auf jede dumme oder unbedachte Äußerung angewendet, droht aber seine Banalisierung und Schwächung.

In vielerlei Hinsicht erinnert mich so manche Wortmeldung, die dieser Tage die Prints und Screens erreicht hat, an den vor Jahren in den Massenmedien aufgekommenen und von ihnen verbreiteten Verdacht, auf Heavy Metal Scheiben könnte man, wenn man diese rückwärts laufen ließe, rassistische Botschaften ans Publikum weitergegeben. Die Zeiten sind vorbei, als Robert Görl mit der "Deutsch-Amerikanischen Freundschaft" gefahrlos den "Mussolini" oder "Adolf Hitler tanzen" konnte, ohne in den Geruch zu kommen, ein verkappte Neonazi oder Faschist zu sein.

Spätestens seit den Ereignissen von Mölln oder Rostock-Lichtenhagen vor genau zehn Jahren, als Diedrich Diederichsen leidvoll erfahren musste, dass Molli werfende Skins und Neonazis die gleiche Musik hören und lieben wie er, ist es aus mit der willkürlichen Verkettung von Zeichen, Semantiken und Referenten. Abweichung und Dissidenz als poptheoretischer Wert an sich sind seither out. Die postmodernen Sprachen der Ironie, des Witzes und der Parodie sind von einer Sprache des Ernstes abgelöst worden. Vorab muss heute jeder Sprecher, Autor und Texter im Zweifelsfalle signalisieren, wessen Geistes Kind er ist oder auf welcher Seite er sich zu platzieren gedenke.

Gefragt ist wieder der moralisch eindeutige Text, Anspielungen auf reale Personen, Vorgänge oder Ereignisse sind nur dann erlaubt, wenn der Autor vorsorglich einen Unbedenklichkeitsnachweis angetreten hat. Dann kann er auch wie Christoph Schlingensief mit einer Naziuniform durch eine mittlere Großstadt brausen oder öffentlich zur Bücherverbrennung einladen.

Heute müssen wir feststellen: Die Grenzen des Zumutbaren werden enger gezogen als vor einigen Jahren. Die liberale Gesellschaft ist viel ängstlicher und damit illiberaler geworden. Behauptungen, die einen Skandal initiieren oder ein Tabubruch signalisieren, dienen weniger der Überschreitung gesellschaftlicher Übereinkünfte als der effektvollen Inszenierung des eigenen Auftritts.

Komplizenschaft zwischen Opfer und Täter

Und noch etwas scheint neu zu sein an dieser typisch deutschen Debatte. Es geht nicht mehr um die Kritik an Sachverhalten, Argumenten oder Geschmacksurteilen, die jemand hervorbringt oder geschickt in die Öffentlichkeit lanciert, sondern vornehmlich um die Verletzung persönlicher Gefühle und Schwächen. Zählte in früheren Auseinandersetzungen meist das, was einer, der zufällig auch Jude, Frau oder Katholik war, als Publizist, Schriftsteller oder Literaturkritiker sagte und vertrat, so bestimmt heute zunächst das die Wahrnehmung, was er seiner Herkunft oder Abstammung nach auch ist. Allerdings nur so weit, als für den außenstehenden Beobachter dabei stets ungewiss bleibt, ob wirklich nur das Urteil, der Geschmack oder die Einstellung des Betroffenen zu einem Thema oder einem Ereignis gemeint ist oder nicht doch auch ein Charakterzug, ein Körpermerkmal oder ein Defekt, die diese Meinung, Einstellung oder Werthaltung ursächlich bedingen.

Um missliebigen Personen, Gruppen oder Organisationen öffentlich zu schaden oder sie in ihrer Ehre zu verletzen, wird auch vor Verdächtigungen, Unterstellungen und Ressentiments nicht halt gemacht. Gleiches gilt im Übrigen auch für den Angegriffenen, der heutzutage eher dazu neigt, sich in der Öffentlichkeit als Opfer zu präsentieren. Auch er verbindet Attacken, und zwar auch noch dann, wenn diese sich tatsächlich nur gegen krude Urteile, Wertungen oder Argumentationen richten, sofort mit seiner Herkunft, Abstammung oder Religion. So werden das Private und Jemeine zu "Medien des Politischen", zum Mittel im Kampf um Meinungs- und Deutungshoheit. Nicht der Macht besessene Kritiker, Autor oder Moderator steht dann beispielsweise im Zentrum, sondern der Bodensee-Bewohner, der gegelte Lockenkopf oder der Überlebende des Holocaust.

