Logo von heise online

Suche
Detlef Borchers 115

"Es war die einzige Lösung, die ich denken konnte" – zum Tode von Paul Baran

Im Alter von 84 Jahren ist der Internet-Pionier Paul Baran am vergangenen Samstag im kalifornischen Palo Alto an den Folgen eines Lungenkrebses gestorben. Im Jahre 1962 verantwortete Baran als leitender Elektroingenieur des Militärforschungsinstitutes RAND die Herausgabe von 13 technischen Memoranden, die später zur theoretischen Grundlage des Arpanets wurden. Neun dieser Memoranden schrieb Baran selbst. Seine Arbeit trug wesentlich dazu bei, die Ausfallsicherheit des späteren Internet als Produkt des Kalten Krieges zu sehen: "Wenn zwei paranoid hochgerüstete Länder aufeinander starren, muss man sich Gedanken darüber machen, wie man in dieser instabilen Situation bei einem Erstschlag überleben kann", erklärte er 1989.*

Anzeige

Paul Baran wurde am 29. April 1926 als Sohn jüdischer Kaufleute im polnischen Grodno geboren. Die Familie wanderte 1928 in die USA aus und gelangte nach Philadelphia, wo sein Vater einen Gemüseladen betrieb. Paul lieferte das Gemüse mit einem roten Lastfahrrad aus und beschäftigte sich früh mit Mathematik zur optimalen Routenplanung. Er studierte Elektrotechnik an der heutigen Drexel University und ging 1949 fing mit einem B.A. bei der Eckert-Mauchly Computer Corporation in Philadelphia an, wo er Röhren für den ersten UNIVAC-Computer (YouTube-Video) testete. Es folgte eine Anstellung in der Radar-Abteilung von Hughes Aircraft, während der sich Baran an der Universität von Kalifornien auf den M.A. vorbereitete. Die Erkenntnisse aus seiner 1959 geschriebenen Abschlussarbeit über optische Zeichenerkennung versuchte Baran zu patentieren. Nach dem Abschluss ging Baran zu RAND und arbeitete dort in einer Abteilung für Elektrotechnik, die sich mit der Ausfallsicherheit von Telefon- und Funktelefonnetzen beschäftigte.

Im Jahre 1962 erhielt RAND den Forschungsauftrag AF 49(638)-700 der US-Luftwaffe. Sie bestellte ein umfassendes Gutachten über den Aufbau und Betrieb eines digitalen Kommunikationsnetzes. Für dieses Gutachten verfasste Baran die Memoranden. Neben den theoretischen Studien führte Baran mit seinen Kollegen Tests zur Ausfallsicherheit von Datennetzen durch. Die Auftragsstudie von RAND kam zu dem Schluss, dass ein paketvermitteltes, redundant geschaltetes Netz mit 400 Switches und 200 Multiplex-Stationen in der Lage wäre, 100.000 Nutzer zu verbinden und etwa 60 Millionen Dollar kosten würde. Auf Basis dieser Studie begannen die Arbeiten am Arpanet.

Der von Baran vorgeschlagene Einsatz redundanter Leitungen und die Idee, die Kommunikation in Pakete aufzuteilen, die bei Bedarf mehrfach übermittelt werden, hielt Baran selbst nicht für besonders herausragend: "Das war absolut keine große Leistung. Es war die einzige Lösung, die ich denken konnte." Heute wird Baran neben dem Briten Donald Davies als gleichberechtigter Erfinder der paketvermittelten Kommunikation geführt. "Das Internet ist das Werk von Tausenden von Menschen. Es wird in den nächsten Jahren von Hunderten neuer Ideen fortentwickelt. Es ist wie eine Kathedrale. Irgendwann kommt ein Historiker und fragt, wer denn die Kathedrale gebaut hat. Wenn man nicht aufpasst und die Arbeit der anderen nicht achtet, kann man sich selbst täuschen und glauben, der Erbauer zu sein," erklärte Baran im Jahre 2001.

