05.12.2011 19:45
Schöner Werbetext
Marcusson (370 Beiträge seit 28.06.04)
Aber: können wir vielleicht auch erfahren, wie es wirklich gelaufen ist? Diese Selbstbeweihräucherung hat jedenfalls keinen Mehrwert.
Ich habe im Gegenteil zu CCD eher negatives Feedback gehört. Aus meinen Erfahrungen in der Praxis könnte ich mir vorstellen, dass der Mehraufwand für Schulungen und ähnliches durch Mehrarbeit und nicht durch das Einstellen zusätzlichen Personals, oder die Reduzierung der Zahl der angenommenen Aufträge abgefangen wurde.
Freie Kapazitäten, die man verbraten kann, damit sich die Entwickler nicht langweilen? So etwas kenne ich eigentlich nicht.
Der Standard ist doch: wir haben 10 Leute, die arbeiten für 20 und
wir haben Projekte für 30.
CCD ist deshalb auf GL-Ebene so beliebt, weil es der übliche Plazebo für die Geschäftsführung ist, der überall dort ansetzt wo es nicht wehtut, aber auch nichts bringt.
Die meisten Projekte werden nicht in der Entwicklung versaut, sondern schon viel früher im Verkauf. Entweder, weil die Verkäufer nicht
genug von den Anforderungen verstehen, weil vor dem Angebot keine Risikoanalyse gemacht bzw. die Kosten nicht sauber geschätzt wurden, oder aber weil es politische Gründe gab ein Projekt so anzubieten, dass es von vorn herein ein toter Fisch war.
Die Zeche dafür zahlen am Ende die Entwickler, die sich dagegen nicht wehren können. Geht das Projekt schief, sind die Schuldigen schnell gefunden.
Sicherlich bringt CCD tatsächlich auch etwas: an der 2. Stelle hinter dem Komma. Aber wenn die Initiatoren ehrlich sind, ist es doch in Wahrheit das gute Gefühl, dem Sündenbock mal wieder eins
überzuhelfen, was dabei überwiegt.
Hat man CCD erstmal eingeführt, kann man sich hinterher in regelmäßigen Abständen fragen, warum das Gras immer noch nicht grüner geworden ist. Und auch dafür hat CCD eine einfache Antwort: Die Entwickler, die noch Stufe grün und nicht Stufe schwarz sind, sind schuld. Sollen die endlich am Wochenende mal die Nase in ein Buch stecken! So schön einfach kann die Welt sein und genau DARIN liegt doch der eigentliche Charme - oder etwa nicht? Solche Schulungen verkaufen sich sicher auch hervorragend!
Nur die bittere Wahrheit will freilich außerhalb der IT-Abteilungen niemand hören: dass man den GESAMTEN Prozess verbessern muss und zwar bei den Fürsten zuerst und nicht bei den Bauern, falls es tatsächlich einen spürbaren Effekt haben soll.
Wer Software produziert kann mit der Verbesserung eben nicht erst bei der Implementierung - also der letzten Phase des Entwicklungszyklus - ansetzen. Er muss vorn anfangen: mit den Herren die in den Verkaufsgesprächen sitzen und bei denen, die Verträge unterschreiben. Wenn die nämlich keine ordentlichen Schätzungen hinkriegen, nicht mal einen einfachen Geschäftsprozess als Diagramm darlegen können, oder nicht zwischen funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen unterscheiden können, dann kann man soviel "verbessern" wie man will. Ist der 1. Schritt schon falsch, dann ist 80% Optimierungspotential dahin und man kuriert auf ewig nur die Symptome.
Ein toter Fisch wird nie wieder schwimmen. Ganz egal, wie gut das Aquarium ist in das man ihn setzt. (Meine 5Cent zum Thema)