Spielen die Täter, nachdem sie ertappt worden sind, meist den Ahnungslosen und geben alles, was sie von sich gegeben haben, für ein grobes Missverständnis aus, kokettiert der Betroffene auf raffinierte Weise mit seinem Opferstatus. Mit Verweis auf Religion, Herkunft oder Geschlecht versucht der oder die Angegriffene den Angriff zu parieren und von eigenen Verfehlungen oder Ressentiments abzulenken. Das Opfer weiß genau und meist besser als der Täter, dass und wie mit politischen Korrektheiten Politik gemacht und in der Öffentlichkeit gepunktet werden kann. Dass er davor andere mit böswilligen Angriffen öffentlich bloßgestellt oder Bücher von Autoren, die ihm nicht gefallen haben, öffentlich zerfetzt hat, fällt in der allgemeinen Empörung über diesen Angriff häufig unter den Tisch.

Dietmar Kamper, dem diese heimliche Komplizenschaft von Täter und Opfer ebenso wie die Janusköpfigkeit des Opfers nicht verborgen geblieben war, wollte vor Jahren, bevor er um seine tödliche Krankheit wusste, diese Politik zum Thema eines Buches machen und sie einer genaueren philosophischen Analyse unterziehen. Der Schwere wie der Problematik eines solchen Unterfangens war er sich stets bewusst, auch welche Narben dadurch möglicherweise aufbrechen und welche neuen Wunden damit geschlagen werden würden.

Wichtigtuer und Selbstdarsteller

Wer die Nachrichten und Sendungen der letzten Tage und Wochen einigermaßen verfolgt hat, das Hin und Her um Worte und Entschuldigungen, um Gesprächsangebote und verletzte Eitelkeiten, um Klarstellungen und offene Briefe, kommt nicht umhin, eine weitere Boulevardisierung der politischen Öffentlichkeiten und des Feuilletons zu konstatieren.

Auch diese letzten öffentlichen Horte und Räume, wo kritisches Urteil und abgeklärter Kommentar dominieren, die von distanzierten Beobachtern mit geschliffener Semantik vorgetragen werden sollten, sind anscheinend in die Hand skrupelloser Selbstdarsteller und egomaner Wichtigtuer gefallen, die die Gesetze und Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie gnaden- und schamlos für die Hebung und Beförderung egoistische Zwecke ausnützen. So manchen Intellektuellen drängt es jetzt zu den Futtertrögen der modernen Mediengesellschaft, dort, wo der eigene Marktwert taxiert wird, wo Bekanntheitsgrad, Ansehen und Prominenz gesteigert werden können. Auch Autoren und Moderatoren, Literaturkritiker und Provinzpolitiker wollen auf die erste Seite der Bild-Zeitung und ungern hinter Verona und Olli, Harald und Joschka zurückstehen. Und wenn man liest, was Harald und Günther, Verona und Johannes allein für ihre plumpe Anwesenheit bei der Betriebsfeier eines x-beliebigen Unternehmen kassieren, dann kann man diese Jungs und Mädels schon verstehen.

Um ein Polit- oder Kultstar zu werden, kann man schon mal den Beleidigten spielen, dem Konkurrenten einen Tiefschlag versetzen oder mit seiner Rechthaberei der Öffentlichkeit auf die Nerven gehen. Hauptsache, man steht im Rampenlicht und produziert Schlagzeilen. Schließlich möchte man auch in die Champions League dieser Topverdiener aufsteigen. Man möchte gefragter Talkgast bei Christiansen und Co sein, der, auch wenn man überhaupt keine Ahnung hat, mal zu Diesem, mal zu Jenem seinen Senf dazugibt; man möchte sich mit Leibwächtern umgeben, um vor aller Augen die eigene Wichtigkeit zu demonstrieren; und man möchte auf Kosten anderer in Fünf-Sterne-Hotels logieren, in klimatisierten Räumen und von exklusiven Plätzen aus Entscheidungsspiele live beobachten und dabei die Spesenkonten anderer mit opulenten Vier-Gänge-Menus strapazieren. Liest und hört man am Tag danach, am Kiosk oder im Morgenmagazin, dann noch, was man gestern wieder für ein toller Bursche gewesen ist, wie man dem Gegner zur Entschuldigung gezwungen, zur Läuterung oder zur Gegenattacke animiert hat, so schmeichelt diese Anerkennung und Zustimmung, die man da bekommt, darüber hinaus auch noch dem Ego und der Eitelkeit.

