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Christoph Dernbach 139

10.8, der Partyschreck

Eine neue Raubkatze noch in diesem Sommer hatte niemand erwartet. Mit dem neuen Mac OS X 10.8 Mountain Lion wirbelt die Truppe von Tim Cook die Agenda der Partner und Konkurrenten komplett durcheinander. Zuletzt hatte sich Apple jedes Mal anderthalb bis zwei Jahre Zeit gelassen, um eine neue Version seines Betriebssystems auf den Markt zu bringen. Mac OS X Lion kam erst am 20. Juli 2011 in den App Store. Nun kündigt Cook acht Monate später „für diesen Sommer“ das Nachfolgemodell „Mountain Lion“ an: „Wir haben so viele Innovationen auf Lager und müssen nicht künstlich lange warten, um diese unseren Kunden zur Verfügung zu stellen.“

Auch wenn die PR-Leute vor allem die neuen Funktionen von Mountain Lion in den Vordergrund stellen: Apple geht es vorrangig darum, den Schwung der jüngsten Absatzerfolge zu nutzen, um Microsoft in diesem Jahr mit Windows 8 nicht allein die Bühne zu überlassen. Die in der Konzernzentrale in Redmond sorgfältig geplante Einführung des neuen Windows-Systems läuft schon auf hohen Touren. Seinen Auftritt auf der Consumer Electronics Show hat Microsoft-Boss Steve Ballmer bereits absolviert. Danach soll auf dem Mobile World Congress Ende Februar in Barcelona die Beta-Version von Windows 8 vorgestellt werden, die von Microsoft als "Consumer Preview" bezeichnet wird. Und dann zieht der Microsoft-Tross nach Hannover weiter, um auf der CeBIT im März deutsche Mittelständler davon zu überzeugen, endlich ihre alten Windows-XP-Rechner durch neue Systeme zu ersetzen.

Microsoft benötigt dringend den Rückenwind durch Windows 8, denn das PC-Geschäft stagniert – und ist in manchen Märkten sogar rückläufig. Apple hingegen kann jetzt auf eine Serie von 23 Quartalen zurückblicken, in denen Mac OS X überdurchschnittlich gewachsen ist. Allein im letzten Quartal legte der Absatz von Desktop-Macs und MacBooks um insgesamt 26 Prozent auf 5,2 Millionen Geräte zu, während der Absatz von Windows-PCs schwächelte.

Natürlich muss bei diesen Zahlen berücksichtigt werden, dass Apple bei seiner Aufholjagd nach der Beinahe-Pleite im Jahr 1997 von einem äußerst niedrigen Niveau gestartet ist. Doch die Dynamik der Entwicklung dürfte nicht nur einzelne PC-Hersteller wie HP, Acer oder Sony beunruhigen, sondern auch die notorische Frohnatur an der Spitze von Microsoft ins Grübeln bringen.

Immerhin haben die Kunden nun eine klare Alternative: Microsoft wird versuchen, mit Windows 8 die Leistungsvielfalt der Erfolgskombination Windows und Office vom PC auch auf den Tablet-Computer zu bringen. Und mit seinem kachelförmigen Metro-Design setzt sich das Unternehmen von Steve Ballmer klar von der Optik des Apple-Systems ab. Cupertino dagegen läuft in die entgegengesetzte Richtung. Den Apple-Ingenieuren geht es darum, die Eleganz und Einfachheit des iPads oder iPhones in die Welt der Personal Computer zu übertragen.

Mit Mountain Lion zielt Apple also ganz klar auf Besitzer eines iOS-Geräts, die sich auch auf ihrem Laptop oder PC bestimmte Features ihres iPads oder iPhones wünschen – ohne dass die Bedienung des Rechners noch komplizierter oder umständlicher wird. Das sind häufig nur Kleinigkeiten wie die Integration von Twitter, die Mitteilungszentrale („Notification Center“) oder die Option, in iTunes gespeicherte Filme über AirPlay drahtlos auf ein Fernsehgerät zu übertragen. In der Summe erleichtern die neuen Features Besitzern eines Windows-PCs den Wechsel auf die Mac-Plattform. Apple leistet sich also nicht nur den Spaß, dem einstmals übermächtigen Konkurrenten Microsoft die Party zu verderben. Mountain Lion wird ein System-Upgrade sein, an dem viele Mac-Anwender ihre Freude haben werden.

