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Christoph Dernbach 123

Tablet essen PC auf

Dass Apple eindrucksvolle Zahlen vorlegt, ist keine Premiere. Aber noch nie sahen die Zahlen so gut aus wie zum vergangenen Weihnachtsgeschäft. Dabei malten viele Beobachter nach dem Tod von Steve Jobs das Schicksal von Apple in düsteren Farben. So las sich der Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg über Apple vor zwei Monaten fast wie ein Nachruf – nicht auf Steve Jobs, sondern auf das Unternehmen. "Apple ist nicht länger ein Unternehmen mit Hyper-Wachstum", sagte Analyst David Nelson. Experte Leonid Kanopka warnte Ende November auf Seeking Alpha: "Die Apple-Blase ist kurz davor zu platzen." Er machte fehlende Innovationen bei Apple aus und empfahl seinen Lesern, Apple-Aktien zu verkaufen. Der Rant von Kanopka erinnerte mich fatal an die misslungene Titel-Geschichte des Manager Magazins, die mir im vergangenen Sommer wegen einer eigentümlichen Aufbereitung von Statistiken ins Auge gefallen war.

Nelson, Kanopka und die Autoren der Manager-Magazin-Geschichte wünschen sich in diesen Stunden vermutlich, dass der von EU-Kommissarin Viviane Reding geforderte "Digitale Radiergummi" schon Wirklichkeit wäre. Aber das Netz vergisst nichts. Und im Licht der aktuellen Apple-Zahlen sehen ihre Prognosen doch reichlich komisch aus. Mannhaft verhielt sich immerhin Apple-Kritiker Sascha Pallenberg von netbooknews.de, der sich unlängst über optimistische Verkaufsprognosen für das iPad von einigen Analysten lustig gemacht hatte. "Noch viel schlimmer ist jedoch, dass ich dies gegenüber einem Leser gemacht habe, den ich großmäuligst zu einem Hobbyanalysten degradierte und ihm versuchte, meine eigene Kompetenz mit blumigen Worten vorzuhalten", schrieb Pallenberg auf Google+ und bezeichnete seinen Post als "unglaublich arrogant und dumm" und "beschämend" – und heimste mit seinem Eingeständnis viel Respekt aus der Community ein. Apple spiele "aus monetärem Blickwinkel nach wie vor in seiner ganz eigenen Liga".

Damit übertreibt Pallenberg nicht. In der Wikipedia-Liste der besten Quartalsergebnisse aller Unternehmen weltweit steht Apple nun auf Platz vier. Sonst finden sich unter den Top 19 nur Öl- und Gas-Multis wie Gazprom, ExxonMobil und Shell. Die Konkurrenten aus der Technologie-Branche können damit nicht mithalten. Der Quartalsumsatz von Apple liegt inzwischen mehr als doppelt so hoch wie bei Microsoft. Das schlägt sich auch in ähnlichen Dimensionen beim Gewinn nieder, obwohl es bei Hardware normalerweise viel schwieriger ist, so hohe Margen zu erzielen wie bei Software. Alleine das iPhone generiert inzwischen mehr Umsatz als der größte Software-Hersteller der Welt. Doch sind nicht nur die reinen Finanzzahlen, die Microsoft und seinen Verbündeten Sorge bereiten. Denn in den Zahlen spiegelt sich ein Trend wieder, der die Branche nachhaltig verändern kann. Wenn man Tablet-Computer und Personal-Computer in einer Kategorie zusammenfasst, ist Apple nämlich mittlerweile der größte Computer-Hersteller der Welt.

Mit einem Absatz von 15,4 Millionen iPads und 5,2 Millionen Macs liegt Apple deutlich vor den 14,7 Millionen PCs, die HP absetzen konnte. Selbst wenn man die Ramsch-Aktion dazurechnet, in der HP schätzungsweise zwei Millionen Tablet-Computer unters Volk brachte, bleibt Apple klar vorne. Aus dem Microsoft-Umfeld beantwortet man solche Berechnungen häufig mit dem Hinweis, dass Personal Computer und Tablet nicht vergleichbar seien. Doch Marktforscher wie Gartner machen in ihren Analysen auch immer klar, dass der ständig steigende Absatz der digitalen Tafeln klar zu Lasten des PC-Absatzes geht.

Das ist sogar ein Trend, den Apple zu spüren bekommt. CEO Tim Cook räumte in der Telefonkonferenz nach der Vorstellung der Quartalszahlen freimütig ein, dass die Mac-Verkäufe durch den iPad-Erfolg kannibalisiert werden. Doch Apple konnte unter dem Strich auch den Absatz der Macs steigern, während man bei Microsoft einen Umsatzrückgang für Windows beklagt.

Microsoft wird versuchen, sich mit dem neuen Windows 8 diesem Trend in den Weg zu stellen. Ob PCs und Tablets mit Windows 8 den Erfolg des iPads brechen können, kann ich mir nur schwer vorstellen. Da traue ich inzwischen dem Android-System mehr Potenzial zu, auch wenn die Android-Tablets – mit der Ausnahme des Amazon Kindle Fire – bislang nur mäßig erfolgreich sind. Apple-Chef Tim Cook sah in der Telko keinen Grund, sich ausführlicher mit der iOS-Konkurrenz zu beschäftigen. "Mir ist egal, wie viele Rennpferde auf der Bahn laufen, solange wir vorne sind." Diese Äußerung ist wohl nur die halbe Wahrheit, denn sonst würde Apple nicht mit einem Millionen-Aufwand an Anwaltsgebühren versuchen, die Konkurrenz mit Hilfe von Gerichten auf Distanz zu halten.

Aus der Serie der "Monster-Zahlen" ragt noch eine heraus: Auf den Konten und in den Depots von Apple befindet sich inzwischen ein Vermögen von knapp 100 Milliarden Dollar. Um ein Gespür für die Größenordnung zu bekommen: Diese Summe entspricht ungefähr einem Viertel der Staatsverschuldung Griechenlands, die einem ganzen Kontinent Kopfschmerzen bereitet. Ein Großteil des Apple-Vermögens befindet sich im Ausland und könnte mit finanziellen Verlusten in die USA transferiert werden, da dann zusätzlich Steuern fällig werden. Apple-Finanzchef Peter Oppenheimer orakelte in der Telefonkonferenz mit den Analysten, das Unternehmen werde schon dafür sorgen, dass die Cash-Reserven "keine Löcher in die Taschen von Apple brennen".

Vor diesem Hintergrund wird schon seit Monaten spekuliert, ob Apple ein größeres Unternehmen übernehmen werde. Wenn man sich den "Erfolg" der großen Merger und Firmenkäufe in der IT-Branche der vergangenen Jahre vor Augen führt, kann man froh sein, dass Apple in diese Falle nicht getappt ist. Vielmehr haben sich die Kalifornier auf Übernahmen kleinerer Firmen mit ihren Teams beschränkt, womit beispielsweise Siri auf das iPhone 4S kam. Forderungen von Aktionärsvertretern, das Vermögen als Dividende an die Anteilseigner auszuzahlen, hat in der Vergangenheit immer Steve Jobs persönlich abgewehrt. Diese Aufgabe muss jetzt auch Tim Cook übernehmen. Vermutlich setzt Apple seine Barreserven vor allem dafür ein, bei günstiger Gelegenheit die Kapazitäten von ganzen Fabriken auf dem Halbleitermarkt einzukaufen. Weltweit größter Abnehmer der Chip-Industrie ist Apple ohnehin schon.

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