Stein des Anstoßes

Dennoch haben all diese Ränkespiele um Macht, Einfluss und Prominenz einen ernsten Hintergrund. Und damit komme ich zu meinen einleitenden Worten zurück. Es gibt einen heiligen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern um Territorien, Meinungen und Bilder, der mit Blut und Hass, Mord und Selbstmord geführt und von Terror und Gegenterror, von Rache und Vergeltung begleitet wird. Es gibt berechtigte Zweifel und legitime Kritik an Israel und seiner Politik, die, wie sich jeden Tag mehr zeigt, den Terrorismus eher erzeugt als eindämmt. Und es gibt einen heftigen Antisemitismusstreit, der medial und stellvertretend ausgefochten wird.

Aber es gibt keinen neuen Antisemitismus hierzulande. Jedenfalls nicht mehr als vor zwei, zehn oder zwanzig Jahren. Auch ausländische Beobachter und Kommentatoren haben das bemerkt und sich über diese Panikmache gewundert. Was es aber sicherlich gibt, sind Sorgen der Multitude um Sicherheit, Bildung und Gesundheit, darum, ob die Sozialsysteme halten, was die Politiker versprechen. Weil diese tatsächlichen Nöte von den etablierten Parteien nicht aufgriffen werden, haben es Populisten leicht mit dem Stimmenfang. Das macht den Erfolg der Parolen von Haider, Le Pen, Fortuyn und anderen aus, die Missachtung der Gefühle und Nöte der "schweigenden Mehrheit".

Wenn ich die Kritik an der israelischen Politik richtig verstanden habe, dann geht es den Kritikern weder darum, das Existenzrecht in Zweifel zu ziehen noch das Recht Israels auf Selbstverteidigung zu bestreiten. Mir sind bislang keine ernstzunehmenden Stimmen bekannt, die ein Vorgehen Israels gegen skrupellose Attentäter, die unschuldige Frauen und Kinder in öffentlichen Bars, Busen oder Plätzen in die Luft bomben, verdammen. Auch palästinensische Intellektuelle wenden sich inzwischen gegen diese Form des selbstmörderischen Widerstands. Immerhin werden dadurch auch Kinder und Jugendliche zu Medien des Terrors gemacht.

Eine andere Frage ist es aber, ob man mit dieser Kanonenpolitik, die Hamas und anderen Terrororganisationen ständig neue und jüngere Assassinen in die Arme treiben, nicht an den Attentaten partizipiert. Die CIA hat solche "Rückstoßeffekte" der Politik vor Jahren als "Blowback" bezeichnet. Vertreibung und Heimatverbot, Lagerhaltung und Okkupation, Zukunftslosigkeit und Zersiedlungspolitik - all das sind Medien und Formen einer Politik, die Elend, Hunger und Hass schüren und solche Untaten hervorrufen. Sogar der israelische Verteidigungsminister scheint inzwischen am Sinn solcher Militäraktionen zu zweifeln, die nur neuen Hass und Terror schüren.

Solange ein Großteil der Palästinenser in Jenin, im Gaza-Streifen und anderen Lagern im rechtlosen Status des "homo sacer" (Giorgio Agamben) leben, werden weder elektronische Zäune und Nachtsichtgeräte noch Panzer, Razzien und Liquidierungsprogramme an diesen Terroraktionen etwas ändern. Und solange sich ein Großteil der aufgeklärten israelischen Bevölkerung von religiösen, politischen und anderen fundamentalistischen Eiferern und Fanatikern (Siedlern, Orthodoxen) die Spielregeln des Handelns und Verhandelns aufzwingen lässt, sicherlich auch nicht.

Krieg der Feuilletons

Vielleicht sollte man zum Schluss auch noch ein Wort zum Stil der geführten Debatten verlieren. Verweilte der Möllemann-Friedman Streit im Status der Marktschreierei, so wird der Walserkrieg auf einem intellektuell erstaunlich hohen Niveau geführt. Das gilt sowohl für das J'accuse des FAZ-Herausgebers als auch für die Verteidigung Walsers durch seine ehemaligen Mitarbeiter, die in der SZ Zuflucht gefunden haben. Wie immer man auch die Blitzattacke Frankieboys literarisch, moralisch oder rechtlich bewerten mag, sie war nicht nur zeitlich und taktisch gut gewählt - am nächsten Tag war Fronleichnam und eine Reihe von Zeitungen konnten darauf gar nicht reagieren - sie war auch stilistisch geschliffen, argumentativ schlüssig und im Ton treffend und geschmeidig vorgetragen. Und das gleiche muss man über die Paraden des SZ-Feuilletons sagen.

