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Hal Faber 63

Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Gauck. Gauck? Gauck, Gauck, Gauck! Der Schweinejournalismus hat Konjunktur. Und Rösler über allem, das ist gleich das Ende des Journalismus, um einmal vom Ende der FDP unter fünf Prozent zu schweigen. Weil ein öffentlicher Intellektueller wie Gauck nun Bundesersatzpräsidentendienst leisten soll, einer, der sich in seiner Rolle zu vielen gesellschaftlichen Fragen zu Worte melden muss, gibt es natürlich Unmassen von Aussagen und jede wird gewichtet und gewertet, bequatscht und zerkaut. Die Schweine bekommen Flügel und steigen auf, die Sonne verdunkelt sich. Wenn Bürger Gauck sich durchaus differenziert zur Vorratsdatenspeicherung geäußert hat, reicht das nicht und ein offener Brief ist fällig. Seine Analyse der DDR hat sich gefälligst an Hannah Arendt zu orientieren und nicht so pathetisch zu sein. Jede Position des mutmaßlich künftigen Bundespräsidenten wird abgeklopft. Wäre man mit Horst Köhler so verfahren, hätte dieser niemals Präsident werden können, vom Barzahler Wulff ganz zu schweigen.

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*** Die einzig richtige Antwort auf diese Politiksimulation wäre, dass dieses Amt des Bundespräsidenten obsolet geworden ist. Ein bestellter Staatsnotar tut's auch, die paar Sachen zu unterschreiben, die unterschrieben werden müssen. Die gerne bemühte Überprüfung von Gesetzen ist besser beim Verfassungsgericht aufgehoben und das Diplomatenschütteln kann der Bundestagspräsident übernehmen. Der Schutz vor den Feinden der Demokratie im Parlament ist unnötig, denn die Feinde sitzen nicht im Parlament. Sie sitzen im Verfassungsschutz, der die Waffenübergabe trotz Beobachtung nicht erkannt haben will, vor einer Mordserie, die nicht als Ausfluss rechtsextremistischer Gewalt erkannt wird, weil Bekennerschreiben fehlten. Das ist besonders beklemmend, dass es in Deutschland ein Schreiben braucht und die Schützer nicht auf den Gedanken gekommen sind, dass Neonazis morden. Die Augen links, ist das Kommando dieser nutzlosen Schützer.

*** Die Generation der rückgratlosen Babyboomer hat abgewirtschaftet, jetzt müssen halt Ältere ran, die echte Narben in ihrer Biographie haben. Denn die Jüngeren, die haben typische Adoleszenz-Probleme und erklären sich für Netzbabys oder eben für Netzkinder, die in aller Unschuld zwischen Kabeln und Spielkonsolen aufgewachsen sind und gegen die Generation Nichts schwärmerisch ins Felde führen: "Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst", das sich auf einmal im Internet abspielte. Netzkinder, hach wie unschuldig das klingt, viel besser als der Slang der Vermarkter, die sich auf den Begriff der Generation C geeinigt haben. Die Blumenkinder lassen grüßen mit ihrem Wunsch, ein Kind zu sein und bitte, wo die Kinder spielen, da muss die IT-Umgebung auch sauber und ordentlich sein wegen der Kinderspielplatzbenutzungsordnung. Und bitte macht uns unser Netz nicht mit diesen ökonomischen Sachen kaputt, wir finden ja Taschengeldjobs genug auf den Straßen mit unserem Netz. Wenn das in seinem digitalnativen Gewebe geborgene süße Netzkind eine Frage stellt, dann höchstens ein gehauchtes Wie ist dein Verhältnis zu Fefe?. Sein Verhältnis zu Fefe scheint der eine oder andere Oberholzer übrigens gerade zu überdenken. Der Herr im schlammgrünen Anzug ist sich da sicher.

*** Es ist ein weiter Weg von der Hackerethik und der darauf aufbauenden "Gemeinde" früher Tage zu dem Marsch durch die Institutionen, den einige angetreten haben und mühselig ist der Gang in den Ebenen allemal. Die Internet-Komission soll ihre Arbeit beenden und wird nicht in einem ständigen Ausschuss für Netzpolitik enden. In der Kampfkandidatur um das Amt des Datenschützers ist Constanze Kurz ausgerechnet in Thüringen mit 34 zu 45 Stimmen gescheitert. Ausgerechnet in Thüringen? Jawohl, Thüringen ist das einzige Bundesland, das seine beträchtlichen Fördergelder in die Entwicklung eines sicheren Maildienstes namens ClosedXchange gesteckt hat, der nach zertifizierten BSI-Richtlinien als Ende-zu-Ende-System in allen Bereichen sicher ist. Sollten die durchweg nutzlosen Verfassungsschützer Thüringens diese Mails wie 37 Millionen andere mit ihrer Suchliste von 16.400 Begriffen rastern, dürfte das Ergebnis ebenfalls als Spam aussortiert werden. Wichtiger als die deutliche Zunahme der e-Mail-Überwachung dürfte die Tatsache sein, dass der Bericht des parlamentarischen Kontrollgremiums unmittelbar vor der CeBIT veröffentlicht wurde, auf der die De-Mail ihren großen Auftritt hat. Wie war das noch einmal mit der kurzzeitigen, wenige Sekunden dauernde Entschlüsselung und Neuverschlüsselung wegen Spam-Kontrolle und Virenbefall? Auch unter Schlapphüten findet sich modernste Technik.

