Logo von c't

Suche
Marc Herwig, dpa 367

Smartphones: "Allzweckwaffe des Skandals"

Ein peinliches Foto bei einer Party oder ein unbedachter Kommentar in einem Internetblog: Schon ein kleiner Fehltritt kann im Zeitalter von Youtube und Facebook den Ruf und die Karriere eines Menschen zerstören, warnt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Während früher nur Promis auf Schritt und Tritt von Kameras und Skandal-Jägern verfolgt wurden, gelte das inzwischen für jeden Menschen.

Anzeige

"Jeder trägt heute Allzweckwaffen der Skandalisierung am Körper: Handys und Smartphones kann man immer hochreißen, um einen peinlichen Moment zu dokumentieren. Wir beobachten uns alle immer gegenseitig", so Pörksen gegenüber dpa. Dies habe zwei Konsequenzen: Zum einen brauche jeder Mensch eine Medien-Strategie wie ein Promi. "Denn wer sich auf einer Party gehen lässt und dabei gefilmt wird, läuft Gefahr, im Internet vor einem weltweiten Publikum zum Gespött zu werden", betont der Professor, der in dieser Woche sein Buch "Der entfesselte Skandal" veröffentlicht. "Alles ist potenziell öffentlich und findet potenziell vor einem Weltpublikum statt." Zum anderen brauche jeder Mensch ein publizistisches Verständnis wie ein Journalist – denn wer Dokumente online stelle, müsse sich im Vorfeld über die Konsequenzen im Klaren sein und dabei auch moralische Aspekte berücksichtigen.

Als Grundlage einer persönlichen Medienstrategie müsse sich jeder klarmachen, dass er die Entscheidung, was er von sich preisgibt, nur ein einziges Mal treffen könne. "Das ist irreversibel. Solche Informationen kann man nicht zurückholen." Wer also zum Beispiel seine Hochzeitsbilder an Freunde verschickt, könnte dazuschreiben, ob und wie diese Bilder weiterverteilt werden dürfen oder nicht. Bei einer Party-Einladung könne man auch gleich die Bitte dazuschreiben, Fotos von diesem Abend nicht im Internet zu veröffentlichen. "Dafür muss man den anderen vertrauen, dass sie sich daran auch halten. Aber ein solches Vertrauen ist alternativlos", sagte Pörksen.

Gleichzeitig müsse sich aber auch jeder Mensch sehr viel stärker klarmachen, welche Folgen es hat, wenn man etwas über einen anderen Menschen veröffentlicht. Als Negativ-Beispiel nannte Pörksen die Geschehnisse rund um die Ermordung der elfjährigen Lena in Emden. Im Internet waren Hassparolen gegen einen 17-Jährigen in Umlauf gebracht worden, auch ein Aufruf zur Lynchjustiz war aufgetaucht. Später stellte sich heraus, dass der 17-Jährige unschuldig war.

"Jeder, der im Internet etwas veröffentlicht, muss sich vorher die klassischen journalistischen Fragen stellen: Ist die Information glaubwürdig? Ist die Quelle zuverlässig? Wie sieht es mit den Persönlichkeitsrechten aus? Erst dann kann man entscheiden, ob man eine Information publizieren darf oder nicht." In Schulen und Universitäten müssten dafür das publizistisches Handwerkszeug sowie das nötige Gespür für Medieneffekte vermittelt werden. Denn letztlich habe die Gesellschaft keine andere Wahl, als auf das Verantwortungsbewusstsein des einzelnen Mediennutzers zu setzen. Eine Zensur des Internets sei weder zielführend noch machbar. Daraus lasse sich eine Handlungsmaxime für das digitale Zeitalter ableiten, sagte Pörksen: "Handele stets so, dass Dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt." (jk)

367 Kommentare

Themen:

  1. Was war. Was wird. Von der Mitte der Gesellschaft, die auch etwas Optimismus vertragen kann

    Eugene Delacroix: Die Freiheit führt das Volk

    Ist es schon wieder so weit? Das neue Jahr geht seinen Gang, und die Facharbeiter der IT nehmen in der Mitte der Gesellschaft ihre Arbeit auf. Eine neue Morgenröte? Ach, wär es nur so, darbt Hal Faber, und fordert immer noch mehr Optimismus.

  2. Was war. Was wird. Vom schlechten Leben und gutem Sterben

    Zwischen Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf liegt die kleine deutsche Bloger- und Hackerwelt.

    Zwischen Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf liegt die kleine Bloger- und Hackerwelt, in der mancher der Kontrolle verlustig geht und darob bitterlich weint, beobachtet Hal Faber, der lieber über die netzpolitischen Grausamkeiten diskutieren würde.

  3. Tim Berners-Lee: "Recht auf Vergessen" ist gefährlich

    Tim Berners-Lee: "Recht auf Vergessen" ist gefährlich

    Das Wort von Sir Tim Berners-Lee zählt, wenn es um Netzpolitik geht: Der 59-jährige Brite hat die Grundlagen des World Wide Web gelegt. Er sieht das vom EuGH ausgesprochene "Recht auf Vergessen" skeptisch.

  1. Digitaler Datenschwund

    Wir leben nicht nur in einem Zeitalter, das bereits Bezeichnungen wie Yottabyte braucht, um das Ausmaß der Datenproduktion zu benennen – offenbar verschwinden auch zunehmend größere Datenmengen.

  2. Smart plus Smartphone

    Smart plus Smartphone

    Eine effiziente und umweltfreundliche Mobilität in der Stadt braucht bessere Technik – und einen Bewusstseinswandel. Den soll das Smartphone erleichtern.

  3. "Wir müssen das Kleine im Großen bewahren"

    "Wir müssen das Kleine im Großen bewahren"

    Mit Collaborative Consumption tun sich Konsumentengruppen zusammen, um gemeinsam Produkte zu nutzen und dabei Ressourcen zu schonen – zumindest ist das die Idee. Die Expertin Rachel Botsman erklärt, wie das geht.

  1. IFA 2015: Toshiba bringt neue SSDs und Festplatten

    IFA 2015: Toshiba bringt neue SSDs und Festplatten

    Als einziger Festplattenhersteller hat Toshiba auch SSDs mit Flash-Speicher aus eigener Produktion im Programm. Zur IFA bringt Toshiba neue Modelle aus beiden Bereichen.

  2. Mozilla frischt Browser-Editor Thimble auf

    Mozilla Thimble

    Mozilla hat seinen Browser-basierten Code-Editor grundlegend überarbeitet, sodass es attraktiver für angehende Webentwickler sein soll, HTML, JavaScript und CSS zu erlernen.

  3. IFA 2015: Das Internet der Dinge treibt die Branche

    Das vernetzte Haus

    Die zunehmende Vernetzung nicht nur von IT-Produkten, sondern Haushaltsgeräten und Alltagsgegenständen bildet Branchenvertretern zufolge einen der zentralen Trends der kommenden Jahre. Aber es warten auch neue Herausforderungen auf die Hersteller.

  4. Offene Beziehung

    Mercedes

    Mit dem neuen Cabrio kommt der letzte Ableger der aktuellen S-Klasse auf den Markt. Mercedes macht es seinen Kunden nicht leicht, denn gewisse Überschneidung zum leicht anders positionierten SL sind unübersehbar

Anzeige