Logo von Open Source

Suche
Peter Zschunke, dpa 58

Commons-Bewegung drängt in die Politik

Überholtes Relikt der Vergangenheit oder Zukunftskonzept? Die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern war vor dem Kapitalismus ein vertrauter Bestandteil des Alltags, etwa auf der Allmende, der Gemeindeweide für die Schafe im Dorf. Auch Wasser und Luft gelten seit jeher als Gemeingüter. Die Bewegung der Commons empfiehlt das Konzept jenseits von Staats- und Privatbesitz als Lösung für Zukunftsprobleme. Neue Impulse kommen aus dem Internet, von freier Software und freien Inhalten. Während einer Buchvorstellung in Berlin bekannten sich auch Vertreter der Grünen und der Piratenpartei zum Commons-Konzept.

Anzeige

"Wir nähern uns diesem Thema von der Seite der natürlichen Commons", sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Klimaschutzexperte Hermann Ott am Montagabend auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung seiner Partei. "Wirtschaften ist Austausch mit der Natur, mit der Erde, diese darf dabei nicht vor die Hunde gehen." Für die Piratenpartei sagte Fabio Reinhardt, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus: "Die Piraten zielen auf allen Ebenen auf den Teilhabe-Aspekt ab."

Die Publizistin Silke Helfrich stellte in Berlin einen Sammelband (kostenloser Download) mit Beiträgen von 90 Autoren aus rund 30 Ländern vor, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen "ein modernes Konzept der Commons" präsentieren. "Commoning in seiner einfachsten Form ist es, Dinge gemeinsam zu nutzen und zu pflegen", so Helfrich. Die These, dass Gemeingüter von einzelnen gierigen Nutzern missbraucht und schließlich entwertet würden, treffe nicht zu. Der Fortbestand einer gemeinsamen Nutzung sei im Interesse aller und werde daher von diesen mit Hilfe eigener Regeln sichergestellt.

"Wer aus der Allmende schöpft, muss in die Allmende zurückgeben", sagte Helfrich. Das zeige sich auch bei der Software, "dem wichtigsten Produktionsmittel der Zukunft". Open-Source-Entwickler nutzen den freien Quellcode von Programmen und ergänzen diesen um neue Funktionen. Das Lizenzkonzept der Creative Commons übertrage dieses Konzept auch auf Bücher, Fotos und Filme. Die Commons-Bewegung ziehe ihre Kraft aus der "Vision einer lebenswerten Welt, in der niemand ausgeschlossen wird, in der die Entfaltung der anderen Voraussetzung für die eigene Entfaltung wird", sagte Helfrich, die den Sammelband "Commons" zusammen mit der Heinrich-Boell-Stiftung herausgegeben hat.

Wie das für praktische Politik genutzt werden könnte, führte der Grünen-Abgeordnete Ott aus. Im ganzen Land gebe es Initiativen, die Infrastruktur wieder in die Hand der Bürger zu bringen, auch die Energienetze. Ott bezeichnete RWE, Eon, Vattenfall und EnBW als "die vier Besatzungsmächte" und sagte: "Wir werden dafür sorgen, dass diese monopolartigen Strukturen aufgebrochen werden und wir den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, die Netze selbst zu kaufen."

Kommunale Strukturen seien der erste Ansatzpunkt, um Commons-Konzepte zu verwirklichen, sagte Helfrich. Aber auch auf globaler Ebene sei dies für ein nachhaltiges Wirtschaften unerlässlich. Als Beispiel nannte sie die Überfischung der Weltmeere. In der Diskussion fragte ein Online-Teilnehmer, ob nicht eigentlich der Staat in diesem Seine eine Allmende, ein allgemeines Anliegen sein sollte. Helfrich antwortet, ja es sei für die Bürger an der Zeit, sich auch den Staat wieder anzueignen. (anw)

58 Kommentare

  1. re:publica 15: Politische Arbeit in Zeiten des Misstrauens

    re:publica 15: Politische Arbeit in Zeiten des Misstrauens

    Goldene Zeiten für Protest, schlechte Zeiten für politische Arbeit? Wie das Internet für mehr als zur Empörungsbeschleunigung genutzt werden kann, war ein wichtiges Thema der Berliner Webkonferenz.