*** Mit diesem Plakat von Alan Turing (PDF-Datei) hat die Gesellschaft für Informatik die Kampagne "Wir sind Informatik!" gestartet. Ziel ist es, die menschliche Seite der Informatik in den Vordergrund zu rücken, die als "kalte Wissenschaft" empfunden wird. Neben den Postern gibt es jede Menge Bekenntnisse und besinnliche Aufsätze der Informatiker, die dann so enden: "Wir sind Informatik. Die Anderen aber immer häufiger ebenfalls. Und das ist gut so! " Die Wowereitschen Anklänge sollte man nicht auf Turing beziehen, sondern auf das ACTA-Abkommen, dass auch den Informatikern nicht zusagt. Während diese kleine Kolumne von den wieder eingeflogenen Verlagsenten geprüft wird, demonstrieren viele Menschen gegen ACTA, nicht nur der Netzkindergarten. Aufregend ist es schon, wenn direkt auf die Kolumne des bekannten Netzfremdlings Ansgar Heveling (für ACTA) eine folgt, die darauf aufmerksam macht, dass es mitnichten nur um Download-Dateien geht, sondern um Medikamente und Saatgut: "Wenn Unternehmen aus Entwicklungsländern Getreide exportieren wollen, das in einem Acta-Land patentiert ist, soll es an den Grenzen zu Acta-Ländern festgehalten und vernichtet werden." Dass eine Prüfung von ACTA durch den Europäischen Gerichtshof daran etwas ändern könnte, ist wohl der Versuch, das Thema etwas abzukühlen. Wenn Brüssel da geschlafen hat, wird Luxemburg kaum aufwachen.

Was wird.

Der Newsticker färbt sich wieder einmal rot: In Barcelona beginnt der Mobile World Congress zu letzten Mal wunderbarerweise in den alten Hallen der Fira Montjuïc, die zur Weltausstellung 1929 entstanden und irgendwie immer noch stehen, während in Hannover auf dem CeBIT-Gelände ein Gebäude der Weltausstellung 2000 schwächelt. Es hat schon etwas für sich, wenn nicht nur der um IT-Nachwuchs werbende Bundesnachrichtendienst umziehen muss, sondern auch die Fraunhofer-Gesellschaft ausgerechnet zum Geburtstag ihres Namenspatrons den komplizierten Messe-Stand Urban Living abbauen und wieder aufbauen muss, treu nach dem Motto: "Wir haben Ideen, wo andere aufgeben".

In der kommenden Woche beginnt außerdem die 19. Generalversammlung des Flüchtlingshilfswerkes der UN. Wo Menschen flüchten, sind Bedingungen vorhanden, die ihnen das Recht auf ein menschliches Leben nehmen. Daher gehören Debatten zur Verfassung des Menschenrechtes zu den Themen dieser Versammlung. Hinter dem unscheinbaren Titel FOE and Internet verbirgt sich eine Debatte über die Meinungsfreiheit im Internet. Glaubt man dem amerikanischen Berichterstatter Robert McDowell, sollen Verträge zur Sprache kommen, die es der UN über ihre Tochterorganisation ITU ermöglichen sollen, den Internet-Verkehr zu beobachten und womöglich Einnahmen aus dem Netzverkehr zu fordern. Dieser Prozess soll in Genf angestoßen und in Dubai zur Vollversammlung der ITU vollendet werden. Ob diese feindliche Übernahme tatsächlich stattfinden wird, wird heftig diskutiert. Die Befürchtung der Amerikaner, die von ihnen gelebte Dominanz in der ICANN könnte ein Ende haben, steht auch in dem düsteren Szenario. "Productivity, rising living standards and the spread of freedom everywhere, but especially in the developing world, would grind to a halt as engineering and business decisions become politically paralyzed within a global regulatory body." Ja, da muss doch ein flammender Appell her und ein paar Demo-Schilder male ich auch noch: DENKT BITTE AN DIE ARMEN NETZKINDER!!111einself! (vbr)

63 Kommentare

Themen:

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