Holger Bleich

Sturm in die Wolke

Der Cloud-Boom und was Sie davon haben

Glaubt man der Werbung, vollbringt „die Cloud“ Wunder. Daten lassen sich sicher verwahren, Unternehmen sparen jede Menge Geld und alle Geräte können sich miteinander austauschen. Tatsächlich bringen Cloud-Konzepte Vorteile und neue Möglichkeiten, allerdings längst nicht für jeden.

My home is my castle! Da predigten die Gurus für Datensicherheit und -schutz jahrelang, man solle die wertvollen Ressourcen im eigenen Haus betreiben und verwalten. Und auf einmal ist alles anders: Der Chef hat vom riesigen Einsparpotenzial der Cloud Wind bekommen, prompt steht Outsourcing ganz oben auf der To-Do-Liste.

In kleinem Maßstab trifft den Privatanwender dieser recht abrupte Paradigmenwechsel ebenso. Hieß es gestern noch, nur auf dem heimischen, hochgerüsteten PC ließe sich bequem und sicher arbeiten, gelten heute entfernt laufende Browser-Anwendungen als chic, Speicher in einer Cloud als viel trendiger und sicherer als die USB-Festplatte unterm Schreibtisch zur Datenredundanz.

Weder Unternehmen noch Konsumenten sollten den Versprechen der Marketing-Gurus ungeprüft erliegen. Für beide kann die Cloud große Vorteile bringen, allerdings ganz verschiedene – denn wenn ein CEO von den „Benefits“ des Cloud-Outsourcings schwärmt, meint er damit etwas völlig anderes, als wenn etwa die Telekom dem Privatanwender „ein neues Zuhause“ für all seine Daten in der T-Cloud verspricht. „Die Cloud“ ist eine Marketing-Erfindung, eine Worthülse, die von allen Seiten – je nach Gusto – mit verschiedenen Inhalten gefüllt und oft allzu undifferenziert genutzt wird.

Fantastisch elastisch

Als Erfinder und Namensgeber des Cloud-Computing gilt Amazon. Die gigantische Infrastruktur hinter dem Amazon-Webshop benötigt zu Lastspitzen wie der Weihnachtszeit rund zehnmal so viel Ressourcen wie in einem Saure-Gurken-Sommer. 2006 begann der Konzern, eine skalierbare Abstraktionsschicht zwischen Hardware und Software zu installieren, um nicht genutzte Ressourcen als eigenständiges Produkt weiterverkaufen zu können.

In Amazons „Elastic Cloud“ lassen sich Anwendungen in virtuellen Maschinen ausführen (EC2-Instanzen), Datenbanken starten (Amazon Relational Database Service RDS), Dateien speichern (S3 und EBS). Der Konzern setzt auf den Pooling-Effekt: Ressourcen, die ungenutzt sind, landen im gedachten Pool und stehen dynamisch sofort wieder zur Weiternutzung bereit. Die Server in den riesigen Rechenzentren des Online-Händlers drehen also nicht den Großteil des Jahres Däumchen, sondern stellen ihre Kapazität in der Cloud zum Abruf bereit. Sämtliche in der Cloud verfügbaren Dienste laufen unter dem Oberbegriff „Amazon Web Services“ (siehe Artikel auf Seite 110 in c't 10/12).

Mit der Virtualisierung setzte der Konzern seine bislang gebundenen Hardware-Ressourcen in granular zur Miete buchbaren Portionen frei. Dies verband er mit einem für Geschäftskunden so schlichten wie attraktiven Preismodell: Bezahlt wird für genau das, was man verbraucht. Lange Vertragslaufzeiten gibt es nicht mehr. Für unterschiedliche Lastsituationen stehen jederzeit genügend Ressourcen bereit. Eine maximal flexible Umgebung, in der sich gegebenenfalls sogar ein komplettes Rechenzentrum abbilden lässt.

Wolkenschichten

Der Begriff „Cloud“ wurde schnell viel weiter gefasst, als es Amazon wahrscheinlich meinte. Er stand und steht grob gesagt für virtualisierte beziehungsweise abstrahierte, nicht verortbare Ressourcen, die beliebig skalieren. Um die wolkigen Dienste in ein Schema zu bringen, hat sich mittlerweile ein vom US-amerikanischen National Institute for Standards and Technology (NIST) definiertes Beschreibungsmodell etabliert.

Gemäß NIST lassen sich Cloud-Dienste in drei Kategorien unterteilen: Als Infrastructure-as-a-Service (IaaS) gelten Angebote, die Zugriff auf virtualisierte Rechner-Ressourcen geben, also etwa Server-Umgebungen oder Festplattenspeicher (Storage). Bei Platform-as-a-Service (PaaS) stellt der Anbieter eine oftmals proprietäre Laufzeitumgebung in seiner Cloud bereit, die dem Kunden frei skalierbar zur Entwicklung und Ausführung von darin laufender Software zur Verfügung steht. Software-as-a-Service (SaaS) steht für fertige Anwendungen, die in einer Cloud laufen und von Kunden genutzt werden können.

Die meisten Cloud-Service-Anbieter offerieren nur auf einer dieser drei Ebenen Dienste. Die Bereitstellung von virtualisierter Hardware-Infrastruktur und Plattformen für eigene Software ist vorwiegend auf Unternehmenskunden zugeschnitten. Für Privatanwender gibt es derzeit fast nur SaaS-Services in den Clouds. Interessanterweise nutzen Web-Surfer Cloud-Anwendungen schon viel länger an breiter Front, als der Begriff dafür existiert. (hob)

Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 10/2012.

Nützliche Cloud-Dienste

Artikel zum Thema "Nützliche Cloud-Dienste" finden Sie in c't 10/2012:

  • Der Cloud-Boom und was Sie davon haben - Seite 102
  • Cloud-Angebote von Apple, Google, Microsoft und Telekom - Seite 106
  • Virtuelle Maschinen bei Amazon - Seite 110

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