Beachtenswert ist, dass Apple erstmals offensiv das Sicherheits-Thema in einem neuen OS-Release adressiert und dabei auch nicht mehr den Eindruck erweckt, als befänden sich die Mac-Anwender auf einer Insel der Glückseligen. Aktuelle Sicherheitsbedrohungen unterscheiden sich fundamental von den Viren und Computerwürmern der vergangenen Jahre, die beispielsweise über E-Mails oder infizierte USB-Sticks verteilt wurden. Gegen diese Bedrohungen war der Mac quasi immun. Heute werden auch Mac-Anwender durch falsche Versprechungen dazu überredet, ein vermeintliches Hilfsprogramm oder einen angeblich benötigten Video-Codec zu installieren. Auch Warnhinweise und die notwendige Passwort-Eingabe halten die User dann letztlich nicht davon ab, sich selbst ein Trojanisches Pferd auf ihren Rechner zu installieren.

Angesichts dieser latenten Gefahr hatten etliche Beobachter damit gerechnet, dass Apple die Installation von Programmen auf dem Mac künftig radikal einschränken und nur noch geprüfte Software aus dem eigenen App Store zulassen wird. Tatsächlich können sich Administratoren unter Mac OS X Mountain Lion für diese Extrem-Variante entscheiden und ausschließlich Installationen aus dem App Store erlauben.

Zum Quasi-Lock-Down des Macs bietet Mountain Lion aber noch zwei Alternativen. Zum einen führt Apple eine Developer-ID ein, für die Entwickler von Mac-Software sich ohne große Hürde bewerben können. Dabei prüft Apple nur die Identität der Entwickler und sorgt dafür, dass deren Software signiert wird. Eine Überprüfung der Programme selbst wie im App Store findet nicht statt. Apple hat aber die Möglichkeit, die Anwender von Mac OS X auf Gefahren hinzuweisen, sollte sich ein Entwickler mit einer Developer ID auf dunklen Pfaden bewegen. Er würde dann geblockt. Zum anderen bietet Apple den Mac-Anwendern auch die Option, wie bisher jede beliebige Software aus dem Netz herunterzuladen und zu installieren. Tim Cook und sein Team haben also der Versuchung widerstanden, den Mac so zu kastrieren, dass er für Profis unbrauchbar wird, die schon wissen, was sie tun.

Weniger relevant für Anwender in unseren Breiten sind die Verbesserungen für chinesische Mac-Anwender in Mountain Lion, etwa bei der Texteingabe und der Konfiguration von lokalen Internet-Diensten wie die Twitter-Alternative Sina Weibo oder der Suchmaschine Baidu. Interessant sind aber auch hierzulande die ökonomischen Auswirkungen: Tim Cook versucht, von der Dynamik in der Volksrepublik und in Taiwan zu profitieren und die Stückzahlen auf den chinesischen Märkten in die Höhe zu treiben. Für die Mehrheit der Computer-Anwender in China sind die Macs zwar unvorstellbar teuer. Doch die Zahl der wohlhabenden Chinesen, die sich locker ein iPhone, iPad oder auch einen Mac leisten können, wächst in einem atemberaubenden Tempo. Das hat auch der Ansturm auf die Apple Stores in China gezeigt, als dort erstmals das iPhone 4S frei verkauft wurde.

Zum Preis von Mac OS X Mountain Lion als Upgrade schweigt Apple sich derzeit noch aus. Es würde mich aber sehr wundern, wenn man mehr als die 24 Euro verlangen würde, die im App Store derzeit für Mac OS X Lion aufgerufen werden. Im Vergleich zu Windows 8 wäre das dann unschlagbar preiswert. Und wenn Apple es mit seinem Angriff auf die Vormachtstellung von Windows wirklich ernst meint, hätte ich noch einen Vorschlag: Senkt die Preise für die Rechner! Bei einer Gewinnmarge von über 40 Prozent und einer Barreserve von knapp 100 Milliarden Dollar könnte Apple es sich locker leisten, die Macs einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

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