Zwar spielten auch dabei wieder gekränkte Eitelkeiten und persönliche Niederlagen und Demütigungen eine wichtige Rolle. Anders als bei der vorhergehenden Debatte konnte man hier aber die sachliche Seite von der persönlichen und machtpolitischen trennen. Von solchen Auseinandersetzungen würde ich mir mehr wünschen. Nicht dagegen von solchen Wortmeldungen, die Jürgen Habermas nachschickte. Was ihn zu dieser, auch in der Sache verwirrenden Tabubruch-Rede animiert hat, wird sein Geheimnis bleiben.

Verstanden zu haben schien sie wenigstens Karl-Heinz Bohrer, der sich davon provoziert und herausgefordert fühlte und mit dem bewährten Mittel des "offenen Briefes" zu einem Rundumschlag gegen die Philosophie des Staatsphilosophen ausholte, worauf Habermas einen Brief an die FAZ schrieb und darin was auch immer bestritt. Auch in diesem Milieu scheinen die Nerven inzwischen blank zu liegen, Ressentiments, persönliche Verdächtigungen und Unterstellungen das sachliche und klar abwägende Urteil einzutrüben.

Der andere Stein des Anstoßes

Diese Woche wird das Walserbuch ausgeliefert. Endlich werde manche sagen. Das Buch kann ich eigentlich nur jedem empfehlen. Auch demjenigen, der den heideggernden Walser nicht mag. Sicherlich ist es kein überragendes Buch, auch wenn mancher Kritiker es bereits zum Buch der Saison ausgelobt hat. An etlichen Stellen ist es höchst amüsant und vergnüglich, es enthält treffende Pointen und stimmige Bilder und nimmt den ganz normalen Wahnsinn des Literaturbetriebs, seine Eitelkeiten, Todesgelüste und Nichtigkeiten, gehörig auf die Schippe.

Dass der Roman so weit hinter der Realität zurückbleibt, hat Walser vielleicht nicht geahnt. Sonst wäre "Die Macht des Kritikers" vielleicht ein viel besserer Titel gewesen. Sie ist, wie sich wieder mal gezeigt hat, noch gewichtiger als der "Tod". Aber vielleicht auch wieder nicht. Jetzt, wo die schweigende Mehrheit das Buch in der Hand hat, werden wir erfahren, ob der Schuss, den Frankieboy aus dem Hinterhalt abgegeben hat, getroffen hat oder zum Bumerang für ihn und seine Apologeten werden kann. Für sie wie für alle anderen, die sich in der Öffentlichkeit tummeln gilt: Wer in die Öffentlichkeit hinein ruft, weiß nie genau, welches Echo ihm entgegenhallt. Öffentlichkeiten sind wie Doughnuts, man weiß vorher nie, was herauskommt, wenn man in sie hinein beißt.

Vielleicht stellt sich die ganze Geschichte ja auch bald als ein gigantisches Ablenkungsmanöver heraus, als opulenter Schwindel, um den Schwierigkeiten, die der FAZ-Herausgeber mit seinen Lieblingsprojekten (Neudefinition des Feuilletons, Umzug nach Berlin, Berliner Seiten) im Herausgebergremium bekommen hat, zu überdecken. Und vielleicht stellt sich hinterher auch heraus, dass die ganze Aufregung um das Buch nur deswegen so groß war, weil die eine oder andere Person, die sich für wichtig erachtet oder für wichtig gehalten werden will, darin keine Beachtung gefunden hat und unparodiert geblieben ist.

Dann hätten wir es, wie an dieser Stelle vermutet wird, doch eher mit verletzten Eitelkeiten und geltungssüchtigen Individuen zu tun statt mit einem "neuen Antisemitismus", der durch politstrategische Winkelzüge, leichtfertige Äußerungen und ein "Dokument des Hasses", das mit "antisemitischen Klischees spielt", befördert wird. Obgleich lebende Personen (Reich-Ranicki, Walter Jens, Siegfried Unseld, Jürgen Habermas, Joachim Kaiser u. a.) dem Buch als Vorlage dienten und Charaktereigenschaften dieser Protagonisten karikiert werden, sollte man nicht den Fehler machen, reale Personen mit den Gestalten und Helden des Romans eins zu setzen. Mir ist schleierhaft, wie diese banalste Erkenntnis jeder Literatur in Vergessenheit geraten konnte. Und das nach all den postmodernen Provokationen.

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