  2. Berlin: Kostenloses WLAN ab Frühjahr 2016

    Berlin will freies WLAN für alle voranbringen

    In Berlin soll es ab Frühjahr 2016 Gratis-WLAN geben. 650 Hotspots sollen kostenloses Internet im Zentrum der Stadt bereitstellen. Kritiker bemängeln die Konzentration auf touristische Schwerpunkte.

  3. Oettinger und die Urheberrechtsreform: Der Zeitgeist tendiert zur Piraterie

    Günther Oettinger

    EU-Digitalkommissar Günther Oettinger beklagte auf einer Konferenz der "Initiative Urheberrecht", dass der Zeitgeist jüngst "eher in Richtung Piraterie ging". Nun müsse geistige Arbeit wieder besser geschützt und wertgeschätzt werden.

  4. Massenüberwachung: "Wir müssen Empörung organisieren"

    Massenüberwachung: "Wir müssen Empörung organisieren"

    Zwei Jahre nach den Snowden-Enthüllungen monieren Abgeordnete, Datenschützer und Whistleblower, dass das Ausmaß des Skandals öffentlich noch kaum wahrgenommen werde. Die Demokratie sei konkret gefährdet.

  1. Warum die Regierung ihre Datenspeicher öffnen muss

    Die Mauer muss weg!

    In Ministerien und Behörden lagert ein gewaltiger Datenschatz. Verfechter von "Open Data" wie der Internet-Pionier Tim Berners-Lee fordern, ihn der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Doch interessiert die sich überhaupt dafür?

  2. Streitgespräch: Müssen wir Google zerschlagen?

    Streitgespräch: Müssen wir Google zerschlagen?

    Im Digitalzeitalter entstehen in rasender Geschwindigkeit gefährliche Monopole, warnen Kommentatoren deutscher Zeitungen. Muss der Staat Google, Amazon und Facebook in die Schranken weisen?

  3. Wie Internet-Trolle enttarnt werden

    Troll-Jäger

    In den dunklen Ecken des Internets bedrohen und beschimpfen sogenannte Trolle andere Menschen und hetzen gegen Minderheiten. Recherchegruppen versuchen, die Demagogen zu enttarnen. Gehen sie dabei zu weit?

  1. Anmaßung von Copyright: Warner bietet 14 Millionen Dollar "Happy-Birthday"-Rückzahlungen

    Leuchtreklame "Happy Birthday"

    Warner/Chappell verzichtet auf Tantiemen für "Happy Birthday" und zahlt bis zu 14 Millionen US-Dollar zurück – wenn ein US-Gericht das akzeptiert. Auch ausländische Geschädigte sollten Geld zurückbekommen. Der Text könnte gemeinfrei werden.

  2. Fahrbericht: Lada Kalina Cross

    Die Crossover-Mode verkauft seit ein paar Jahren brave Autos besser und vor allem teurer, wenn sie ein paar Millimeter höher sind und unlackierte Plastikteile tragen. Lada Deutschland verkauft nun auch den Kalina um 22 Millimeter höhergelegt als Kalina Cross

  3. Fahrbericht: Triumph Street Twin

    Zweirad

    Triumph hat jüngst die Street Twin als Nachfolgerin der Bonneville auf den Markt gebracht - mit zwölf PS weniger. Klingt für viele erst einmal abschreckend lahm, aber das Gegenteil ist der Fall. Wir hatten jetzt die Gelegenheit, beide Modelle im direkten Vergleich zu fahren

  4. GTC4 Lusso: Ferrari Grand-Tourer mit Allradantrieb und -lenkung

    Ferrari stellt mit dem GTC4 Lusso eine weitere Entwicklungsstufe seines sportlichen Grand-Tourer-Konzepts erstmals auf dem Autosalon in Genf (3. bis 13. März) vor. Der zweitürige Viersitzer bringt erstmals Allradantrieb mit Allradlenkung zusammen

Anzeige