Baran verließ RAND im Jahre 1968 und gründete das Institute for the Future. Als Zukunftsforscher schrieb er unter anderem in den 70er-Jahren einen Aufsatz, der den Aufstieg des "Online-Shoppings" und den Niedergang der Supermärkte vorhersagte. Außerdem gründete er sieben Firmen, unter anderem ein Unternehmen, das paketvermittelte Telefonie anbieten sollte. Zuletzt investierte der immer optmistische Baran in die IP-TV-Technik. Paul Baran erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen und wurde in die "Hall of Fame" amerikanischer Technik-Heroen aufgenommen.

*) Zitate aus: Peter Salus (Hrsg.), The Arpanet Sourcebook. The unpublished Foundations of the Internet, 2008 (anw)

115 Kommentare

Themen:

Anzeige
  1. Happy Birthday, IETF!

    30 Jahre IETF

    Die Gralshüterin des Internet Protokoll (IP), die Internet Engineering Task Force (IETF) wird 30 und hat im Geburtstagsjahr einiges vor.

  2. Der Pate des Internets: zum 100. Geburtstag von Joseph Licklider

    Der Pate des Internets: zum 100. Geburtstag von Joseph Licklider

    Der US-amerikanische Sinnespsychologe Joseph C. R. Licklider (1915–1990) wurde zum Computervisionär sowie Inspirator und Förderer von Zukunftsprojekten in der Frühzeit der digitalen Vernetzung.

  3. Golden Kitty Award: Eine Würdigung kätzischer Verdienste um das Internet

    Golden Kitty Award: Eine Würdigung kätzischer Verdienste um das Internet

    Wie war das nochmal: Das Internet wurde für Katzenvideos erfunden? Insofern kann man die Preise, die auf der ersten deutschen Ausgabe des Internet Cat Video Festival vergeben wurden, als Anerkennung für die Online-Verdienste der Felidae werten.

  4. Der Großvater des Personal Computers - zum Tode von Wesley Clark

    Der Großvater des Personal Computers - zum Tode von Wesley Clark

    Am Montag verstarb in den USA in seinem 89. Lebensjahr der Physiker und Informatiker Wesley Clark, dessen Arbeiten an frühen Transistorrechnern zu ersten persönlichen Computern führten.

  1. Vertreibung aus dem Paradies

    Als Robert Tappan Morris sein fehlerhaftes Computer-Zählprogramm 1988 ins Internet entließ, ahnte noch niemand, dass er ein völlig neues Kapitel der IT-Geschichte aufschlagen würde.

  2. Contributoren für OpenPGP Keychain gesucht

    Es wird Zeit, Privatsphäre zurück in das Internet zu holen. Das ist leider jetzt unsere Aufgabe! Wo also sind die Java-Programmierer mit Idealen?

  3. Kongress Intelligente Energie: Alle Redner stehen fest

    Kongress "Intelligente Energie"

    Internet der Dinge und Big Data erobern die Energieversorgung: neue Chancen, neue Märkte.

  1. SSDs im Test: 1 Terabyte für kaum mehr als 200 Euro

    SSDs, schnell und günstig

    SSDs haben sich als Systembeschleuniger durchgesetzt, kaum ein privater Rechner startet noch von einer herkömmlichen Festplatte. Für die Datenablage kommt zwar häufig noch eine Magnetplatte zum Einsatz, doch das könnte sich bald ändern.

  2. Ernste Sicherheitslücke in Ubuntus neuem Paketformat Snap geschlossen

    Ernste Sicherheitslücke in Ubuntus neuem Paketformat Snap geschlossen

    Ubuntus neues Paketformat Snap sorgt erneut für Aufsehen: Nun haben die Entwickler einen Schreibfehler im Code entfernt, der Angreifern das Ausführen von beliebigem Schadcode ermöglicht hatte.

  3. Italienischer Designer entwirft Luxus-Yacht im Lamborghini-Look

    Finster und ziemlich eckig sieht sie aus, die Lamborghini-Yacht von Mauro Lecchi. Der Industrie-Designer aus dem norditalienischen Bergamo hat sich ein paar Lamborghini-Modelle zum Vorbild genommen

  4. Renault Koleos vorgestellt: Gleichgewicht

    Renault Koleos

    Renault stellt ein neues SUV vor, dass doch reichlich vertraut wirkt, obwohl es mit dem Vorgänger nichts zu tun hat. Der neue Koleos ähnelt ganz den jüngsten Neuheiten der Marke, was für Renault nicht ohne Risiko ist

Anzeige